Mittwoch, 30. November 2022

Globalisiertes Amphibiensterben
Chronik eines angekündigten Todes

Frösche und Kröten leiden nicht nur unter dem Verlust ihrer Habitate, sondern auch unter aggressiven Hautpilzen, die über den Tierhandel von Kontinent zu Kontinent springen. Seit bald vier Jahrzehnten sieht die Welt tatenlos zu. Jetzt sterben in Deutschland die Feuersalamander in Massen. Wer kann sie noch retten?

Von Andrea Rehmsmeier | 18.04.2022

Feuersalamander (Salamandra salamandra) in seichtem Wasser an einem Ast (Deutschland, Baden-Württemberg)
Bislang sind sie in ganz Deutschland verbreitet, jetzt droht ihnen das Aussterben: Feuersalamander haben gegen den "Killerpilz" „Batrachochytrium salamandrivorans“ praktisch keine Abwehrkräfte (imago/blickwinkel/McPHOTO/U. Schwenk )
Die Hitze ist schweißtreibend, der Untergrund der Bananenplantage vollgesogen mit Monsunregen. Mücken stürzen sich gierig auf jedes unbedeckte Stück Haut. Kurzum: Es ist eine perfekte Nacht – zumindest für den Froschzüchter Sam Sucre.

„Ich suche nach bestimmten Laubfroscharten, die bei uns in Panama sehr, sehr selten geworden sind. Nach manchen suche ich schon seit drei Jahren. Aber manchmal reicht es eben nicht, eine staatliche Genehmigung zu haben. Man muss die Tiere auch finden!“

An der Karibikküste, wo der Tropenwald noch urwüchsig ist, sind auch die Plantagen rund um die Siedlungen voller Leben. Der Lichtkegel der Stirnlampe weist Sam Sucre den Weg, immer den Rufen der Frösche nach. Der 31-Jährige ist Herpetologe, ein Experte für Amphibien und Reptilien. In Panama City hat er kürzlich eine Zuchtfarm für aussterbende Laubfroscharten aufgemacht.

„Ja, man hört die Rufe von ein paar Amphibien, aber das ist kein Vergleich zu früher. Vor zehn Jahren waren es definitiv mehr Frösche von mehr Arten.“
Ein männlicher und ein weiblicher Rotaugen-Laubfrosch (Agalychnis callidryas) auf einem Paradiesvogelplanzenblatt
Der Rotaugenlaubfrosch ist extrem beliebt bei Amphibienfreunden - aber der globale Tierhandel birgt immense Gefahren (imago/VWPics/Jon G. Fuller )

Wilderer decken Nachfrage nach "exotischen" Fröschen

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Wo die Habitate noch intakt sind, da treiben Wilderer und Tierschmuggler ihr Unwesen, die auf dem boomenden Weltmarkt für exotische Terrarientiere schnelles Geld machen wollen: Je seltener die Art, desto höher ihr Preis. Und Frösche haben keine starke Artenschützer-Lobby – nirgendwo auf der Welt, auch nicht in Panama. Sam Sucre will das ändern. Das Geschäftsziel seiner Froschfarm: den illegalen Handel mit legalem Handel bekämpfen und die ständig steigende Nachfrage mit gesunden Fröschen aus kontrollierter Zucht befriedigen.

Der Herpetologe lauscht und fährt mit seiner Lampe durch die tropfnassen Blätter. Dann greift er zu: einmal, zweimal, und schon hält er den Bewohner der Bananenstaude in der Höhle seiner Hände. Ein Rotaugenlaubfrosch: riesige, weit auseinanderstehende Augen – lange, feingliedrige Schenkel.

„Im Tierhandel dürfte das der meistverkaufte Frosch sein. Das hier ist ein Männchen, das hört man an seinem Ruf. Diese Art kommt in der Natur bislang häufig vor. Der Rotaugenlaubfrosch ist einer der meistfotografierten Frösche der Welt.“

Das Tier befreit sich aus dem Klammergriff und huscht dem Herpetologen den Arm hinauf. Vorsichtig setzt Sam Sucre es zurück ins Dickicht: Für sein Zuchtprogramm ist die Art nicht selten genug. Er sucht noch lange, doch die bedrohten Tiere, die er mit staatlicher Genehmigung absammeln wollte, bleiben verschwunden.

