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StartseiteInterviewAlltag im Westjordanland unter der Hamas-Regierung11.05.2006

Alltag im Westjordanland unter der Hamas-Regierung

Nach Einschätzung der Schriftstellerin Faten Mukarker aus Bethlehem hat das Einfrieren der internationalen Finanzhilfen die Unterstützung für die Hamas-Regierung bei den Palästinensern eher noch gestärkt. Die Bevölkerung wolle sich nicht erpressen lassen, so Faten Mukarker.

Moderation: Elke Durak

Palästinensische Anhänger der Hamas. (AP)
Palästinensische Anhänger der Hamas. (AP)

Elke Durak: Leben zwischen Grenzen, religiösen Grenzen, ethnischen, Grenzen aus Beton und Stacheldraht, zwischen dem palästinensischen Bethlehem und dem umgebenden Israel, territoriale auch, zwischen den Kontinenten. Zwischen solchen Grenzen bewegt sich mein Gast und überwindet sie zugleich, denn sie ist ja hier, zurzeit auf Vortragsreise in Deutschland. Faten Mukarker heißt sie, ist Palästinenserin, Schriftstellerin und Christin. Willkommen hier bei uns im Deutschlandfunk, Frau Mukarker. Wann wollen Sie wieder zurückkehren?

Faten Mukarker: Am 22. Juni.

Durak: Kehren Sie gerne zurück nach Hause?

Mukarker: Ja und nein.

Durak: Weshalb nein?

Mukarker: Weil ich Angst habe, dass ich mich so etwas an die Freiheit hier gewöhne.

Durak: Wie unterschiedlich ist das Leben dort und hier?

Mukarker: Es ist, dass ich in meiner Heimat in Bethlehem, wenn ich mit dem Auto auf der Straße fahre, dass ich plötzlich vor einer Betonmauer stehe, die mir dann sagt, hier hört deine Freiheit auf, bis hierhin, auf einmal ist die Welt zu Ende. Hier scheint es kein Ende zu geben. Man kann reisen, wohin man will. Ich habe auch ein Schengener Visum, womit ich in viele andere Länder auch in Europa fahren könnte, und man sagt mir auch, ich würde es nicht einmal merken. Das ist natürlich für jemand, der in einem Ghetto lebt, in einem großen Freiluftgefängnis, natürlich auch eine Vorstellung, die einfach Freude macht, weil der Mensch von Natur aus frei sein mag. So hat ihn Gott geschaffen, als freier Mensch.

Durak: Als freier Mensch. - Dieses Freiluftgefängnis, damit meinen Sie halt die palästinensischen Gebiete.

Mukarker: Die Enklaven, die man geschaffen hat.

Durak: Sie leben mit Ihrer kleinen und Ihrer großen Familie dort und haben jetzt in den letzten Wochen erlebt, dass kein Geld mehr floss. Die Gelder wurden gestrichen. Inzwischen hat das Nahost-Quartett ja beschlossen, für drei Monate Gelder wieder frei zu geben. Wir wissen nur noch nicht, wie das werden soll und vor allen Dingen an wen diese Gelder ausgegeben werden sollen. Das soll an der Hamas vorbei geschehen.

Mukarker: Es soll für humanitäre Zwecke sein und nicht für die Gehälter der Beamten von der Autonomiebehörde. Nur an den 140.000 Beamten hängen eine Million Menschen. Das ist auch ein humanitärer Grund, dass die auch einen Lebensunterhalt haben, denn an den Familienvätern bei uns hängen Großfamilien. Das ist also nicht ein Personenhaushalt. Es geht nicht um den Angestellten selber. Deswegen ist das immer relativ, diese humanitäre Hilfe. Aber ich denke natürlich ist auch so etwas wie Krankenhäuser wichtig, denn die Medikamente sind ausgegangen. Überall fehlt es!

