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StartseiteInterview"Die Eliten sind dringend aufgefordert, dem Volk aufs Maul zu schauen"10.11.2016

Alexander Gauland zur US-Wahl"Die Eliten sind dringend aufgefordert, dem Volk aufs Maul zu schauen"

Die Trennung zwischen den sogenannten Eliten und dem Volk sei heute so stark, dass man den Eliten nicht mehr vertraue, sagte der stellvertretende AfD-Vorsitzende, Alexander Gauland, im DLF. Dies sei in den USA so, wo Donald Trump zum neuen Präsidenten gewählt wurde, und auch in Deutschland.

Alexander Gauland im Gespräch mit Christoph Heinemann

Der Vorsitzende der AfD-Fraktion im Brandenburger Landtag, Alexander Gauland. (dpa/picture alliance / Ralf Hirschberger)
Der Vorsitzende der AfD-Fraktion im Brandenburger Landtag, Alexander Gauland. (dpa/picture alliance / Ralf Hirschberger)
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Aufgrund dieses Phänomens müssten sich die Politiker anschauen, was das Volk wolle, und nicht so tun, als gebe es keine Alternative zur bisherigen Politik, so Gauland. Er kritisierte, dass die Menschen nicht gefragt wurden, "ob wir eine Masseneinwanderung von einer Million Muslime wollen", oder ob man die Griechenlandrettung mittragen wolle. Bei diesen politischen Entscheidungen handle es sich um "Verpflichtungen für Generationen".

Gauland wies darauf hin, dass auch der künftige US-Präsident Trump Merkel bereits für ihre Flüchtlingspolitik kritisiert habe.

Über Trump sagte Gauland, es sei legitim, dass er Amerika wieder groß machen und die Wirtschaft ankurbeln wolle. Er lobte, dass Trump ein gutes Verhältnis zum russischen Präsident Putin pflegen wolle. Das wolle die AfD auch. Für eine weitere Einschätzung von Trumps Politik müsse man abwarten, bis dieser seinen politischen Kurs festgelegt habe.


Christoph Heinemann: Am Telefon ist Alexander Gauland, Fraktionschef der AfD im Landtag von Brandenburg. Guten Morgen!

Alexander Gauland: Guten Morgen!

Heinemann: Herr Gauland, ist Trump jemand, den Sie gern zum Nachbarn hätten?

Gauland: Ach, dazu kenne ich ihn zu wenig, das weiß ich nicht. Es ist auch völlig egal.

Heinemann: Sie kennen Herrn Boateng ja auch nicht und waren aber dennoch sicher, dass die meisten Deutschen ihn nicht zum Nachbarn haben möchten.

Gauland: Sie wissen, dass mir der Name Boateng von anderen Kollegen untergeschoben worden ist, ich kannte den gar nicht und wusste auch nicht, dass er dunkelhäutig ist.

Heinemann: Ach, das wussten Sie … Okay, ja.

Gauland: Nein.

Heinemann: Mhm. Ist Ihnen Trump sympathisch?

Gauland: Ach, das ist auch so eine schwierige Frage. Es geht hier um Politik und da haben die Amerikaner gewählt und die Amerikaner haben so entschieden. Und damit müssen wir jetzt mit einem Staatsmann umgehen, der Ansichten hat, über die viele von uns erstaunt sind, aber das ist das Normale und wir sollten jetzt auf ihn zugehen und abwarten, was er denn für politische Vorstellungen hat. Das Problem ist ja, dass wir gar nicht wissen, was er für politische Vorstellungen hat. Und erst wenn er die äußert, kann man sagen, ist er für Deutschland nützlich oder ist er für Deutschland nicht nützlich. Der Rest ist eben die Frage: Amerika hat ihn gewählt und das haben wir zu akzeptieren.

Heinemann: Er hat sich schon geäußert, nämlich nationalistisch und protektionistisch. Sind das gute Nachrichten aus Washington?