Herpetologen fürchten um Tierklasse als Ganzes

„Du besuchst die Habitate, die du immer besucht hast, aber du findest weniger und weniger Frösche. Und das ist ja nicht nur ein Gefühl: Es gibt Tonnen von Peer-Review-Studien, die das Amphibiensterben beschreiben. Eigentlich kommt es alle 500 Jahre vor, dass mal eine Art ausstirbt, das wissen wir aus Fossilienfunden. Aber dass innerhalb von 40 Jahren 2.000 Amphibienarten aussterben oder beinahe aussterben – das ist einfach nicht normal.“

Säugetiere, Reptilien, Insekten, Fische: Die wild lebende Fauna des Planeten ist vom Artensterben bedroht. Doch nirgendwo vollzieht sich dieses so schnell wie bei den Amphibien – Tiere, die an Land leben, die aber zum Fortpflanzen Gewässer brauchen. Herpetologen fürchten nicht um einzelne Spezies, sie fürchten um die Tierklasse als Ganzes. Wie aber kommt es zu diesem Massensterben – zeitgleich auf mehreren Kontinenten, wo es völlig unterschiedliche Arten gibt und völlig andere Umweltbedingungen herrschen?

„Das kennen wir so seit den 60er-, 70er-Jahren. Das war aber eigentlich immer mehr so ein lokales, regionales Problem und konnte in erster Linie in Verbindung gebracht werden mit der Zerstörung der Lebensräume, Versiegelung der Landschaft, das Verschwinden von Dorfbrunnen, Begradigung von Gewässern, Monokulturen. Da hat man aber noch nicht von einem Amphibiensterben gesprochen. Vor allem nicht von einem globalen Amphibiensterben.
Ein Herpetologe betupft den Bauch eines neotropischen Frosches (Pristimantis sp.) um Proben von Schleim und Haut zu sammeln und die Anwesenheit des Chytridpilzes (Batrachochytrium dendrobatidis) zu untersuchen. (Departamento de Cusco, Anden, Peru)
Chytridpilze wie Batrachochytrium dendrobatidis sind weltweit zu einer tödlichen Bedrohung für Amphibien geworden (imago/imagebroker)

Auslöser für das Massensterben: ein Pilz

Stefan Lötters, heute Professor für Biogeografie an der Universität Trier, hat seine Karriere in Südamerika begonnen, von wo schon seit den 1980er-Jahren beunruhige Nachrichten kommen.

„Und dann passierte es, und zwar ziemlich genau 1987/88, dass in verschiedenen Teilen der Welt Wissenschaftler feststellten, dass in ungestörten Lebensräumen, also im tropischen Regenwald, irgendwo in den Schutzgebieten, plötzlich Amphibien sterben, und zwar in Massen, oder einfach verschwinden.“

In Australien wird im Jahr 1989 der letzte lebende Magenbrüter-Frosch gesichtet. Rheobatrachus ist ausgestorben, obwohl eine direkte Bedrohung durch den Menschen für ihn gar nicht zu bestehen schien. Zur selben Zeit, in Costa Rica, schlägt die Stunde für Incilius periglénes, die ikonische „Goldkröte“, ebenfalls eine gut erforschte Art. Für die internationale Herpetologengemeinde ist das ein Alarmsignal.

„Es wurden also sehr viele Hypothesen formuliert, was jetzt die Ursache für dieses plötzliche Amphibiensterben sein kann, was ja eine ganz andere Hausnummer war als das, was man bisher hatte. Den Durchbruch brachte die Entdeckung von dem Amphibien-Chytridpilz „Batrachochytrium Dendrobatits“, kurz BD, im Jahr 1997.“

Warum ist der Parasit plötzlich so tödlich?

