Donnerstag, 08. Dezember 2022

S. Harvey: „Jahr ohne Schlaf“
Im Wachzustand

Archäologin des Denkens: In ihrem ersten Memoir gelingt es Samantha Harvey, die Erfahrung der Schlaflosigkeit mit einer Suche nach der eigenen Vergangenheit und mit luziden Analysen der Psyche zu verbinden.

Von Nico Bleutge | 04.11.2022

Samantha Harvey: "Das Jahr ohne Schlaf"
Die englische Schriftstellerin Samantha Harvey wurde lange Zeit von einem altbekannten Dämon wachgehalten: dem eigenen Denken und seinen Pirouetten. In "Das Jahr ohne Schlaf" hat sie diese Gedanken auf Papier gebannt. (Portrait: Urszula Soltys / Cover: Hanser Berlin)
Gegen Mitternacht geht es los. Der Atem wird schneller. Das Herz ein einziges Trommeln in der Brust. Jetzt gibt es noch den Glauben an kleine Routinen. Kopf aufs Kissen legen. Gleichmäßig atmen. Wieder raus aus dem Bett. Die Kleidungsstücke vom Boden pflücken. Sie sauber zusammenlegen. Dann zurück ins Bett. Und ein paar Seiten lesen. Doch an der Kopfhaut sind schon die Stiche zu spüren:
„Ich schließe die Augen und versuche, an der Schläfrigkeit festzuhalten, die hinter den Synkopen meines Herzens immer noch ruft. (...) Fünfzig Minuten vergehen; es ist fast eins. Wenn Schlaf kommt, wäre er für gewöhnlich jetzt schon da; und wenn er jetzt noch nicht da ist, kommt er wahrscheinlich gar nicht mehr. Schweiß, die erste Ahnung von Panik wie ein Unwetter, das in der Ferne zu hören ist, nur die Ahnung eines dumpfen Donnerns.“
Bei dem dumpfen Donnern wird es nicht bleiben. Irgendwann durchschießt die Panik den ganzen Körper. Das Denken kennt nur noch Schleifen und Paradoxien. Durchforschen der Vergangenheit. Suche nach Schuld.
Die Schriftstellerin Samantha Harvey hat diese Zustände selbst erlebt. Immer und immer wieder. Fast ein Jahr lang leidet sie unter Schlaflosigkeit. Anfangs hat sie nur Schwierigkeiten beim Einschlafen und Durchschlafen. Dann findet sie in drei oder vier Nächten pro Woche gar keinen Schlaf. Sie kann nicht mehr vernünftig arbeiten. Kann keine Freunde mehr treffen. Ja, ohne die Unterstützung ihres Partners kann sie ihr Leben überhaupt nicht mehr führen.

Paradoxien des Nichtdenkenwollens

Klassische Behandlungsmethoden wie Achtsamkeitstraining oder veränderter Schlafrhythmus bringen sie nicht weiter. Kein nächtliches Puzzeln, kein Solitärspiel sorgt für die ersehnte innere Ruhe. In manchen Nächten liegt sie nur da und zählt in Dreierschritten von tausend rückwärts. Oder flüchtet sich in Gedichtzeilen. Schließlich versucht sie, das Denken einfach zu lassen:
„Der Gedanke: Hör auf zu denken. Immerzu denkst du.
Dann der Gedanke: Das war ein Gedanke. Der Gedanke, dass ich aufhören soll zu denken.
Dann der Gedanke: Das war ein Gedanke. Der Gedanke an den Gedanken, dass ich aufhören soll zu denken. (...)
Gedanke: Ich bin wach.“
Doch ebenso konsequent, wie Samantha Harvey die Paradoxien des Nichtdenkenwollens durchdenkt, beginnt sie, die Ereignisse der jüngeren Vergangenheit und bestimmte Kindheitserfahrungen zu analysieren. Da ist die Erinnerung an eine Reise durch Australien fünfzehn Jahre zuvor, auf der sie in einem kleinen Ort von einem Mann angegriffen und schwer verletzt wurde. Da ist ein Gefühl von Unwirklichkeit und elementarer Einsamkeit, das sie just überkam, als sie mit guten Freunden in einer Bar war. Vor allem aber ist da der Tod ihres Cousins, mit dem sie glückliche Kindheitstage verbrachte. Obwohl er an Epilepsie litt, meisterte er sein Leben. Nach einer langen Reise stirbt er überraschend – und der Gedanke an seinen toten Körper im Sarg lässt Samantha Harvey nicht mehr los.

