Donnerstag, 06. Oktober 2022

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Alstom-Übernahmepoker
Siemens und GE buhlen um Energiesparte

Frankreichs Präsident François Hollande hat den Übernahmepoker um den heimischen Industriekonzern Alstom zur Chefsache gemacht. Der Staatschef bat die Spitzenmanager von Siemens und General Electric (GE) zu Gesprächen in den Élyséepalast. Beide Unternehmen hatten zuvor Interesse an Teilen des Herstellers von Energie- und Bahntechnik angemeldet.

Von Michael Watzke | 28.04.2014

    Der Schweizer Arm des französischen Bahnherstellers Alstom hat seine Zentrale in Baden. Das Bidl zeigt das Firmenschild vor dem Bürogebäude in Baden.
    Siemens hatte schon vor zehn Jahren versucht, den Konkurrenten Alstom zu schlucken. Damals scheiterte Ex-Siemens-Chef Pierer mit seinem Übernahme-Angebot am politischen Widerstand des französischen Staates. (picture alliance / dpa / Eddy Risch)
    Während Siemens-Chef Joe Kaeser in diesen Minuten im Pariser Elysee-Palast mit Frankreichs Präsident Hollande verhandelt, regt sich daheim in Bayern Widerstand.
    Von "großer Verunsicherung bei den Siemens-Angestellten" spricht Wolfgang Niclas, IG-Metall-Bevollmächtigter für die rund 2000 Beschäftigen des Siemens-Zugbereiches in Erlangen.
    Stellenabbau bei Siemens könnte die Folge der Übernahme sein
    Die fränkische Stadt bei Nürnberg wäre zusammen mit dem nordrhein-westfälischen Uerdingen am stärksten betroffen, wenn Siemens seine Zugsparte an Alstom abgeben würde. In Uerdingen werden ICE-Hochgeschwindigkeitszüge gebaut, in Erlangen steht das Kompetenz-Zentrum des Konzerns für Verkehrstechnik.
    "Was wird aus unserem Standort?", fragt der IG-Metaller Niclas. "Müssen wir, wenn der Tausch mit Alstom zustande kommen sollte, möglicherweise nach Frankreich umziehen?"
    Die Siemens-Mitarbeiter sind zusätzlich dadurch verunsichert, dass das manager-Magazin heute meldet, bei Siemens würden im Rahmen des Konzern-Umbaus viel mehr Stellen abgebaut als die bisher verkündeten 15.000 bis Ende des Jahres.
    Gewerkschafter Niclas hält den möglichen Ausstieg von Siemens aus dem Zugbereich grundsätzlich für falsch - auch wenn das Geschäft derzeit eher unprofitabel ist und zuletzt mit Lieferschwierigkeiten und langjährigen Verzögerungen bei ICE-Zügen für Schlagzeilen sorgte. Profiteur des Deals wäre Alstom, nicht Siemens, glaubt Niclas. Stephan Schöppner, Analyst bei der Commerzbank, sieht die Sache im Deutschlandfunk-Börsengespräch ähnlich:
    "Der Deal würde Chancen und Risiken bringen. Wenn man die heutigen Marktreaktionen sieht, stehen bei den Marktteilnehmern die Risiken im Vordergrund."
    In der Siemens-Konzernzentrale in München scheint man die Sache anders zu sehen. Hier will sich zwar derzeit offiziell niemand äußern. Aber im Hintergrund heißt es, der Tausch Zug-Geschäft gegen Energietechnik sei verlockend. Siemens hatte schon vor zehn Jahren versucht, den Konkurrenten Alstom zu schlucken. Damals scheiterte Ex-Siemens-Chef Pierer mit seinem Übernahme-Angebot am politischen Widerstand des französischen Staates.
    Diesmal ist es umgekehrt: Die französischen Regierung hat Siemens ausdrücklich ermutigt, ja geradezu aufgefordert, um Alstom mitzubieten. Damit nicht General Electric zum Zuge kommt, der mächtige und ungeliebte US-Konkurrent, der möglicherweise Arbeitsplätze nach Amerika verlagern könnte. Zwar bevorzugt Alstom-Chef Patrick Kron eindeutig die Amerikaner. Doch der französische Staat hat quasi ein Veto-Recht, weil er vor zehn Jahren knapp 30% an Alstom übernommen hatte. 2006 gab Frankreich den Anteil an den französischen Mischkonzern Bouygues weiter, sicherte sich aber weiterhin Mitsprache. Und die übt Francois Hollande nun aus. Frankreichs Präsident hatte schon im Januar vorgeschlagen, aus Siemens und Alstom zwei nationale Champions zu formen: die Franzosen im Bereich Zug- und Verkehrstechnik, die Deutschen im Kraftwerks- und Energietechnik-Bereich. Vorbild sollte Airbus sein, der deutsch-französische Flugzeugbauer. Allerdings müssten erst einmal die europäischen Kartellbehörden zustimmen. Wirtschafts-Experten warnen, dass dies alles andere als eine Formalie sei.
    Trotzdem hat Siemens-Chef Joe Kaeser in einem Brief an das Alstom-Management bereits eine Arbeitsplatz-Garantie angeboten. Mindestens drei Jahre lang würde man in Frankreich auf Stellenstreichungen verzichten, so Kaeser. Wenn es zur Einigung käme. Der Siemens-Chef beziffert den Wert des Alstom-Geschäftes, das für Siemens interessant ist, auf zehn bis elf Milliarden Euro. Konkurrent General Electric soll den Wert von Alstom nur auf 9,4 Milliarden Euro taxiert haben. Doch noch ist das Wett-Bieten um den französischen Traditions-Konzern längst nicht beendet – es hat gerade erst begonnen.