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StartseiteInterview"Alle Herrscher in Arabien fangen an zu wackeln"02.03.2011

"Alle Herrscher in Arabien fangen an zu wackeln"

Schriftsteller Rafik Schami hält Wandel in arabischen Ländern für kaum aufhaltbar

Die Freiheitsbewegungen im Nahen und Mittleren Osten werden nicht nach einem Schema laufen, meint der aus Syrien stammende Schriftsteller Rafik Schami. Die Bevölkerung habe gemerkt, dass Wandel möglich sei. Die Herrscher müssten mit Reformen reagieren - oder stürzen.

Rafik Schami im Gespräch mit Jasper Barenberg

Der syrisch-deutsche Schriftsteller Rafik Schami (picture alliance / dpa)
Der syrisch-deutsche Schriftsteller Rafik Schami (picture alliance / dpa)
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Jasper Barenberg: Zu ersticken glaubte Rafik Schami in Syrien, als er 1971 aus Damaskus nach Deutschland floh, als 25-Jähriger, ein Chemiestudent, der Lehrer werden wollte, eigentlich aber Schriftsteller. Eine Wandzeitung hatte er gegründet, sie wurde verboten. In Heidelberg promovierte Rafik Schami als Chemiker, den Beruf aber gibt er dann auf, um zu schreiben. Gelobt wird er dafür, uns den Reichtum der arabischen Erzählkunst vor Augen zu führen, und zugeschrieben wird ihm auch, seinen Landsleuten zu zeigen, was eine Literatur frei von Zensur vermag. Wie denkt er über die Freiheitsbewegung im Nahen und Mittleren Osten? Er ist jetzt am Telefon. Einen schönen guten Morgen, Rafik Schami.

Rafik Schami: Guten Morgen!

Barenberg: Mit brutaler staatlicher Gewalt versucht Libyens Diktator Gaddafi derzeit, das Aufbegehren in seinem Land zu unterdrücken. Erleben wir gerade an diesem Beispiel, welche Gefahren der Umbruch in der Region für die Menschen bedeutet?

Schami: Sicher, und zwar in einer sehr fokussierten Art. Also Gaddafi ist ein Mörder, ein Killer, er hat aber über alle diese Jahrzehnte dieses Gesicht gezeigt, zwischendurch flackern lassen mit der Unterdrückung der Opposition, mit der Hinrichtung 1996 von 1200 wirklich armseligen Gefangenen in einem Gefängnis, nur weil sie gebeten haben um Verbesserung ihrer Situation. Mit der Sprengung von Flugzeugen, von Zivilisten, er war immer mit diesem Gesicht. Allerdings immer wieder auch hatte er so einen Clown gespielt, vor allem wenn er so auftrat wie im Karneval. Um Gottes Willen, kein Vergleich hier ist gewünscht, Karneval ist etwas Lustiges. – Es kann sein, dass dieses Gesicht auch mit die Revolutionen in Arabien prägen muss, leider Gottes.

Barenberg: Sie wird dieses Gesicht der Gewalt, der brutalen Gewalt, sagen Sie. Könnte das Gesicht prägen? Das heißt, es könnte auch diese Bewegung für mehr Freiheit umkehrbar machen, aufhalten?

Schami: Wissen Sie, Revolutionen – wir wissen das aus der Geschichte -, Revolutionen können immer ein Roll back, nennt man das, oder einen Rückschlag haben, immer. Denken wir doch alle, als Schüler haben wir alle gelernt, die Französische Revolution hat ihre eigene Kinder gefressen, wie man das so sagt, nicht wahr. Das ist immer möglich.

Nur die Situation vor der Revolte der Tunesier, der heldenhaften Tunesier, kann nie wieder zurückkehren. Alle Herrscher in Arabien fangen an zu wackeln, die müssen Reformen führen, oder die werden stürzen, weil die Bevölkerung oder das Volk in ihrem Land gerochen hat, dass das möglich ist, zusammenzustehen und die Regierung zu stürzen. Natürlich, mein Lieblingsaufstand ist dieser friedliche ägyptische Aufstand, der mit drei Millionen auf einem Platz friedlich verläuft, besser als eine Musikveranstaltung in irgendeinem Land. Aber man muss immer damit rechnen, dass ein Herrscher wie Gaddafi oder wie der Südjemen oder wie Syrien oder wie Saudi-Arabien nicht so einfach die Macht hergibt. Dafür hatte er seit Jahrzehnten extra Waffen gegen die Zivilisten eingekauft. Bei den Engländern hatte Herr Gaddafi ganz spezielle Waffen gegen die Demonstranten, bei Berlusconi ließ er sich gut bedienen und er hat Milliarden ins Ausland transferiert wegen diesen blöden Geschäften.

Barenberg: Das heißt also, früher oder später wird diese Bewegung alle Länder der Region erfassen, erreichen?

Schami: Auf jeden Fall, ohne jetzt den Optimisten zu spielen. Ich bin immer ein Pessimist gewesen. Aber ich sehe und lerne mit, dass diese Völker da unten nicht ein Volk ist. In Arabien sind es Völker. Diese Völker haben genug. Wissen Sie, ich sage Ihnen und Ihren Zuhörerinnen und Zuhörern ein Beispiel.