Urangst vor der Sterblichkeit

All diese Gedankenstränge und Erinnerungsreste hält sie nicht nur fest, sondern sie wertet sie auch aus, stellt Hypothesen zu ihrer eigenen Schlaflosigkeit auf, die sie mal verwirft, mal zu Fragen zuspitzt. Hatte sie nicht schon immer einen Hang, überall nur Leid zu sehen und sich Sorgen zu machen? Fühlte sie sich nicht schon als Kind einsam? Ist etwa der Brexit Schuld, der ihren Glauben an die Politik endgültig zum Verschwinden bringt? Oder ist es nicht eigentlich der Gedanke an die Sterblichkeit, der sie Nacht für Nacht umtreibt:
„Wovor renne ich eigentlich davon? Wovor genau? Vor dem Tod, nehme ich an, denn zu ihm führt dich die Angst letztlich immer, wenn du ihr nur lang genug folgst. Die einfache Blüte des Nichtseins, die vom Moment unserer Geburt an in jeder Zelle unseres Körpers blüht.“
Während das Gefühl der Auflösung immer stärker wird, versucht Samantha Harvey als Archäologin ihrer selbst, immer tiefer zu graben und das Problem ans Licht zu holen. Dabei gelingt es ihr auf raffinierte Art und Weise, ihre Kapitel so zu gestalten, dass Nähe und Distanz, Anschaulichkeit und analytische Schärfe, Thesen und ihre Relativierung in ein labiles Gleichgewicht zueinander finden.

Der Geist als toxische Kakophonie

Die vielen Dialoge, Beschreibungen, Erzählsplitter und Träume, von Julia Wolf in ein geschmeidiges Deutsch verwandelt, sind stets in eine Denkbewegung eingelassen. Diese Denkbewegung hat Harvey gleichsam zweisträngig gebaut. Einerseits hat man beim Lesen den Eindruck, man werde direkt an ihre nächtlichen Endlosschleifen angedockt. Andererseits spürt man, wie genau diese Schleifen aus dem Rückblick gestaltet sind. Irgendwann findet sie auch wieder Schlaf – ihr Geheimrezept sei hier aber nicht verraten. Bei all dem gibt sie sich nicht der Illusion einer linearen Abfolge oder bloß logischer Schlüsse hin. Vielmehr weiß sie um die Kraft des Unterbewusstseins und um gedankliche Leerläufe:
„Mein Geist ist eine Kakophonie. Er denkt brauchbare Gedanken, und für jeden brauchbaren Gedanken denkt er vierhundert nutzlose, sich wiederholende Gedanken; und von diesen (...) ist eine nicht geringe Anzahl toxisch. Gebote und Verbote. Selbstzerfleischungen. Fremdzerfleischungen. Schrecken. Bedauern. Vorwürfe. Alte Auseinandersetzungen. All das strömt als unredigiertes Gebrabbel auf mich ein, Feuerwerkskörper, die fortwährend explodieren und dann verpuffen.“

Essayistisch im besten Sinne

So ist „Das Jahr ohne Schlaf“ nicht nur ein Buch über den Tod, sondern auch ein großes Buch über die Untiefen des Verstandes. Ein im besten Sinne essayistisches Buch, das zwischen verschiedenen Denk- und Wahrnehmungsweisen hin und her springt. Sein Grundton ist dunkel. Doch bei aller Trauer und Sorge wird immer wieder eine große Lebendigkeit spürbar, ein ständiges „Knistern und Zünden und Explodieren der Gedanken“.
Samantha Harvey: „Das Jahr ohne Schlaf.“
Aus dem Englischen von Julia Wolf.
Hanser Berlin, Berlin 2022. 176 Seiten, 23 Euro.