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StartseiteCorsoDer O.J. Simpson-Prozess als Krimi-Serie05.01.2017

"American Crime Story"Der O.J. Simpson-Prozess als Krimi-Serie

Der Mordprozess gegen den Schauspieler und Sportler O.J. Simpson schrieb Fernsehgeschichte. Die Zuschauer waren beim Ringen um Indizien live dabei. In den USA wurde daraus die spannende, prominent besetzte Serie "American Crime Story", die jetzt im deutschen Fernsehen Premiere feiert.

Von Kai Löffler

Scene aus der Serie "American Crime Story: The People v. O.J. Simpson" (imago )
Szene aus der Serie "American Crime Story: The People v. O.J. Simpson" (imago )
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Vor dem Mordprozess im Jahr 1994 war Football-Star und Schauspieler O.J. Simpson hierzulande vor allem aus den "Nackte Kanone"-Filmen bekannt, als Frank Drebins Partner Nordberg:

"Polizei! Werft eure Kanonen weg!"

Die neue Serie über den Fall; "American Crime Story: O.J. Simpson", basiert vor allem auf dem Buch "The Run of his Life" von Anwalt und Autor Jeffrey Toobin. Ihm geht es weniger um O.J. und das Verbrechen als um das, was zwischen den großen, medienwirksamen Momenten passiert.

Zur Zeit boomt das "True Crime" Genre. Mit der Neu-Aufarbeitung alter Fälle wurden zum Beispiel die Podcast "Serial" und die Netflix-Serie "Making A Murderer" zu Riesenerfolgen. Beide zeigen Schwächen des US-Rechtssystems auf, und haben Tausende Menschen motiviert, "offizielle" Erkenntnisse der Justiz in Frage zu stellen.

Geburt des modernen Reality TV

In diesem Sinne rütteln Toobin und die Autoren von "American Crime Story" am Bild, das sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Gerade in Bezug auf Simpsons Anwalt Johnny Cochran und Staatsanwältin Marcia Clark. Die werden oft auf eindimensionale, rassistisch und sexistisch gefärbte Karikaturen reduziert; die Serie thematisiert und korrigiert dieses Image, zeigt Cochran und Clarke differenziert, komplex und glaubhaft. Und trotz des durchweg guten Ensembles sind es deren Darsteller - Courtney B. Vance und Sarah Paulson, die die zehnteilige Serie über weite Strecken auf ihren Schultern tragen. O.J. selbst, gespielt von Cuba Gooding Jr., rückt eher in den Hintergrund.

Der Prozess war ein bedeutender Moment in langanhaltenden Debatte um Polizeigewalt und Rassismus in den USA, und dieser Aspekt steht von Anfang an im Vordergrund: Die Serie beginnt mit dem berüchtigten Rodney King-Video, das Dokument exzessiver Polizeigewalt gegen einen unbewaffneten Schwarzen. Der Freispruch der Polizisten löste1992 die Unruhen in Los Angeles aus.

Gleichzeitig hatte der O.J.-Prozess eine weitere Dimension: Der Medienzirkus war vieler Hinsicht die Geburt des modernen Reality TV. Nicht nur wurden viele der Akteure zu Fernsehstars, auch die 24-Stunden Nachrichtensender, die heute in den USA mit Schauwerten erbittert um die Gunst der Zuschauer ringen, verdanken ihre Existenz zu großen Teilen dem "Prozess des Jahrhunderts", angefangen mit der berühmten Verfolgungsjagd. 

Ein Vorläufer des oft beschworenen "postfaktischen" Zeitalters

In der Realität gibt es keine Charakterbögen, keine clever vorbereiteten Twists, keine Krise im dritten Akt. Gerade deshalb ist es eine Herausforderung, wahre Ereignisse in spannend erzähltes Drama umzusetzen, ohne beim Balanceakt zwischen Fakt und Unterhaltung vom Seil zu stürzen. Für Jeff Toobin war O.J. Simpsons Fall gewissermaßen ein Vorläufer unseres oft beschworenen "postfaktischen" Zeitalters: Eine Entscheidung, bei der am Ende nicht die eindeutigen Beweise , sondern die Gefühle der Öffentlichkeit ausschlaggebend waren.

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Nach zwanzig Jahren sind diese Emotionen abgekühlt - nach aktuellen Umfragen glaubt heute eine Mehrheit sowohl der weißen als auch der schwarzen US-Bevölkerung an die Schuld von O.J. Simpson. "American Crime Story" lässt die Schuldfrage absichtlich im Raum stehen. Stattdessen interessiert sich die Serie für die Realität hinter den Schlagzeilen, für das was die Beteiligten damals angetrieben hat - und zeichnet ein überzeugendes Bild einer bis heute tief gespaltenen Gesellschaft.

"American Crime Story" läuft ab dem 06.01.17 auf "Sky Atlantic HD"

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