Der Parasit wird nach den zentralamerikanischen „Dendrobaten“ benannt, den Baumsteigerfröschen, die massenhaft verenden. Die Todesursache ist also gefunden, das Phänomen bleibt dennoch rätselhaft. Denn Chytridpilze gibt es seit mindestens 50 Millionen Jahren auf dem Planeten, sie kommen weltweit im Boden, in Flüssen, Tümpeln und Seen vor. Eigentlich sind sie als Zersetzer von Laub und anderem Totmaterial bekannt. Irgendwann aber müssen sie dazu übergegangen sein, das Keratin in der Haut von lebenden Amphibien zu fressen.
Haben sich durch Mutation besonders aggressive genetische Linien gebildet? Oder hat BD immer schon auf der Haut der Amphibien gelebt, doch seit der Industrialisierung kann sich ihr durch Pestizide und Umweltstress geschwächtes Immunsystem nicht mehr gegen den Chytridpilz wehren? Auch diese Frage, sagt Stefan Lötters, ist bis heute nicht abschließend beantwortet.

„Wir wissen, dass er schon vor 1987 in Südamerika und in Australien war. Warum er nicht so virulent war, liegt möglicherweise daran: Diese alten Bedrohungen halt zusammen mit dieser weiteren Ausbreitung des Pilzes und vielleicht sowas wie Klimawandel und vor allem, dass der Mensch das Seinige dazu getan hat und diesen Pilz immer weiter verfrachtet hat, sodass sich möglicherweise auch neue Pilzstämme bilden konnten.“

Ein "Superspreader" und der globale Tierhandel

Der aus dem südlichen Afrika stammende Krallenfrosch, der selbst gegen BD immun ist, gerät als hauptverdächtiger Super-Spreader ins Visier. In Deutschland ist er als „Apothekenfrosch“ bekannt, denn wild gefangene Tiere wurden in den 1930er- und 40er-Jahren als lebende Schwangerschaftstests massenhaft international gehandelt. Ganz schlüssig ist diese Theorie nicht, denn Batrachochytrium dendrobátidis stammt gar nicht aus Afrika, er stammt aus Asien, zeigt der Vergleich der verschiedenen genetischen Linien.
Ein internationales Forscherteam, dem auch Wissenschaftler des Leipziger Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung angehören, hat dazu im Jahr 2018 eine Studie veröffentlicht. Auch sie kommt zu dem Schluss: Treiber für die rasante Verbreitung des Parasiten ist der internationale Tierhandel.
Edgardo Griffith vom Artenschutzzentrum „El Valle Amphibian Conservation Center“ in Panama mit einem "Goldenen Frosch"
Erst Touristenattraktion, dann fast vom Chytridpilz ausgerottet - der "Goldene Frosch" Atelopus Zeteki (Jan Thönnessen)

"Rana dorada" - der Goldene Frosch

Das Touristenstädtchen El Valle de Anton liegt idyllisch im Krater eines erloschenen Vulkans. Wer hier, in Zentral-Panama, in den Souvenirläden stöbert, der entdeckt auf Postkarten, Kaffeetassen und Kühlschrankmagneten einen niedlichen orangefarbenen Frosch mit schwarzen Punkten. „Rana dorada“, der „Goldene Frosch“, stammt aus der Gegend von El Valle. In Panama hat er den Status eines Nationaltiers. Dabei ist Atelopus Zeteki eigentlich eine Krötenart und ihr Schicksal alles andere als glücklich.

Am Stadtrand von El Valle, versteckt hinter einem Hotelkomplex, steht inmitten von Schiffscontainern ein Häuschen mit einer gläsernen Fassade. Im Empfangsraum, zwischen Frosch-T-Shirts und Frosch-Büchern, ist ein Terrarium aufgestellt.

„Wir haben drei Exemplare des „Goldenen Froschs“ hier. Zwei Weibchen – hier, und dort sitzt noch eins – und ein Männchen. Aber das versteckt sich gerne. Ich hoffe, dass wir bald mehr Tiere in größeren Terrarien ausstellen können.“

Edgardo Griffith leitet das Artenschutzzentrum „El Valle Amphibian Conservation Center“, kurz EVACC. Die überlebenden Vertreter des Panama Golden Frog sind das prominente Aushängeschild seiner kleinen spenden- und stiftungsfinanzierten Organisation.

