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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Amerika und der Holocaust07.03.2005

Amerika und der Holocaust

Was wussten die USA über die Pläne der Nazis?

60 Jahre nach Kriegsende richtet sich der Blick - die Debatte um das Inferno von Dresden hat das gezeigt - auch auf Versäumnisse und Untaten der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges. Fernab jeder Apologetik der unsäglichen deutschen Verbrechen fällt dabei der Blick zum Beispiel auch auf die Politik der USA gegenüber den europäischen Juden. Zu welchem Zeitpunkt wusste man in Washington was über die Holocaust-Pläne der Nazis - und was tat man, um den Todgeweihten zu helfen? - Weit weniger, als möglich gewesen wäre, meint Eva Schweitzer, Autorin des Buches "Amerika und der Holocaust".

Von Conrad Lay

Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau: Hätten die Amerikaner das Lager bombardieren sollen? (AP)
Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau: Hätten die Amerikaner das Lager bombardieren sollen? (AP)

Amerika und der Holocaust" - der erste Gedanke, der einem dabei in den Sinn kommt: Hätten die Amerikaner den Holocaust verhindern können? Zum Beispiel, indem sie ihn, so frühzeitig wie nur irgendwie möglich, öffentlich angeprangert und damit die Weltöffentlichkeit gegen die Nazis aufgebracht hätten? Oder indem die amerikanische Luftwaffe das Vernichtungslager in Auschwitz bombardiert hätte? Eva Schweitzer geht solchen Fragen im Detail nach, und in der Tat erweist sich sehr schnell: Die amerikanische Regierung war durch unterschiedliche Quellen schon frühzeitig über die Vernichtung der europäischen Juden informiert. Die Quellen waren auch glaubwürdig, und doch schenkte man ihnen nicht die nötige Aufmerksamkeit. Eva Schweitzer zitiert dazu den ehemaligen Chef des amerikanischen Geheimdienstes OSS in London:

"Über KZs wurde kaum geredet. Die Berichte, die wir erhielten, wurden beiseite gelegt, weil sich die Politik in Washington und London darauf konzentrierte, den Feind zu besiegen."

Wieviel die USA wirklich wussten, ist erst seit wenigen Jahren bekannt, genauer gesagt, seit Präsident Bill Clinton im Jahr 1998 die Materialien der CIA und anderer Geheimdienste von der Geheimhaltung befreite. Im Auftrag des US-Kongresses wertete der Historiker Richard Breitman diese Materialien aus. Eines der Ergebnisse: In Washington war die Vernichtung der Juden bereits zur Zeit der Wannsee-Konferenz Anfang 1942 bekannt. Doch merkwürdigerweise machten die Berichte über die Massendeportationen in den USA keinen weiteren Eindruck - außer, dass sie die Furcht vor jüdischen Flüchtlingen schürten.

Hätte die amerikanische Regierung anders reagieren können? Präsident Roosevelts Antwort war eindeutig: Er helfe den Juden am besten, wenn er den Krieg möglichst schnell gewinne. Doch als der Krieg zu Ende war, waren sechs Millionen Juden ermordet. Wiederholt baten jüdische Vermittler die US-Regierung, die Lager zu bombardieren. Die Antworten waren ausweichend: Es gebe Ziele mit höherer Priorität, hieß es da oder auch: Auschwitz sei zu weit entfernt. Ganz offensichtlich handelt es sich dabei um vorgeschobene Argumente, denn die US-Luftwaffe flog sogar über Auschwitz hinweg und bombardierte wenige Kilometer weiter die Industrieanlagen von Buna, in denen die IG Farben synthetisches Benzin herstellten. Möglich wäre es also gewesen, auch die Gaskammern zu treffen, in denen Millionen Menschen getötet wurden.

Eva Schweitzer erzählt in vielen Einzelheiten, wie deutsche Widerständler des 20. Juli - etwa Adam von Trott zu Solz -, aber auch Spione wie Fritz Kolbe auf anhaltendes Desinteresse bei Briten und Amerikanern stießen. Zum Teil, so arbeitet die Autorin heraus, sei dieses Zögern auf antisemitische Tendenzen im US-Militär zurückzuführen. John McCloy, der zivile Oberkommandierende der US-Armee, habe es "vermutlich" für geraten gehalten, "keine Soldatenleben für die Rettung jüdischer Gefangener in Auschwitz zu riskieren". Die Autorin zitiert McCloy mit den Worten:

"Wenn der Präsident das hätte tun wollen, hätte er bloß einen Knopf zu drücken brauchen."

