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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDas Phänomen Trump - eine Analyse 26.10.2020

„America First“ von Stephan BierlingDas Phänomen Trump - eine Analyse

Donald Trump und die gesellschaftliche Spaltung in den USA: Der Politologe Stephan Bierling liefert mit „America First“ eine lesenswerte Darstellung und Bilanz der vergangenen Jahre.

Von Marcus Pindur

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Trump auf dem Balkon des Weißen Hauses am 5.Oktober 2020 (Consolidated News Photos)
Der Politologe Stephan Bierling analysiert in seinem Buch das Amerika unter der Präsidentschaft Donald Trumps (Consolidated News Photos)
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Das schillernde Phänomen, dass der derzeitige amerikanische Präsident darstellt, speist sich aus vielen Quellen. Und Stephan Bierling nähert sich in seinem Buch aus vielen Perspektiven deskriptiv und analytisch dieser Präsidentschaft. Für seine Anhänger ist Trump eine Erlösung, für seine Gegner ein Trauma. Viel ist über die Persönlichkeit Donald Trumps spekuliert worden – und das nicht zu Unrecht, braucht es doch nach wie vor Erklärungsansätze für sein politisches Verhalten, so Stephan Bierling.

"Als Mensch ist Donald Trump relativ langweilig und unerheblich, weil er nur drei oder vier Handlungsweisen hat, die er sich in seinem ganzen Leben bewahrt hat. Er übertreibt bis zum Punkt der Lüge, um sich selbst gut darzustellen. Er macht nie Fehler. Zumindest in seiner eigenen Ansicht, oder er schiebt sie auf andere. Wenn er attackiert wird, schlägt er mit doppelter Kraft zurück. Und er schart nur Loyalisten um sich. Das ist das, was Donald Trump ausmacht: Selbstglorifizierung ist der Kern dieser Person, und ist im Grunde auch die Marke, die er verkauft."

Die drei wichtigsten Wählergruppen

Stephan Bierling sieht im Wesentlichen drei sehr stabile Wählergruppen, die Trump stützen. Er habe es geschafft, aus diesen heterogenen Gruppen in der republikanischen Partei eine Koalition zu schmieden, die sehr geschlossen hinter ihm stehe.

Die Wirtschaftsliberalen, die traditionell bei den Republikanern verortet werden. Nicht nur Großunternehmer, sondern auch viele kleine Gewerbetreibende, die vor allem Steuersenkungen und Deregulierung wollen. Das hat der republikanische Kongress mit Zustimmung Trumps durchgesetzt, und deshalb hat diese Gruppe keinen Grund, von ihm abzurücken.

Das zweite große Wählersegment sind die fundamentalistischen evangelikalen Christen. Sie sehen fast mit Panik, wie säkular Amerika in kulturellen, sozialen und religiösen Fragen geworden ist und immer mehr wird. Dieser Gruppe hat Trump versprochen, konservative Richter zu ernennen – nicht nur im Supreme Court, sondern auch in unteren Bundesgerichten. Eines der wichtigsten Ziele der Evangelikalen ist es, über den Obersten Gerichtshof das Recht auf Abtreibung auszuhebeln.

Die dritte Gruppe verbindet man am stärksten mit Trumps Namen: Die Wutbürger, die Trumpisten. Sie fühlen sich vom rapiden Wandel der Gesellschaft und der Wirtschaft überfordert und wollen eine Autorität, die sie davor schützt. Denen "gibt" Trump die ständige Empörung: zum Beispiel die Attacken auf die angeblich abgehobenen Eliten – zu denen der Immobilien-Milliardär paradoxerweise selbst gehört. Trump bietet den Wutbürgern Sündenböcke, zuvorderst Immigranten, Ausländer, Andersfarbige, bis hin zu den Universitäten und natürlich den Demokraten bis hin zu Barack Obama. Und das schweißt diese Gruppen zusammen. Die emotionalen Bedürfnisse und die Interessen dieser drei Wählergruppen habe Trump gut bedient, so der Autor.

Viel Zustimmung trotz schlechter Krisenpolitik

Seine Zustimmungsraten sind in den letzten vier Jahren, egal was er tat und wie er sich verhielt, nie unter 40 Prozent gefallen – und das gebe ihm zumindest eine kleine Chance auf die Wiederwahl, so der Regensburger Politikwissenschaftler.