„Diese Tiere sind wunderschön. Schon in den 1960er-Jahren, als El Valle zur Touristenstadt wurde, waren sie eine Attraktion. Überall in Hotels und Restaurants wurden sie ausgestellt. Die Einheimischen haben damit gute Geschäfte gemacht: Sie haben die Frösche abgesammelt und sie für 50 oder sogar 25 Cent verkauft.“

Zucht als Gegenmittel zum Massensterben

Massenhaftes Absammeln und ein aggressiver Chytridpilz, der sich schnell in Zentralamerika ausbreitet: eine tödliche Kombination. Edgardo Griffith gehört zu den wenigen, die das früh erkennen. Damals, in den frühen Nuller-Jahren, sammelt er Tiere von bedrohten, in Panama endemischen Froscharten und schickt sie an US-Zoos mit Erhaltungszuchtprogrammen.
Eigentlich aber träumt er von einer eigenen Zuchtfarm, die er in seinem Heimatland eröffnen will. Aus Panama ist damals kein Fördergeld zu erwarten, in den USA aber ist der leidenschaftliche junge Panamese mit seiner Akquise erfolgreich. Baubeginn ist im Jahr 2005. Der Rohbau der Froschfarm auf dem Gelände des Stadtzoos wächst schnell in die Höhe. Doch BD ist schneller.

„Ich habe Dutzende tote Frösche gefunden an dem Fluss, wo ich normalerweise Daten für das Monitoring sammele. 30 Pfund tote Frösche! Zuhause habe ich mich mit ihnen eingeschlossen. Ich habe eine Zigarette geraucht, alleine eine ganze Flasche Rum ausgetrunken und geweint.“

Die Zuchtfarm ist längst nicht fertig. Von artgerechten Terrarien kann keine Rede sein. Griffith, zusammen mit seiner Ehefrau und einigen Mitstreitern, bricht dennoch eilig auf, um die letzten gesunden Tiere aus ihrem verseuchten Habitat herauszuholen.

„Wir brachten Hunderte Frösche von bedrohten Arten in zwei Hotelzimmern unter – für 14 Monate. Weil wir keine Futterinsekten hatten, sind wir selbst draußen losgezogen. Wir haben Tonnen von Grillen, Grashüpfern, Kakerlaken und Fruchtfliegen gesammelt. Und das jede Nacht, 14 Monate lang.“

Rettung des Goldenen Frosches wird Staatsziel

Jetzt avanciert die Rettung von Atelopus Zeteki zum Staatsziel: Plötzlich gibt es ein „Golden Frog“-Gesetz, einen „Golden Frog“-Aktionsplan, einen „Golden Frog“-Nationaltag und ein „Golden Frog“-Festival. Griffith‘ Artenschutzzentrum jedoch profitiert davon nur wenig. Mit den amerikanischen Geldgebern kommt es zur Auseinandersetzung darüber, wer über die letzten noch lebenden Goldenen Frösche des Landes Panama verfügen darf. Griffith verliert seine Zuchtfarm im Stadtzoo und muss die Hälfte seiner Tiere an eine US-geführte Institution abtreten.

Heute hat Edgardo Griffith 500 Frösche und Kröten von sieben bedrohten Arten in zwei Schiffscontainern untergebracht. Die meisten davon gehören der Spezies Atelopus Zeteki an. Weltweit, in Gefangenschaft, dürfte es noch 2.000 lebende Exemplare dieser Spezies geben, schätzt er. Werden die Habitate rund um El Valle irgendwann je wieder BD-frei sein, sodass ihre Auswilderung gelingen kann? Griffith kann es nur hoffen.