Letztlich ging die Weigerung auf US-Präsident Roosevelt selbst zurück. Der habe ihm, Mc Cloy, wörtlich erklärt:

"Wenn wir diese Menschen bombardieren, verschieben die Deutschen das Lager nur ein Stück weiter, und wir müssen nochmals bombardieren… Und wenn das Erfolg hat, wird es nur eine Provokation sein. Damit will ich nichts zu tun haben… Man wird uns beschuldigen, Teil dieses furchtbaren Geschehens zu sein."

In der Tat kann man bei diesem höchst schwierigen Gewissenskonflikt unterschiedlicher Meinung sein. Deutlich wird aber in der Darstellung von Eva Schweitzer, auf wie viel Vorbehalte Vertreter jüdischer Organisationen, aber auch Oppositionelle des 20. Juli bei ihren amerikanischen Gesprächspartnern stießen. Er habe es satt - so zitiert sie den Leiter des amerikanischen Geheimdienstes in Europa -, "abgehalfterten Politikern, Emigranten und vorurteilsbeladenen Juden zuzuhören". Insgesamt handelt es sich um ein dunkles, unrühmliches Kapital amerikanischer Geschichte, das Eva Schweitzer aufblättert. Es steht sehr deutlich im Gegensatz zu den offiziellen Erklärungen, wonach die USA die Hälfte Europas befreit haben. Was ja historisch richtig ist und auch nicht unterschlagen werden sollte. Nur sollte man auch nicht vergessen, dass es noch ein anderes Kapitel gibt - etwa wie die amerikanische Wirtschaft mit Nazi-Deutschland weiterhin zusammenarbeitete. Die Autorin betont in diesem Zusammenhang etwa die Rolle des Großvaters des heutigen Präsidenten George W. Bush bei der Aufrüstung von Hitlers Wehrmacht, die Bedeutung von Standard Oil, also dem heutigen Esso-Konzern, die Bedeutung von Ford, von General Motors, von vielen großen US-Konzernen, die mit Hitler-Deutschland gute Geschäfte machten. Zur offiziellen US-Politik steht dies in eklatantem Widerspruch. So hatte die amerikanische Regierung im Zweiten Weltkrieg etwa eine Informationsbehörde geschaffen, das so genannten Office of War Information, das gegen NS-Propaganda ankämpfte. Dort arbeitete etwa der Schauspieler Gregory Peck mit. In einem Hörspiel spielt er einen Arzt, der den Nazis ganz einfach klassische Musik vorspielt, um ihnen ihren Wahnsinn vorzuhalten:

"This music on the loudspeaker is beautiful, doctor. Beautiful, but I do not recognize it. Who is the composer?"

"A German named Mendelssohn, Steiner. According to your Fuehrer, you shouldn’t listen to his music - because Mendelssohn was a jew! "

Die Hörspielserie des Office of War Information trug den Titel: "You can't do business with Hitler". Doch genau das passierte. Offensichtlich war die amerikanische Wirtschaft und Gesellschaft in sich gespalten. Ein starker Antisemitismus verhinderte, dass zu viele Flüchtlinge aus Europa aufgenommen wurden. Sehr genau achteten die amerikanischen Behörden darauf, dass man von den Beschränkungen nur bekannte Wissenschaftler und Künstler ausnahm. Andere Flüchtlinge wurden abgewiesen - Eva Schweitzer zeichnet die Dramen, die sich dabei abspielten, minutiös nach. Bisweilen erweckt ihre Aneinanderreihung von Einzelfakten freilich den Eindruck, dass die Nazi-freundlichen Elemente das politische Klima der Vereinigten Staaten mehrheitlich bestimmten. Angesichts der skrupellosen Haltung amerikanischer Wirtschaftskreise sowie zahlreicher judenfeindlicher Geschichten, von denen Eva Schweitzer zu berichten weiß, gerät der Gesamtblick auf die amerikanische Haltung gegenüber Nazi-Deutschland ins Hintertreffen. So ist es sicher verfehlt, wenn die Autorin über die amerikanische Regierung schreibt:

"Die Vernichtung der europäischen Juden wurde als 'Kollateralschaden' in Kauf genommen worden."

Doch auch wenn man den bedeutenden Beitrag zur Befreiung Europas von Hitler zu würdigen weiß, bleibt es richtig, auf die wunden Punkte hinzuweisen, etwa wie die CIA nach 1945 alte Nazis vor der Verfolgung schützte und im Kampf gegen den Kommunismus gleich weiterzuverwenden wusste. Insgesamt hat Eva Schweitzer eine höchst materialreiche, kritische Studie vorgelegt. Sie ist nicht antiamerikanisch zu interpretieren, sondern steht in der besten amerikanischen Tradition eines investigativen Journalismus.

Eva Schweitzer: Amerika und der Holocaust. Die verschwiegene Geschichte.
Droemer Knaur Verlag, München 2005
399 Seiten, 12, 90 €

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