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StartseiteBüchermarkt"Die Pyramide am Himmel sehen"14.05.2021

Alexander Gorkow: "Die Kinder hören Pink Floyd""Die Pyramide am Himmel sehen"

Außer Schulzoff, Balkan-Grill und Fernsehen hat der Vorstadt-Alltag für den Zehnjährigen Erzähler wenig zu bieten. Bis er 1976 mit seiner großen Schwester "Kontakt" zur Rock-Band Pink Floyd aufnimmt. Die Phantasie des Jungen nimmt Fahrt auf und zündet ein Feuerwerk süffisanter Kurzschlüsse.

Von Christoph Vormweg

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Der Autor Alexander Gorkow (Alessandra Schellnegger/Kiepenheuer und Witsch Verlag)
Alexander Gorkow belebt seine Musik-geprägte Vorstadtjugend wieder (Alessandra Schellnegger/Kiepenheuer und Witsch Verlag)
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Der Alltag in den uferlosen Randzonen der Großstädte ist eine Massenerfahrung. Doch ist das Vorstadtdasein in seiner geruhsam-beschaulichen Variante mit eigenem Garten auch literaturtauglich? Was gibt es für Alexander Gorkows zehnjährigen Erzähler an Abwechslung außer Schul-Prügeleien, das neue Fernsehprogramm oder ein Besuch im Balkan-Grill? Nicht einmal von Nachbarschaftsstreit weiß er zu berichten. Im Gegenteil: Der Garten schafft tief empfundenes Glück.

"Der Satz des Vaters zum Nachbar Kallen, am Zaun: 'Jupp, ich sprüh’ gleich. Meine Rosen brauchen ihr Gift.'
Die lange Pause, bis Jupp Kallen antwortet. 'Ja.'
Nach einer weiteren langen Pause, die beide Männer nutzen, um sich zu fixieren, sagt Jupp Kallen: 'Ich sprüh morgen.'
Sie rauchen, gucken und sagen nichts. Würde man das zusammenschneiden, wie sie über die Jahre am Zaun stehen, Jupp Kallen und der Vater, wie sie sich dabei ansehen, das Ergebnis wäre ein Film aus tausend Stunden, leicht und vollkommen, die Haltung der Männer, der Rauch im Licht, die Augen, die den Blick des anderen suchen, um darin, im Blick des anderen zu ruhen, all dies würde sich in diesem Film nicht verändern. Still stünden sie in geraffter Zeit aus Jahrzehnten, die Haare erst schwarz, dann weiß, die Kleidung ab- und aufflackernd in diesen und jenen Farben. Ein Liebesfilm."

"Die Kinder hören Pink Floyd" ist ein autobiografischer Roman über die Familie Gorkow Mitte der 1970er Jahre. Der 10-jährige Junge von damals und der erfahrene Journalist und Autor von heute werden eins – mal mit unmittelbarem, mal mit distanziertem Blick. Spannung erzeugen vor allem die Phantasien und Kurzschlüsse des Heranwachsenden, der versucht, die Realitäten, die ihn umgeben, zu deuten. Ständig wuchern Fragezeichen aus dem Beobachteten. Woher kommen die Hasstiraden der alten Männer auf der Straße? Wie ist es möglich, dass aus allen Vorstadt-Fernsehern zur selben Zeit dieselben Bilder kommen? Und was ist ein "Mongo"?

Das Leben wörtlich nehmen

Aus der Perspektive des Zehnjährigen, der stottert und deshalb um seine Zulassung für das Gymnasium bangen muss, erscheint die Düsseldorfer Vorstadtlangeweile stets geheimnisumwoben. Schließlich hat er im Kopf ganz nebenbei mit Monstern zu kämpfen: etwa mit Schlagersänger Heino aus der ZDF-Hitparade oder mit den Figuren aus dem Horror-Film "Die Nacht der reitenden Leichen", der immer wieder in der sonntäglichen Kino-Matinee für Kinder gezeigt wird. Nicht der Alltag liefert die Magie, sondern die jugendliche Phantasie.

Sein früheres, neugieriges, oft begriffsstutziges Staunen zeichnet Alexander Gorkow selbstironisch nach. Für den Humor sorgt vor allem das Wörtlichnehmen. So fragt sich der Erzähler, warum das Buch, das sein Vater gerade liest, "Gesichtspunkte eines Deutschen" heißt, obwohl die Gesichtshaut des Autors, des Politikers Rainer Barzel, doch so makellos erscheint. Zum Glück steht dem Jungen die große, herzkranke 16-jährige Schwester erklärend zur Seite. Dank ihr können sie nicht nur über den Fernseher Kontakt zur weiten Welt aufzunehmen, sondern auch über die Stereo-Anlage. Die aus den Hifi-Boxen schallende Pink-Floyd-Musik öffnet neue Horizonte und liefert so auch die Argumente, um einen "Sweet"-Fan wie Manuela bekehren zu wollen.

"Lächelnd erkläre ich Manuela, dass man die Pyramide, das weiße Licht und die Farben des Regenbogens von Pink Floyd am Himmel sehen kann, wenn man sich nur gründlich konzentriert. Wer sich konzentriere, der werde das Zeichen am Himmel sehen. Ich stottere nicht. Ich erzähle, dass die Platte mit der Pyramide mit einem Herzschlag beginnt und auch endet. Pink Floyd senden uns mit dieser Platte eine Botschaft, das ist wichtig. Eben deshalb sei es auch wichtig, dass man sich in diese Platte von Pink Floyd einhöre. Dies sei die erste Stufe. Die zweite, dass man die Pyramide von Pink Floyd zu sehen bekomme. Am Himmel."

Das Buch „Die Kinder hören Pink Floyd“ von Alexander Gorkow (Buchover: Kiepenkeuer und Witsch Verlag, Hintergrund: IMAGO/agefotostock/Fotosearch_LBRF_kasezo)Das Buch „Die Kinder hören Pink Floyd“ von Alexander Gorkow (Buchover: Kiepenkeuer und Witsch Verlag, Hintergrund: IMAGO/agefotostock/Fotosearch_LBRF_kasezo)

Zaubertrank Phantasie

Was passiert, wenn so gut wie nichts passiert? Auf diese Frage weiß Alexander Gorkow die passende Antwort: Das Kopfkino ist das beste Kino – zumal wenn man Nichtigkeiten so brillant beschreiben kann wie er. Ohne jede Überheblichkeit porträtiert er die Vorstadt-Figuren und zeigt, wie ein Schreibwarenladen oder eine Drogerie zur Bühne werden können. Und schließlich bläst die große Schwester, die Pink Floyds Lied-Texte selbst übersetzt, auch noch zum Aufstand gegen das Elternhaus. So findet die 68er Revolte in der Düsseldorfer Vorstadt-Idylle mit acht Jahren Verspätung doch noch statt.

Alexander Gorkow hat die Erinnerungsschübe an seine Vorstadtkindheit kunstvoll verschachtelt, in einer eingängigen, feinsinnigen, knapp geschnittenen Prosa. Wer die 1970er-Jahre von innen heraus verstehen will, findet in seinem Roman "Die Kinder hören Pink Floyd" den Schlüssel. Im Epilog erfahren wir zudem, dass der einstige Stotterer als Journalist die Stars von Pink Floyd selbst interviewt hat. Seine Phantasien sind so in gewisser Weise zur Realität geworden.

Alexander Gorkow: "Die Kinder hören Pink Floyd"
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln. 188 Seiten, 20 Euro.

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