„Diese Tiere sind seit 300 Millionen Jahre auf diesem Planeten. Sie haben die Dinosaurier kommen und gehen sehen. Wir sollten beginnen, über die Ökosystemleistungen nachzudenken, die sie uns bieten. Sie sind der Kanarienvogel in unserem Bergwerk: Diese empfindlichen Tiere warnen uns, wenn die Qualität unserer Ökosysteme sich verschlechtert. Jetzt gerade sagen sie uns: ‚Hey, ihr Menschen, die Dinge laufen schlecht!‘. Und dafür zahlen sie selbst den höchsten Preis.“
Feuersalamander mit starker Chytrid-Infektion, zu sehen an den Läsionen an der Schnauze.
Zuerst hat BSAL fast die gesamte niederländische Feuersalamander-Population ausgerottet, inzwischen hat sich der Pilz auch in Deutschland verbreitet (Science/Frank Pasmans)

Neu entdeckter Chytridpilz "Salamanderfresser"

Lebende Tiere, in ihren Herkunftsländern wild gefangen, werden in unüberschaubaren Mengen von Kontinent zu Kontinent verschickt: legal und illegal – als Delikatessen, Labortiere, Insektenvertilger oder exotische Haustiere. Und das zumeist ohne jede veterinärmedizinische Kontrolle oder Quarantäne.

Artentod per Airline: Im Jahr 2000 wird der Chytridpilz BD auf der Haut von Dendrobaten nachgewiesen, die als Terrarientiere nach Deutschland importiert worden sind. Das Monitoring von wild lebenden Populationen bringt zunächst Entwarnung: Nur bei der Geburtshelferkröte gehen die Populationen zurück, die meisten anderen heimischen Arten scheinen mehr oder weniger resistent.
Umso größer ist der Schrecken im Jahr 2010, berichtet der Trierer Forscher Stefan Lötters: Im niederländischen Süd-Limburg, wo im Dreiländereck Niederlande-Deutschland-Belgien eine große Feuersalamander-Population heimisch ist, werden massenhaft tote Tiere gefunden. „Ja, man wusste natürlich erst mal gar nicht, worum es da geht und was passiert. Aber die Forscher von der Universität Gent, die haben dann BSAL halt identifiziert beziehungsweise entdeckt. Also als neuer Chytridpilz, der auf Amphibien lebt.“

Drei Jahre später sind 96 Prozent der niederländischen Feuersalamanderpopulation verendet. Der neu entdeckte Chytridpilz scheint sich regelrecht in die Haut der Tiere hineinzufressen. Er hinterlässt tiefe Läsionen, die Einfallstore für weitere Bakterien und Krankheitserreger bilden. „Batrachochytrium salamandrivorans“, kurz: BSAL, bekommt den Beinamen: „Salamanderfresser“.

„Wir wissen heute: Er stammt aus Asien und ist in Europa invasiv. Und weil er hier invasiv ist, sind die Wirte – in erster Linie Salamander wie der Feuersalamander – stark betroffen. Das heißt, die erkranken und sterben auch.“

Feuersalamander-Sterben erreicht Deutschland

Die Universität Trier weitet ihre Forschung aus. Im Jahr 2014 machen alle Feuersalamander noch einen fitten Eindruck: Ihre Hautabstriche sind BSAL-negativ.

„Ja, aber es gab keinen Grund zur Freude, denn 2015 war es dann soweit, wir haben dann tatsächlich dort in der Region BSAL festgestellt. Und genauso wie in den Niederlanden Massensterben beim Feuersalamander. Und seitdem ist es so, dass BSAL sich ausbreitet. Wir können also von Jahr zu Jahr immer mehr Fundorte feststellen. Das betrifft die Nordeifel, die Südeifel, inzwischen auch das Ruhrgebiet. Und es gibt noch zwei Regionen in Bayern, in Nordbayern und im südlichen Bayern, wo wir diesen BSAL inzwischen haben. Und leider ist es so, dass Deutschland inzwischen sogar als trauriger Hotspot gilt für den BSAL.“

Heute leitet Stefan Lötters an der Universität Trier eine Arbeitsgruppe für invasive Infektionskrankheiten, die in den vergangenen Jahren an Forschungsprojekten auf EU- und Bundesebene beteiligt war. „Jetzt nicht erschrecken, wir sind hier in den untersten Katakomben.“

Im Keller des Geozentrums, bei kühlen 14 Grad, herrscht ein Klima wie in einem dichten Wald. „Das ist ein Desinfektionsmittel, da kann man einfach reinsteigen. Das ist das, was wir auch nutzen, um unsere Schuhe nach der Freilandarbeit zu desinfizieren.“