Stephan Bierling behandelt alle relevanten Politikfelder: Immigration, Wirtschaft, Handel, Justiz, das Impeachment-Verfahren, Außenpolitik und nicht zuletzt den von Trump befeuerten erzkonservativen Kulturkrieg gegen das moderne, multikulturelle Amerika.

Was Trump nie geworden ist: ein Präsident für alle Amerikaner, ein Landesvater, ein kompetenter Krisenmanager. Und hier sieht der Wissenschaftler eine klare Schwäche Trumps, die ihn zumindest bei einem Teil seiner Wählerschaft entzaubert habe: Das schlechte Corona-Management hat mittlerweile zu so vielen Toten wie in keinem anderen hochentwickelten westlichen Land geführt.

"Viele Themen kann man wegdrücken und wegdiskutieren, aber in manchen Themen kommt einfach die Realität mit aller Brutalität zurück. Und das ist eben Corona und die Pandemie, bis hin zu seiner eigenen Erkrankung. Das rückt natürlich diese ganze Thematik zentral in den Wahlkampf. Und damit passiert etwas, was Trump nie haben wollte: Er wird jetzt daran gemessen, wie er mit dieser im Grunde schwersten Gesundheits- und sozialen Krise der USA seit dem Zweiten Weltkrieg umgegangen ist. Und das Verdikt der Amerikaner, vor allem der Demokraten, aber auch vieler Republikaner, fällt überaus negativ aus."

Die Beziehungen zu Russland

Der Autor beschreibt sehr anschaulich auch das internationale Verhalten Trumps. Auffallend besonders seine liebedienerische Haltung gegenüber dem russischen Präsidenten Putin.

"Einmal im Amt, leugnete der Präsident jede Verstrickung Moskaus in den amerikanischen Wahlkampf, überhäufte seinen russischen Kollegen mit Komplimenten und verteidigte ihn beharrlich, selbst wenn er dafür sein eigenes Land und seine Geheimdienste kompromittieren musste".

Trump traf sich mehrfach mit Putin nur in Anwesenheit eines russischen, nicht eines amerikanischen Dolmetschers, was völlig unüblich ist. Der Präsident ließ anschließend auch sein eigenes Kabinett und den US-Kongress über den Inhalt der Gespräche im Dunkeln. Bierling vermutet:

"Das tat er wohl nicht ohne Grund: In vielen Fragen brach [Trump] mit etablierten amerikanischen Positionen und übernahm die russische Sichtweise."

Kompromisse passen nicht zu Trumps Politik-Vorstellungen

In krassem Gegensatz dazu steht das schlechte Verhältnis Trumps zu den engsten Verbündeten. Der US-Präsident betrachtet internationale Beziehungen und die Bündnissysteme der USA lediglich als Bürde, nicht als Bereicherung und Sicherheitsgewinn. Trumps teils offene Verachtung der engsten Verbündeten speise sich im Wesentlichen aus zwei Quellen, so der Politikwissenschaftler Bierling. Zum einen habe der amerikanische Präsident autoritäre Instinkte. Demokratische Prozesse und das Aushandeln von Kompromissen passe nicht in seine politische Vorstellungswelt. Sich mit demokratisch legitimierten Staatslenkerinnen und –lenkern auseinanderzusetzen, widerspreche Trumps Vorstellung von Politik.

"Das zweite ist, dass er die Alliierten systematisch als Parasiten und Trittbrettfahrer diskreditiert. Das hat er schon den ganzen Wahlkampf gemacht. Die übervorteilen uns, die zahlen nicht ihre Beiträge zur Nato, die sind beim Handel unfair mit uns umgegangen. Dass amerikanische Jobs verloren gehen, hat nicht nur mit China zu tun, sondern vor allem mit den Europäern und primär mit den Deutschen."

Im Grunde, so die Analyse des Politikwissenschaftlers, verstehe sich Trump sehr viel besser mit Politikertypen wie Erdogan und Putin, die ihm von der Persönlichkeit und politischen Haltung sehr viel näher seien.

Der Band ist gleichzeitig eine glänzende Darstellung und eine konzise Analyse der bisherigen Amtszeit Trumps und überzeugt durch einen quellengesättigten Auftritt und einen flüssigen, klaren Stil. Wer das Phänomen Trump und die dahinterliegenden gesellschaftlichen Prozesse in den USA besser verstehen will, findet hier eine lesens- und empfehlenswerte Gesamtdarstellung.

Stephan Bierling: "America First. Donald Trump im Weißen Haus. Eine Bilanz",
C.H. Beck, 271 Seiten, 16,95 Euro.

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