Wenn wir jammern wegen einer Entwicklungshilfe von fünf Millionen, da geht ein Entwicklungsminister und kommt sich nicht lächerlich vor und diskutiert Monate, ob ein Frauenprojekt in Ägypten oder ein Kinderprojekt im Libanon finanziert werden soll mit fünf Millionen Euro. Zugleich wissen wir jetzt, dass der Mubarak oder der Sohn von Gaddafi gestern 1,7 Milliarden in Österreich gebunkert hat. Das kriegen die Leute jetzt mit. Diese Medien, diese neueren Medien haben unsere Herrscher lächerlich gemacht, dieses Facebook.

Es gibt einen Witz in Ägypten, Nasser wurde ja vergiftet und Sadat wurde erschossen, und als Husni starb, sagte man, "Hallo Husni, wurdest du erschossen?," fragte der Sadat, da sagt er "Nein", der Nasser fragte dann, "Wurdest du dann vergiftet?", da sagte er "Nein, leider, noch schlimmer: mit Facebook". Also das heißt, diese Medien informieren die Bevölkerung und die lassen sie kommunizieren gegen den Geheimdienst, und so organisieren sich die Leute und werden diese Situation verändern in Arabien. Was daraus wird, das ist wirklich offen, das ist wirklich offen. Ob wir hier jetzt den Zerfall dieser Länder erleben, wie der jemenitische Machthaber droht, wenn ich weggehe, sagt er – das hat er von Stalin gelernt -, wenn ich weggehe, zerfällt der Jemen in vier Jemen, das weiß ich nicht. Es kann sein, dass dann Sippen hochkommen, die überhaupt keinen Begriff von demokratischem Zusammensein haben. Es kann auch eine wunderbare Gesellschaft entstehen.

Barenberg: Werfen wir einen Blick auf Syrien, auf Ihre Heimat. Dort gibt es bisher keine, oder kaum Proteste. Wird sich das ändern und können sich einzelne Länder, beispielsweise Syrien, gegen diese Entwicklung möglicherweise abschotten?

Schami: Abschotten nicht. In Syrien geht es der Bevölkerung verhältnismäßig noch viel besser als in anderen Ländern. Das Regime hat gewusst, wie das Land aus der Bürgerkriegsphäre rausgeholt wird. Sie müssen bedenken, dass das Regime fähig ist, dass das Regime intelligent ist. Daher ist der Kampf gegen das Regime ganz schwierig und es wird ein anderer, eigener Weg sein. Es wird nicht, kein einziger Aufstand wird dem anderen nachahmen. Es wird sich nicht abschotten können. Es kann aber sein, dass das Regime begreift, wenn mehrere Regime fallen, dass es gezwungen ist zu Reformen, die sich vertragen mit der Herrschaft des jetzigen Präsidenten, ohne sofort alles auf den Kopf zu stellen. Es kann aber sein, dass die Armut voranschreitet. Die ist in Syrien noch nicht Machthaber, aber das kann jederzeit passieren nach irgendeiner Naturkatastrophe oder nach irgendeiner Misswirtschaft, dass die Bevölkerung doch den Aufstand führt.

Barenberg: Haben Sie denn Anzeichen dafür, Anhaltspunkte, dass das Regime, dass Präsident Assad in Syrien bereit ist, Reformen auf den Weg zu bringen?

Schami: Es gibt zwei Kräfte in diesem Regime seit der Machtübernahme des Sohnes. Erst mal ist es eine grundsätzliche Besserung, aber es gibt zwei Mächte, zwei Flügel, die dauernd am streiten sind. Ein Flügel, der etwas mehr reformfähig ist, der andere ist diese graue Eminenz des Geheimdienstes. Wir haben 15 Geheimdienste und die werden gar nichts reformieren, denn in dem Augenblick, in dem sie reformieren wollen, müssen sie ja damit rechnen, dass sie vors Gericht gebracht werden wegen dieser vielen Morde und vielem, vielem Unrecht, was sie begingen, diese 15 Geheimdienste. Das verträgt sich nicht, Reformen mit 15 Geheimdiensten. Das verträgt sich nicht. Das ist ja keine Alternative, dass man eine Reform macht und noch die 15 Geheimdienste verwöhnt. Das sind die zwei streitenden Kräfte an der Macht. Die Opposition ist bei uns auch sehr, sehr schwach. Nur was ich durch diese Aufstände gelernt habe ist folgendes: Diese Massen, wissen Sie, diese Massen überholen alle Parteien, überholen sogar die Intellektuellen und machen ihre Sache spontan, ohne die Oberhand der vorhandenen Partei. Deshalb habe ich vor kurzem in einem Interview mit einer libanesischen Zeitschrift gesagt, es kann sein, dass in Syrien und in anderen Ländern auch diese Parteien, die heute wir Opposition nennen, kaum eine Rolle spielen. Dass etwas Neues kommt von den Jugendlichen, nie da Gewesenes, das können wir noch nicht sagen.

Barenberg: Chancen und Risiken der Freiheitsbewegung in den arabischen Ländern. Vielen Dank für dieses Gespräch, Rafik Schami.

Schami: Bitte.

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