Ein Hauch von Ethanol hängt in der Luft. Hier leben 25 Feuersalamander, die auf keinen Fall mit BSAL-Sporen in Kontakt kommen sollen. Weitere Terrarien stehen als Herberge für den streng geschützten Kammmolch bereit, berichtet der Student Amadeus Plewnia. Die Tiere werden gerade mit offizieller Genehmigung in verschiedenen Gegenden Deutschlands abgesammelt. Irgendwann, sobald die Hoffnung besteht, dass die verseuchten Habitate wieder BSAL-frei sein könnten, sollen die Tiere wieder ausgewildert werden – eine ungewisse Perspektive, denn es gibt Anzeichen, dass BSAL auch im Laub lange überleben kann.
Amadeus Plewnia (l) und Stefan Lötters von der Universität Trier blicken auf ihr Feuersalamander-Terrarium
Amadeus Plewnia (l) und Stefan Lötters von der Universität Trier versuchen, den Feuersalamander zu retten (Andrea Rehmsmeier)

DNA-Analyse von Hautabstrichen

„Das hier ist das DNA-Extraktionslabor. Hier extrahieren wir die DNA aus den Proben. Und das geht hier mittels zum Beispiel dieses Thermomix und Zentrifugen.“

Amadeus Plewnias Aufgabe ist es, die Amphibien-Hautabstriche zu analysieren, die aus den BSAL-verdächtigen Gebieten bei der Uni Trier eingehen.

„Hier werden im Prinzip die DNA-Proben lysiert. Das heißt, die Zellen werden hier aufgebrochen, damit wir an die DNA aus den Zellen gelangen. Und das geschieht eben mittels vielfältiger Arbeitsschritte. Es wird immer wieder bei verschiedenen bestimmten Temperaturen hier aufgeheizt, geschüttelt, zentrifugiert.“

Allein in Deutschland gibt es inzwischen über 70 Standorte, wo Amphibien von BSAL befallen werden, hat die bisherige Bestandsaufnahme gezeigt. Zwar ist der Chytridpilz nicht für alle Arten gleichermaßen tödlich. Beim Feuersalamander aber liegt die Letalitätsrate bei 100 Prozent. Stefan Lötters:

„Was jetzt in Europa auch seitens EU oder seitens der Länder passiert in Sachen BSAL, ist im Moment noch völlig unklar. Ich glaube, man wartet noch ab und man schaut einfach: Wie groß wird das Problem?“

Arten-Monitoring in der Nordeifel

Von Bächen durchzogene Wälder, langgezogene Bergrücken, wintergraue Wiesen mit einem hellgrünen Schimmer von Vorfrühling. Vor der Windschutzscheibe des Kombis erstreckt sich die Mittelgebirgslandschaft der Nordeifel, die als eine der schönsten Naturlandschaften Deutschlands gilt. Wanderfalke, Kolkrabe und Uhu sind in die Eifel zurückgekehrt, und die Biber errichten wieder Staudämme aus gefällten Bäumen.

„Das ist recht idyllisch. Aber manchmal trügt die Idylle. Also man muss aufpassen, dass diese Idylle nicht zu einer Kulisse wird, wo die Arten, die eigentlich da reingehören, auf einmal nach und nach verschwinden. Und keiner kriegt’s so richtig mit.“

Lutz Dalbeck ist der stellvertretende Leiter der Biologischen Station Düren. „Hier sieht man übrigens tote Fichten. Hier ist alles abgestorben. Hier hat keine Fichte überlebt. Fast keine Fichte.“

Seit drei Jahren fällt nun schon zu wenig Regen, berichtet der promovierte Faunist. Trockenheit und Borkenkäfer haben dem Eifel-Wald schwer zugesetzt, sogar die Kiefern und Buchen sterben. Weniger sichtbar, aber nicht weniger schwer getroffen sind die Amphibien. Denn Frösche, Kröten und Molche brauchen zum Laichen flache Gewässer – und die trocknen als erste aus.

