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StartseiteSport am WochenendeVom Gedenken zur Integration22.02.2020

Amateursport nach dem Anschlag in HanauVom Gedenken zur Integration

Nicht nur in der Fußball-Bundesliga, auch im Breitensport wird der Opfer des rechten Terrors in Hanau gedacht. Mit reinem Gedenken sei es aber nicht getan, sagen manche Amateurvereine. Sie arbeiten daran, aus Schweigeminuten eine gelebte Integration zu machen. Denn oft wird Potenzial liegengelassen.

Von Jessica Sturmberg

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Zu sehen ist das Freiburger-Fußball-Stadion. Auf dem Rasen stehen in einem Halbkreis die Spieler von Freiburg und Düsseldorf, auf der Leinwand wird den Opfern des Anschlags in Hanau gedacht. (imago images / Pressefoto Baumann)
Wie in allen Bundesliga-Stadien gedenken auch Spieler und Fans in Freiburg den Opfern des Anschlags in Hanau (imago images / Pressefoto Baumann)
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Besonders tief sitzen Schock, Trauer und Wut am Ort des Terroranschlags von Mittwoch, im hessischen Hanau. Dort findet an diesem Wochenende die deutsche Meisterschaft im Hallen-Hockey der weiblichen B-Jugend statt. Die acht besten Teams treten gegeneinander an. Der ausrichtende Verein, der 1. Hanauer Tennis- und Hockey-Club hat nach dem Attentat seine Karnevalsparty abgesagt und stattdessen ein großes Banner angefertigt, dass vor den Spielen und auch in Zukunft bei Veranstaltungen hochgehalten werden soll:

"Für ein faires und respektvolles Miteinander"

Vereinsvorsitzendem Michael Bailly ist es ein wichtiges Anliegen, diese Botschaft gerade den jungen Sportlerinnen und Sportlern mitzugeben. Zudem wird es Schweigeminuten geben. Diese sind auch bei der Turngemeinde Hanau geplant.

"Wir sind tieftraurig, dass Menschen unnötigerweise ihr Leben verloren haben und wir sind natürlich auch wütend über die Hilflosigkeit, mit der wir einer solchen Tat gegenüberstehen müssen", sagt der Vorsitzende Rüdiger Arlt. Er hat aber zugleich auch großes Vertrauen, dass das Zusammenleben dadurch noch intensiver wird.

LSB Hessen ruft zu Schweigeminuten auf

Nur der Weg dahin ist kein Selbstläufer. Schweigeminuten und Gedenkveranstaltungen sind wichtig, um zum Ausdruck zu bringen, wo man steht. Der Landessportbund Hessen hat daher alle Mitgliedsvereine aufgerufen, bei ihren nächsten Sportveranstaltungen Schweige- und Gedenkminuten einzulegen. Präsident Rolf Müller setzt auf eine breite Beteiligung der 7.800 Vereine und 2,1 Millionen Mitglieder in Hessen:

"Der Sport ist deswegen auch aufgerufen, erstens weil wir gerade ja Menschen aller Nationalitäten, aller Religionen in unseren Vereinen vereinigen. Und auf der anderen Seite ist ja unser Grundverständnis gerade die Weltoffenheit und die Toleranz und die Menschenrechte und ein Eintreten gegen Gewalt. Und ich glaube von daher ist es unsere Aufgabe, unsere Verpflichtung dies nicht nur in Reden deutlich zu machen."

Auch weil sich ihre Wirkung abnutzt, wenn die Reden nicht mit Leben gefüllt werden. Die eigentliche Arbeit müsse jetzt angepackt werden.

Potenzial für Integration wird liegengelassen

Nach den Gedenkveranstaltungen gehe es darum, die Menschen zu erreichen, die sich von Trauerminuten nicht angesprochen fühlen oder auf der Suche nach Orientierung sind. Der Sport habe zwar eine universelle Sprache und damit das Potenzial, integrativ zu wirken, doch das werde vielfach liegengelassen, beobachtet Verani Kartum. Er ist der Präsident des SC Aleviten Paderborn, ein Sportverein, der für sein soziales Engagement vom DFB mit dem Julius Hirsch Preis ausgezeichnet wurde. Die Sportdachverbände arbeiteten oft gute Konzepte aus…

"Die machen auf dem Papier ganz viele gute Sachen, es werden auch viele gute Sachen ausgearbeitet, Papier wird gedruckt ohne Ende und das muss aber an der Basis umgesetzt werden."

Leistungsgedanke oft auch im Breitensport

Und das scheitere an vielen Gründen, beobachtet Verani Kartum: Einige Vereine oder einzelnen Mitglieder hätten gar kein Interesse an dem Thema Integration, andere einfach schlicht nicht die Zeit. Die Ehrenamtlichen seien voll damit ausgelastet, das Sportliche zu organisieren. Der soziale Gedanke bleibe in vielen Vereinen immer mehr auf der Strecke:

"Also der Breitensport selber hat sich dahin entwickelt, dass es nicht mehr Breitensport ist. Also selbst in den untersten Ligen, selbst bei den Kindern ist nur noch Leistung gefordert."

Das überfordere viele Kinder, vor allem diejenigen aus bildungsfernen und ärmeren Haushalten. Die wollen aber mitmachen. Schulen, Kitas und Jugendämter suchen immer wieder händeringend Vereine, die diese Kinder aufnehmen. Das bedeutet dann oft, die Jungen und Mädchen abzuholen und nach Hause zu bringen und den Leistungsgedanken hinten an zustellen.

Das Soziale soll im Vordergrund stehen

Sein Verein, der SC Aleviten Paderborn fahre mit drei Bullys und zwei PKW täglich 30 bis 40 Kinder zu den Sportangeboten. Einige entwickelten sich in seinem Verein so gut, dass sie dann an umliegende Clubs weiterempfohlen werden. Es brauche in jeder Stadt so einen Sportverein, der das Soziale in den Vordergrund stelle, findet Verani Kartum und:

"Ich würde mir wünschen, dass auf jeder Kreisebene eine feste Stelle ist, der einen direkten Kontakt zum Landessportbund hat und der für die ganzen Vereine da ist, wo dieses Thema tatsächlich behandelt wird und in jeden einzelnen Verein muss das hineingetragen werden."

Jugendliche mit Migrationshintergrund auch beim Tennis und Hockey

Auch beim SC Aleviten Paderborn wird es Schweigeminuten geben. An diesem Wochenende wird gefeiert und zugleich an die Opfer gedacht. Für die  Karnevalsparade am Karnevalssamstag in Paderborn hat sein Sportverein 15 große Schilder angefertigt, auf denen die Werte stehen, die ihnen besonders wichtig sind: "Toleranz", "Demokratie", "Wir sind Vielfalt" oder "Wir sind bunt".

Beim Tennis und Hockeyclub in Hanau will Vorsitzender Michael Bailly das Thema Integration über das Gedenken hinaus verstärkt angehen. Gerade in den Sportarten Tennis und Hockey ist der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund gering, darum will er gerade diese ansprechen, "weil ich glaube diese Integration, die tut gut, wenn hier auch mal Jugendliche sich mischen in Sportarten, die sie sonst nicht ausüben."

Das würde allen helfen und Integration mit Leben füllen, über die Gedenk- und Schweigeminuten an diesem Wochenende hinaus.

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