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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDie neue Weltmacht20.03.2016

AlgorithmenDie neue Weltmacht

Google ist mit einem Algorithmus zur größten Suchmaschine und Facebook zum führenden Sozialen Netzwerk geworden. Algorithmen, Rechenanweisungen zur Lösung eines Problems, bestimmen bei immer mehr Dingen unsere Entscheidungen für oder gegen etwas. Auch deshalb ist es wichtig, dass sich noch mehr Menschen intensiver mit diesen Programmen auseinandersetzen.

Von Dagmar Röhrlich

Dank einem neuen Steuerungsalgorithmus kann dieser Quadrocopter auch nach dem Verlust eines Propellers in der Luft bleiben.  (Mark Müller / ETH Zürich)
Algorithmen steuern große und kleine Dinge: Eine Flugdrohne oder Googles Internetsuche. (Mark Müller / ETH Zürich)
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In unseren Computern und Smartphones lauert eine Gefahr: die Algorithmen. Sie verändern schleichend unsere Zivilisation, infizieren unser Denken, machen uns berechenbar. So etwa lassen sich die Ängste vor diesem "Teufelswerk in Computercode" zusammenfassen. Doch was sind diese Algorithmen eigentlich? In seinem informativen Buch entmystifiziert Autor Christoph Drösser diese Rechenverfahren nicht nur, er möchte auch die Bewunderung für die eleganten Wege der Problemlösung wecken.

Beispiel Google: Hinter den Algorithmen der wichtigsten Suchmaschine der Welt stecken zwei Milliarden Zeilen Computercode, täglich behütet, ergänzt und verbessert von 25.000 Entwicklern. Beispiel Facebook: Das soziale Netzwerk, das - Stand Dezember 2015 - mehr als ein Fünftel der Menschheit einbindet, verspricht uns dank seiner ständig neu justierten Algorithmen Nachrichten, die uns persönlich interessieren. Amazon und Netflix filtern das für uns heraus, von dem ihre Algorithmen annehmen, dass es uns gefällt. Algorithmen zeigen uns den Weg von A nach B, beurteilen unsere Kreditwürdigkeit, sollen uns mit einem Lebenspartner zusammenbringen und dafür sorgen, dass eine Stelle vorurteilsfrei mit dem besten Bewerber besetzt wird. Und manchmal kann ein einzelner Mensch mithilfe eines Algorithmus die Weltwirtschaft an den Rand der Katastrophe bringen - wie etwa der "Flash Crash" vom 6. Mai 2010 beweist, bei dem der US-amerikanische Aktienmarkt innerhalb von Minuten einbrach (und sich genauso schnell wieder erholte).

Algorithmen, urteilt Autor Christoph Drösser, sind die neue Weltmacht. Eine Weltmacht, die aus nichts anderem besteht als aus Rechenanweisungen, aus in Einzelschritte aufgelösten Handlungsvorschriften zur Lösung eines Problems. Sie denken nicht: Ihre Stärke ist es, viele simple Rechenschritte in kürzester Zeit durchzuführen. Mehr steckt nicht hinter ihnen - aber auch nicht weniger.

Wir sind nicht berechenbar

Drösser stellt die wichtigsten Algorithmen vor, erklärt, wie sie funktionieren. Er führt aus, dass sie - anders als oft gedacht - nicht objektiv sind, diskriminieren, dazu neigen, Bestehendes zu zementieren - und dass sie kein Ersatz sind für Politik. Algorithmen sind Menschenwerk - genau wie Gesetze, so zitiert der Autor. Der Unterschied liegt darin, dass die Gesetze der kollektive Ausdruck einer Gesellschaft sind: "Algorithmen aber werden von Ingenieuren geschrieben. Die sind keine Vertreter der Gesellschaft, sondern handeln im Dienst eines Instituts, einer Firma, eines Geheimdienstes oder auch nur für sich selbst." Wir als Gesellschaft sollten also über Algorithmen nachdenken und versuchen sie zu verstehen.

Zwar ist es naiv zu erwarten, dass Firmen ihre Algorithmen offenlegen: Die sind schließlich ihr Geschäft - ein Hunderte-Milliarden-Geschäft. Aber Muster und Regeln lassen erkennen, selbst wenn man den Code nicht kennt und damit lassen sich die Algorithmen auch überprüfen. Je mehr Leute sich mit ihnen befassen, desto nüchterner kann die Gesellschaft die Interessen analysieren und die Programme hinterfragen, die unser Leben bestimmen - und umso "häufiger entscheiden nicht die Algorithmen für uns, sondern wir entscheiden uns für Algorithmen, weil sie unser Leben vereinfachen." Genau darauf kommt es an: auf einen souveränen Umgang mit ihnen. Und so beantwortet Christoph Drösser am Schluss seines aufschlussreichen und verständlichen Buches am Ende auch die Frage, die der Titel aufwirft: Wir sind nicht berechenbar. Und das ist gut so.

Christoph Drösser: "Total berechenbar? Wenn Algorithmen für uns entscheiden", Hanser-Verlag, 256 Seiten, 17.90 Euro

 

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