Durak: Überall fehlt es an Geld. Das ist klar. - Wir haben ja auch in unserem Programm immer wieder berichtet über die Situation in den Gebieten ohne Geld in diesen Wochen. - Wir wissen: die Hamas ist gewählt, ist die gewählte Regierung der Palästinenser. Hat sich durch diese Not möglicherweise das Verhalten, das Verhältnis der Bevölkerung zur Hamas, zur eigenen Regierung geändert, in Wut umgeschlagen, in Ärger, Hass?

Mukarker: Nein, ich glaube nicht. Ich denke, es ist so ein bisschen das Gegenteil gekommen, dass man sagt: Wir wollen uns auch nicht erpressen lassen, so nach dem Motto entweder Gehalt oder Heimat, also Gehalt oder Land. Vielleicht kann man das vergleichen mit den Sanktionen gegen den Irak oder gegen das irakische Volk, Öl gegen Brot. Hier ist es Gehalt gegen Land. Wenn wir diese Enklaven nicht akzeptieren, in die man uns gesteckt hat, wenn wir das nicht als einen Frieden ansehen, dass es das ist, was man uns geben will, dann gibt es nichts.

Durak: Wie immer, wenn Sanktionen, oder wie so häufig, wenn Sanktionen von Staaten gegen andere Staaten verhängt werden, trifft es die Bevölkerung. Frau Mukarker, Sie sind Christin?

Mukarker: Ja.

Durak: Es gibt ja auch muslimische Palästinenser. Ist zu beobachten, dass durch die Hamas so etwas wie eine Islamisierung vorangetrieben wird oder stattfindet?

Mukarker: Die sind ja noch sehr kurz an der Macht und ich denke, sie sind klug genug, um nicht direkte Änderungen zu machen. Nur ist natürlich so langsam dann in Schulen und in Fernsehsendungen schon zu spüren, dass es mehr religiöse Sendungen gibt und so. Nur ich denke, eine Islamisierung ist für die Christen nicht so eine Gefahr, mehr für die moderaten Muslime. Meine Freundin ist Muslimin, trägt kein Kopftuch, ist sehr aufgeschlossen und offen. Sie hat mehr Angst wie ich, dass sie das Kopftuch erreicht, weil mir als Christin kann man das nicht aufzwingen. Nur natürlich in einem Umfeld, wo jede Frau ein Kopftuch trägt, ist natürlich dann auch eine Kleidung für die Christen angesagt, die nicht so ist, wie wir uns das vorstellen.

Durak: Entfremden sie sich unter Umständen?

Mukarker: Ich denke, es ist nicht ein Entfremden, weil vieles, was vielleicht für den Westen muslimisch scheint, ist eigentlich arabisch auch. Und wir sind ja Araber. Das heißt die arabischen Traditionen gelten sehr oft für beide, für Christen und für Muslime.

Durak: Wie sehen Sie die Zukunft Ihrer Heimat? Was wünschen Sie sich?

Mukarker: Da gibt es eine Zukunft, die hat mit Realität zu tun, und eine, die mit einem Wunsch zu tun hat. Von der Realität kann ich ehrlich gesagt nicht viel mehr erhoffen, denn die Träume und Wünsche prallen ja an dieser Mauer zehn Meter hoch ab. Ich weiß nicht, ob sie die Kraft haben, über diese Mauer zu schweben und irgendwo anzukommen. Aber ich denke, will ich vielleicht von hieraus auch dem israelischen Volk sagen, dass es nur geht über leben und leben lassen und dass die Sicherheit, die sie sich durch diese Mauer erhoffen, niemals Israel erreichen kann, nur wenn die Freiheit auch die Palästinenser erreicht.

Für viele im Westen scheint diese Mauer, sie wird ja verkauft als Sicherheitsmauer. Wenn sie eine Sicherheitsmauer ist, dann fragen sich die Palästinenser, was macht sie denn in unseren Gärten und zwischen unseren Häusern. Die Sicherheit von Israel fängt dort an, wo Israel anfangen sollte, und das ist die Grenze von '67. Sie ist nicht auf dieser Grenze gebaut, sondern geht tief in unsere Gebiete hinein.

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