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StartseiteCorsoSendepause für ältere Schauspieler?15.05.2020

AltersdiskriminierungSendepause für ältere Schauspieler?

Ältere Schauspielerinnen und Schauspieler befürchten, dass es für sie bald keine Rollen mehr gibt. Zwar nehmen immer mehr Film- und Serienproduktionen die Dreharbeiten wieder auf. Aber Darsteller über 60 fallen in die Corona-Risikogruppe. Sie fühlen sich nun aufgrund ihres Alters diskriminiert.

Von Carolin Born

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Die Schauspielerin Ursula Erber auf eine Fernsehkamera gelehnt (dpa/ Felix Hörhager)
Schauspielerin Ursula Erber nimmt derzeit von zuhause an Dreharbeiten teil (dpa/ Felix Hörhager)
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Ausgrenzung, Entmündigung, oder sogar "Coronaselektion". So machen einige Schauspielerinnen und Schauspieler gerade ihrem Ärger darüber Luft, dass ältere Darsteller angeblich nicht mehr besetzt werden. Das hat die Schauspielerin Hanna Petkoff, 70 Jahre alt, selbst erfahren. Ihr wurde ein Drehtag mit deutlichen Worten abgesagt:

"Der wurde zunächst verschoben vom März in den Mai. Und dann kam eine telefonische Absage. Mit der Begründung, dass über 60-jährige Schauspieler beziehungsweise Rollen aus den Drehbüchern herausgeschrieben werden wegen der Coronakrise."

Virusschutz oder Diskriminierung?

Schon Mitte April hat die Schauspielagentur "60plus" einen Offenen Brief verfasst, den über 100 Kollegen unterzeichnet haben. Darin prangert die Agentur genau das an: Ihr zufolge gibt es Berichte, dass Rollen für ältere Schauspielerinnen und Schauspieler nun aus Drehbüchern gestrichen werden sollen. Die Begründung: Kollegen über 60 Jahre fallen in die Corona-Risikogruppe.

Es gibt zwar gute Gründe, ältere Menschen vor einer Infektion schützen zu wollen, heißt es in dem Offenen Brief. Doch sie selbst sollen entscheiden dürfen, ob sie eine Rolle annehmen oder nicht. So sieht es auch Hanna Petkoff, die unter anderem in der Fernsehserie "In aller Freundschaft" zu sehen war. Sie fühlt sich aufgrund ihres Alters diskriminiert:

"Ich bin gesund, ich halte mich fit, ich ernähre mich gut, ich mache Sport – und fühle mich dadurch wirklich ausgegrenzt."

Auch Gerd Lohmeyer fühlt sich diskriminiert

Ähnlich hatte sich Gerd Lohmeyer geäußert. Der 75-Jährige spielt in der täglichen Heimat-Serie "Dahoam is Dahoam" im Bayerischen Fernsehen den Kioskbesitzer Michael Gerstl. Er beklagte sich in der "Abendzeitung" darüber, dass er bis Juni erstmal "dahoam" bleiben muss. Denn die Drehtermine finden bis dahin ohne Über-70-Jährige statt – und das, obwohl Lohmeyer sich gesund fühlt, wie er berichtet.

Daniela Boehm, Redaktionsleiterin bei "Dahoam is Dahoam", kann den Ärger nachvollziehen. Sie sagt, es ist ein schwieriger Spagat zwischen Sorgfaltspflicht einerseits und auf der anderen Seite, den Darstellern gerecht zu werden. Sie hat auf Grundlage der Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts ein Sicherheitskonzept erstellt – bei dem die Über-70-Jährigen Einschränkungen hinnehmen müssen:

"Wir schauen einfach mal, wie es ihnen in der nächsten Zeit geht und auch, was in den Büchern möglich ist: Sie etwas zu reduzieren oder zu entfernen. Wir sind aber natürlich jetzt schon ein Stückchen weiter und versuchen Lösungen zu finden, die auch im Buch möglich sind, wie zum Beispiel Videoschalten von zuhause, sodass wir Stück für Stück auch die Normalität in der Serie wieder zurückbekommen."

Schauspielerische Arbeit zu Hause

Daniela Boehm berichtet, eine über 80 Jahre alte Darstellerin hat sich zu Hause selbst geschminkt und vor der Videokamera eine Szene gespielt, die dann in die Ausstrahlung eingebunden wird. Ganz aus der Serie herausgeschrieben wird niemand, so Boehm.

Auch das ZDF teilte dem Deutschlandfunk schriftlich mit, dass ihnen solche Maßnahmen nicht bekannt wären. Dreharbeiten könnten im Zweifelsfall geschoben und zu einem späteren Zeitpunkt umgesetzt werden.

Die Befürchtung der älteren Schauspieler, dass Autoren angeblich  breitflächig dazu angewiesen werden, möglichst keine älteren Rollen in die Drehbücher hineinzuschreiben oder diese durch Jüngere zu ersetzen, lässt sich gerade bei kleineren Rollen nicht so leicht überprüfen.

Altersarmut droht

Doch auch in Nicht-Corona-Zeiten sind die finanziellen Perspektiven für Schauspielerinnen und Schauspieler im Allgemeinen trüb: Oft sind sie befristet beschäftigt und haben Lücken in ihrer Rentenversicherung, wie Hanna Petkoff berichtet. Deswegen sind sie darauf angewiesen, auch im hohen Alter noch zu drehen. Sonst droht ihnen Altersarmut, sagt sie.

"Selbst prominente Schauspielerinnen beziehen wenig Rente, was man immer gar nicht glauben mag. Der Lebensstandard verändert sich rapide mit der Rente und mit den immer weniger werdenden Aufgaben."

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Petkoff erzählt, dass sie erst gezögert hat, mit ihrem Fall an die Öffentlichkeit zu gehen. Denn sie ist von der Gunst der Produzenten abhängig – und will ja auch wiederbesetzt werden. Dennoch möchte sie auf das Problem aufmerksam machen:

"Die Rollen brechen weg, ab 50. Das habe ich auch erfahren. Ich habe ziemlich viel gedreht, war in festen Engagements. Ab 50 verändert sich das enorm, die Rollen werden weniger – und wenn man keinen Promi-Bonus hat, wie ich es nenne, umso mehr."

Rollen jenseits der Realität

Zudem gebe es Geschlechterunterschiede: Männer haben es Petkoff zufolge leichter, weil sie auch jenseits der 50 noch Rollen mit mehr Gewicht bekommen. Bei älteren Frauen sieht es anders aus: 

"Ich sehe entweder Omas, die ihre Enkel hüten. Oder Probleme mit ihren Töchtern haben. Oder sich auf Kreuzfahrtschiffen oder Golfplätzen tummeln. Und das ist nicht die Realität älterer Frauen!"

Petkoff plädiert dafür, dass dieses Bild angepasst wird. Auch ältere Menschen sind aktiv, sagt sie, setzen sich zum Beispiel ehrenamtlich ein oder verlieben sich nochmal neu. Das müsse auch in Filmen und Serien abgebildet werden. Also realistischere Rollen und mehr Rollen im Film: Jede vierte Person in Deutschland ist über 60, rechnet die Schauspielagentur 60plus vor – und das soll sich auch vor der Kamera widerspiegeln.

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