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StartseiteEuropa heuteEin Leben in einsamer Freiheit12.03.2018

Alt sein in Portugal (1/5)Ein Leben in einsamer Freiheit

Francisco Lourenço (90) kann weder lesen noch schreiben und hat immer in Espinho Grande gelebt. Früher gab es dort 32 Großfamilien, sagt er. Heute sind es weniger als zehn Dorfbewohner – alle alt, alle allein in ihren Häusern. Doch ihn hält es dort, wo er geboren wurde.

Von Tilo Wagner

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Francisco Lourenço, Witwer, 90 Jahre alt, lebt schon sein ganzes Leben in Espinho Grande. Foto aus 2018 (Deutschlandradio / Tilo Wagner)
Zu spät für einen Ortswechsel? Der Witwer Francisco Lourenço (90) sitzt gerne auf der Bank vor seinem Haus im abgelegenen Espinho Grande und sieht den Katzen beim Toben zu. (Deutschlandradio / Tilo Wagner)
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Eine enge Dorfstraße führt an zerfallenen Steinhäusern vorbei und endet vor einem großen Obstbaum. Links ein kleiner Holzschuppen, daneben das einstöckige Wohnhaus, von dem der Putz abblättert. Hinter einer Metalltür liegt die Wohnküche: eine Spüle, ein alter Kühlschrank, ein winziger Tisch in der Mitte. Francisco Lourenço zerbricht kleine Stöcke, legt einen Pinienzapfen unter das Holz, reißt ein Stück Papier aus einem alten Telefonbuch und zündet es mit seinem Feuerzeug an.

"Ich mach das Feuer mit dem Papier an: So kann ich das Feuerzeuggas sparen", sagt der 90-Jährige und setzt sich auf einen Stuhl direkt neben den offenen Kamin.

Francisco Lourenço hat sein ganzes Leben in der winzigen Siedlung Espinho Grande verbracht, die rund 200 Kilometer nordöstlich von Lissabon in einem Waldgebiet liegt. Er ist nie zur Schule gegangen, kann weder lesen noch schreiben und hat immer in der Landwirtschaft gearbeitet: Mit seinen Brüdern hat er ein Maisfeld bestellt, jahrzehntelang in einer Olivenpresse ausgeholfen und Harz aus den Kiefern der Region gesammelt. Früher wohnten in seinem Dorf 32 Großfamilien, erzählt er, aber jetzt sind nur noch acht oder neun Häuser bewohnt und in den meisten würden alleinstehende Rentner leben.

Manche Dorfbewohner trifft er wochenlang nicht

Eine Katze kommt durch die Küchentür, Francisco scheucht sie behutsam nach draußen.

"Wenn die Katzen in der Sonne miteinander toben, dann schaue ich ihnen gerne zu. Manchmal verbringe ich so den ganzen Nachmittag. Ich sehe die anderen Dorfbewohner kaum. Einer kommt manchmal hier runter, weil er einen Schuppen dahinten hat. Aber die anderen treffe ich manchmal wochenlang nicht. Ein Freund von mir hatte ein paar Ziegen und kam immer hier runter in meinen Garten. Die Ziegen haben das Gras gefressen und wir haben uns unterhalten. Er ist dann ins Altersheim und dort gestürzt. Drei Tage lag er im Krankenhaus, dann war er tot."

Seit zwölf Jahren lebt Francisco Lourenço ganz alleine in dem Haus am Ende der Straße. Wenn er über seine Frau spricht, dann stockt ihm die Stimme, ein wässriger Film legt sich über seine braunen Augen.

"Gott sollte alle Eheleute auf die Probe stellen. Die Frauen sollten eine kurze heftige Krankheit durchmachen und an einem anderen Ort geheilt werden, damit alle Männer merken, wie sehr sie uns fehlen."

Das Sozialamt reagierte spät

Seine Frau stürzte vor zwölf Jahren im Haus und brach sich ein Bein. Weil er sie nicht die Treppe ins Schlafzimmer hochtragen konnte, stellte er das Ehebett in ein kleines Kabuff neben der Wohnküche.

"Meine Töchter halfen mir aus. Beide lebten weit weg. Sie kamen abwechselnd für zwei Wochen hierher, um mir mit der Pflege zu helfen. Nach einem halben Jahr sagten sie mir: Vater, wir schaffen das nicht mehr. Wir haben unser eigenes Leben zu meistern, wir müssen uns um unsere Kinder kümmern. Wir nehmen Mutter mit zu uns, dort können wir sie versorgen. Uns blieb keine andere Wahl: Fünf Windeln hat sie pro Tag gebraucht, und ich habe von niemandem Unterstützung bekommen. Ich bin aufs Sozialamt, und die haben immer nur gesagt, ja ja, wir kommen demnächst mal vorbei. Aber sie kamen nicht. Also nahmen meine Töchter ihre Mutter mit. Sie hat noch ein halbes Jahr lang gelebt."

Irgendwann reagierte das Sozialamt dann doch und schickte jemanden zu Francisco Lourenço. Seiner Frau konnte nicht mehr geholfen werden, aber zumindest ist er nun nicht mehr ganz auf sich alleine angewiesen.

Kochen hat der alte Mann nie gelernt

Idalina Cardoso kommt durch die Tür und begrüßt den alten Mann sehr herzlich. Sie ist bei einem katholischen Sozialverband angestellt und bringt Francisco das Mittagessen. Kochen hat der alte Mann nie gelernt, dafür war die Frau zuständig. Und mit seiner winzigen Rente würde er wohl nicht über die Runden kommen, wenn er auch noch die warme Mahlzeit bezahlen müsste.

"Wir haben ihm angeboten, dass wir ihn morgens abholen und ins Altersheim fahren und abends wieder zurückbringen. Das wäre gar nicht schlecht, weil er sich ja so gerne unterhält. Aber klar, das ist dann ein ganz anderes Leben. Hier ist er halt zu Hause."

Und schon muss Idalina Cardoso weiter. Es warten noch ein Dutzend andere Senioren, die weit verstreut in dem Waldgebiet wohnen, auf ihre warme Mahlzeit.

Vor dem Mittagessen geht Francisco Lourenço noch kurz zu seinem Hühnerstall, der im Garten hinter dem Haus liegt. Er öffnet eine kleine Luke und streicht den herausschlüpfenden Tieren liebevoll über das Federfell. Die Sonne scheint ihm ins zerfurchte Gesicht, ein leichter Wind bewegt Gras und wilde Feldblumen.

"Ich gehe nur ins Altersheim, wenn sie mich zwingen"

Etwas schwerfällig setzt er sich auf eine Bank vor seinem Haus. Seine Geschwister sind alle gestorben, erzählt er. Bis vor ein paar Jahren hat er noch das Maisfeld bestellt, doch jetzt kann er nichts mehr arbeiten. Wenn er sich bückt, hat er im Rücken sofort große Schmerzen.

Francisco Lourenço holt noch etwas Holz aus seinem Schuppen, das ihm seine Schwiegersöhne hacken – die Töchter kommen ihn regelmäßig besuchen. Er geht in die Wohnküche, legt dünne Äste aufs Feuer und setzt sich an den Tisch.

"Ich lebe gerne hier. Ich gehe nur ins Altersheim, wenn sie mich zwingen. Das ist wie beim Militär dort. Alle müssen früh aus ihren Betten raus und sich waschen und fertig machen. Hier bei mir, bestimme ich, wann ich aufstehen will. Hier fühle ich mich wohl."

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