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Alles außer Sarkozy!

Nichts - lautet die Antwort auf die Frage, was sich seit den Unruhen im Herbst 2005 verändert hat. Die Bewohner von Clichy sous Bois scheinen sich selten einig:

Von Burkhard Birke |
    "Eigentlich müsste das ganze französische Volk betroffen sein, aber es hat sich nichts geändert!

    Das Gefühl zurückgesetzt, von der Gesellschaft verstoßen zu sein ist genauso stark wie zur Zeit der Unruhen. Und wir wissen alle, dass es jederzeit wieder dazu kommen könnte."

    Warnt CGT Gewerkschaftssekretärin Maryse Dumas. In der Tat weckten die Krawalle am Pariser Nordbahnhof nach der Festnahme eines aggressiven Schwarzfahrers vor wenigen Tagen die Erinnerung an die brennenden Vorstädte.

    Dort fahren derzeit weniger Polizeifahrzeuge Streife. Provokation vermeiden, lautet die Devise. Denn die Frustration sitzt nach wie vor tief. Um sie zu kanalisieren riefen verschiedene Hilfskollektive und Organisationen zu einer Protestkundgebung in Paris auf.

    "Für die von der Republik vergessenen. Für diejenigen, die die Republik aufgegeben hat, demonstrieren wir, sagt Samir Mihi, denn ich glaube dass das
    mit Absicht geschieht!"

    Samir Mihi ist Sprecher von ACLEFEU. Das steht für Association Collectif Liberté, Egalité, Fraternité Ensemble et Unis : Für Kollektiv der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit , gemeinsam und vereint.

    Er und seine Kollegen vom Kollektiv waren überall in Frankreich in den Banlieues: Haben ein Buch mit allen Sorgen und Nöten der Menschen der Banlieue veröffentlicht! Die Liste der Probleme ist lang: Wohnungsnot, Arbeitsmangel, sozialer Notstand, Jugendarbeitslosigkeit von bis zu 40 Prozent!

    "Die drei wichtigsten Punkte, nicht nur in der Banlieue, überall in Frankreich, sind der Kampf gegen die Diskriminierung, und zwar mit konkreten Maßnahmen, dann der Zugang zu vernünftigem Wohnraum und zu fester, menschenwürdig entlohnter Arbeit, denn die Diskriminierung verhindert nämlich auch, den Zugang zu Wohnungen und Arbeit. "

    Das sind auch die Kriterien für die Wähler in den Banlieues. Einige Kandidaten, unter Ihnen die Kommunisten Marie George Buffet und die Sozialistin Ségolène Royal haben den Sozial- und Bürgervertrag der Kollektive unterzeichnet. Darin verpflichten sie sich die Missstände abzustellen.

    "Die Kandidatin, Ségolène Royal hat sich engagiert auf den Text der Banlieue von heute, aber eigentlich gibt es keine richten Gesten."

    Die Einschätzung von Patrick, einem Sozialarbeiter. Wird die Wahl damit zur Qual?

    Er glaube nicht, dass er wählen geht, oder wenn dann nur aus einer politischen Strategie heraus, um zu verhindern, dass eine Person an die Macht kommt!

    Diese Person ist Nicolas Sarkozy! Tout sauf Sarkozy: Alles außer Sarkozy.
    Der Slogan macht unter den Migrantenkindern in den Vororten die Runde!
    Die Jugendlichen in der Banlieue haben nicht vergessen, dass der Kandidat der Regierungspartei UMP als Innenminister sie als Gesindel bezeichnete, von dem er die Vororte mit dem Dampfstrahler reinigen wollte! Sie die sich stets als Bürger zweiter Klasse fühlen, haben sich auch dank der Initiativen der Hilfskollektive massiv in die Wählerlisten eingetragen.

    "In Clichy stehen jetzt über 10 000 auf der Wählerliste: Über 3000 mehr als bei der letzten Wahl."

    Berichtet Samir Mihi. Um 8 Prozent - das sind 3,3 Millionen ist die Zahl der Wähler insgesamt gestiegen, das Gros davon stammt aus den Banlieues:

    "Das kann die Wahl in die eine oder andere Richtung kippen. Die Stimmen aus den Problemvierteln werden dieses Mal zählen. "