Gauland: Das ist mir zu phrasenhaft. Er hat sich geäußert, dass er Amerika wieder groß machen will, das ist legitim. Er hat sich geäußert, dass er die Arbeitslosigkeit beseitigen will, das ist auch legitim. Und er hat sich geäußert, dass er glaubt, mit Putin auszukommen. Das ist etwas, was die AfD sich wünscht. Von daher sind das drei Punkte, bei denen ich noch überhaupt nicht sagen kann, wie sich das nun auswirkt.

Heinemann: Konkret hat er gesagt, er will Zölle einführen, er will die heimische Wirtschaft subventionieren und er will Freihandelsabkommen entweder neu verhandeln oder gar nicht erst abschließend.

Gauland: Ja, ist klar. Er ist gewählt worden von Menschen, die das Gefühl haben, dass die Deindustrialisierung Amerikas allmählich ihre Arbeitsplätze beseitigt, dass Amerika in der Welt nicht mehr die erste Macht ist, und dass Amerika wieder groß werden muss, damit die kleinen Leute in Amerika eine sichere Zukunft haben. Das muss man nun mal sehen, wie er das umsetzt und welche Ziele er dann außerdem verfolgt. Das hat er bis jetzt nicht gesagt. Er hat die Mittel nicht angegeben, von daher sind das alles Spekulationen.

"Die Eliten haben nicht mehr das Vertrauen des Volkes"

Heinemann: Welche Lehren ziehen Sie aus seinem Wahlkampfstil?

Gauland: Ich glaube, da kann man gar keine Lehren ziehen. Trump ist Trump und Amerika ist Amerika. Und wir in Deutschland oder in England oder in Frankreich, also in Europa haben eine andere Art, miteinander umzugehen, politisch. Von daher ziehe ich überhaupt keine Lehren. Aber es ist bestimmt eins richtig, das ist das Einzige, was man vielleicht sagen kann, dass die Trennung zwischen Eliten und Volk auch in Amerika offensichtlich so stark ist, dass die Eliten nicht mehr das Vertrauen des Volkes haben. Das gibt es auch bei uns, das hat der Brexit gezeigt, das gibt es in Frankreich, in Österreich, das ist vielleicht die einzige Lehre, die man ziehen sollte und kann, dass die Eliten dringend aufgefordert sind, wie heißt es so schön bei Luther: dem Volk aufs Maul zu schauen und sich anzuschauen, was das Volk will, und nicht so zu tun, wie das bei uns ja üblich ist, es gibt keine Alternative und ihr versteht eh nicht, was richtige Politik ist. Das wird sich ändern.

Heinemann: Herr Gauland, Trump hat Behinderte, hat Frauen, hat Menschen mit anderer Hautfarbe verhöhnt und beleidigt. Sie haben gerade gesagt, man kann keine Konsequenzen aus seinem Wahlkampf ziehen?

Gauland: Nein, man kann keine Konsequenzen aus seinem Wahlkampf ziehen.

"Nicht gleich den politischen Weltuntergang voraussagen"

Heinemann: Also, Sie fanden das okay?

Gauland: Ich habe gar nicht gesagt, dass ich es okay finde. Aber amerikanischer Wahlkampf ist anders als deutscher Wahlkampf. Die Frage ist: Was setzt er wirklich um, was ist, sagen wir, Gerede, was überhaupt keine politischen Inhalte bedeutet? Also, von daher, das muss man mal abwarten und nun nicht gleich den Weltuntergang voraussehen.

Heinemann: Herr Gauland, wir wollen einen kurzen Auszug aus einem Kommentar unseres Hauptstadtkorrespondenten Stephan Detjen hören, den wir gestern gesendet haben:

O-Ton Stephan Detjen: Sollte Angela Merkel tatsächlich mit dem Gedanken gespielt haben, sich mit dem Ende der Wahlperiode im nächsten Jahr aus der Politik zurückzuziehen, hat sie ab heute einen Grund mehr, ihre Haltung zu überdenken. Mehr als im eigenen Land wird sie auf der internationalen Bühne mit der Erwartung konfrontiert sein, eine neue Führungsrolle einzunehmen. Heute waren in Berlin allerorten die Beschwörungen zu hören, Europa müsse diese Aufgabe in einer neuen Geschlossenheit übernehmen.

"Trump hat sich ja sehr kritisch zu Angela Merkel geäußert"

Heinemann: Ein Auszug aus einem Kommentar unseres Kollegen Stephan Detjen, den Sie vollständig auf Deutschlandfunk.de abermals hören können. Herr Gauland, ist Angela Merkel heute wichtiger denn je?

Gauland: Also, das glaube ich nicht, dass sie wichtiger denn je ist. Sie wissen, wir halten Ihre Politik für durchgehend falsch. Wir wollen diese Flüchtlingspolitik nicht, übrigens, das ist etwas, was Trump auch gesagt hat, er hat ja sich sehr kritisch zu Angela Merkel geäußert. Warum das jetzt wichtiger sein soll als je, weiß ich nicht. Diese Politik war falsch, bevor Trump gewählt wurde, die Politik ist falsch. Und ich wünschte mir nicht, dass Angela Merkel in der deutschen Politik bleibt, aber das wird sie selber entscheiden müssen.

Heinemann: Ihre Parteifreundin Frauke Petry meint – und Sie haben sich ja gerade eben ähnlich geäußert –, dass vom politischen Establishment entmündigte Volk erhielte durch den Trump-Wahlsieg seine Stimme zurück. Können Sie uns das erklären, inwiefern das Volk in einer parlamentarischen Demokratie entmündigt ist?

Gauland: Das ist sehr einfach. Sind wir als Volk gefragt worden, ob wir eine Masseneinwanderung von einer Million Muslime haben wollten? Sind wir je gefragt worden, ob wir die Griechenland-Rettung haben wollten, ob wir Verpflichtungen für Generationen auf uns nehmen wollen? Das sind wir alles nie gefragt worden. Und das Volk fängt an, jetzt zu sagen, wir wollen diese Politik nicht. Und da ist Trump natürlich bis zu einem gewissen Grade auch ein Ausdruck davon, die Wahl von Trump.

Heinemann: Was heißt "das Volk"? Wer ist das Volk? Ihre Wähler?

Gauland: Das sind nicht nur unsere Wähler, das sind die Wähler, die nicht gefragt worden sind. Warum hat Frau Merkel die Grenzen geöffnet, statt mal die Menschen zu fragen, ob sie das wollen? Es hätte ja sein können, dass sie eine Mehrheit dafür bekommt, weiß ich nicht, aber sie hat es überhaupt nicht gemacht. Und es gibt immer mehr Menschen, das sind ja auch unsere Wähler, völlig richtig, es gibt immer mehr Menschen, die sagen, diese Politik wollen wir nicht. Und es gibt in Amerika natürlich Leute, die sagen, was hat denn die Obama-Zeit von acht Jahren gebracht: Nichts! Was hat denn in Wiederherstellung von Arbeitsplätzen diese Zeit gebracht: Nichts! Und von daher gibt es eine gewisse Unzufriedenheit und das ist das einzig Vergleichbare zwischen uns und Amerika, weil wir ganz andere Probleme haben. Aber natürlich, die Eliten müssen schon mal schauen, was das Volk so will. Und da kann es nicht sein …

Heinemann: Aber zu der Elite gehören Sie doch auch?

Gauland: Was heißt ich gehöre zu der Elite? Wir versuchen …

Heinemann: Als ehemaliger CDU-Funktionär.

Gauland: Wir versuchen, den Menschen, die unzufrieden sind mit dieser Art von Politikabläufen, wieder eine Stimme zu geben. Da …

Heinemann: Alexander Gauland, der Fraktionschef der AfD im Landtag von Brandenburg. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören!

Gauland: Wiedersehen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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