„Zum Beispiel der Kammmolch, aber auch Geburtshelferkröte ist eine Art, die brutal zurückgegangen ist. Gelbbauchunke ist akut vom Aussterben bedroht, hier überall in Nordrhein-Westfalen. Auch Grasfrosch – also Arten, von denen man dachte: 'Ja, wenigstens um die müssen wir uns nicht kümmern, weil sie wirklich häufig sind', gehen zum Teil sehr stark zurück. Und eine dieser Arten ist auch der Feuersalamander.“

Populationen können urplötzlich verschwinden

In der Nordeifel, vereinzelt, gibt es noch vitale Populationen. Doch jedes Mal, wenn Dalbeck Amphibienhabitate besucht, befürchtet er das Schlimmste. Und der Chytridpilz BSAL breitet sich auch international immer weiter aus.

„Alle zittern jetzt, zum Beispiel, Italien, dass das in die Vorkommen reinkommt zum Beispiel vom Brillensalamander. Oder es gibt verschiedene Höhlensalamander zum Teil mit winzigem Verbreitungsgebiet. Und da kann man sich vorstellen, wenn da BSAL reingeht und alle sind tot, dann sind die einfach für immer weg, diese Tiere. Und das ist auch so ein Horrorszenario, was aber immer wahrscheinlicher wird. Es kann überall jederzeit auftauchen.“

Das Horrorszenario: Da gibt es ein gehegtes und gepflegtes Habitat, das den bedrohten Amphibien mit viel Behördenunterstützung und Artenschützer-Expertise ein intaktes Refugium bieten soll – und von einem Monitoring zum nächsten ist es leer.

In dieser Gegend gibt es viele Teich- und Bergmolche, um deren Wohlergehen sich Lutz Dalbeck an diesem Tag sorgt. Denn diese stehen längst so sehr unter Artenschützer-Beobachtung wie der prominente Feuersalamander. Die Graslandschaft, in der Lutz Dalbeck sein Monitoring durchführen will, ist einige hundert Meter breit. Auf der einen Seite ragen schroff Sandstein-Abhänge in den Himmel, auf der anderen windet sich das Flüsschen Rur durch das Grünland.
Lutz Dalbeck von der Biologischen Station Düren macht einen Hautabstrich bei einem Feuersalamander
Der BSAL-Hautabstrich zeigt, ob eine Population schon vom "Salamanderfresser"-Pilz befallen ist (Andrea Rehmsmeier)

An sich ideale Bedingungen für Molche ...

Der Untergrund ist sumpfig. Hier haben die Mitarbeiter der Biostation Düren in den vergangenen Jahren alte Tümpel entschlammt und neue angelegt. Jetzt tanzen Mücken über dem Wasser, und an den Teichrändern hängen dicke Ballen von Froschlaich. Hier hat Dalbeck am Vortag Reusen ausgelegt, Marke Eigenbau: verschließbare Eimer, deren Wände mit Löchern durchsiebt und von halbierten PET-Flaschen durchsetzt sind. Kein Entkommen für Wasserinsekten, Libellenlarven und Amphibien, die in die trichterförmigen Flaschenhälse hineingeraten.

„Das, was wir hier sehen, ist ein Gelbrandkäfer, das sind diese großen Schwimmkäfer hier. Dann haben wir Rückenschwimmer in der Reuse. Und einen Molch: ein Teichmolch, ein ziemlich kleiner. Also ein ziemlich junges Teichmolchmännchen.“

Wild zappelt das Tierchen auf dem Eimerboden. Es hat die Länge eines Fingers und eine schlammig-braune Tarnfarbe – von oben betrachtet. Als Dalbeck es auf den Rücken dreht, zeigt sich: Die Paarungszeit ist nah. Sein Bauch leuchtet in prächtigem Orange.

„Und dann streich ich ihn ab.“ Der BSAL-Test für die Universität Trier ist schnell gemacht: Drei routinierte Hautabstriche über den Rücken, den Bauch, die Seite. „Ja, es ist schade, dass das alles sein muss. Wir haben uns das nicht ausgesucht. Schwups ist er wieder im Wasser.“

... aber die Zahl ist geschrumpft

Dann stapft der Biologe zu den anderen Reusen hinüber, die er in dem Teich ausgelegt hat. Doch die sind alle leer. In zwei weiteren Tümpeln ist Ausbeute ebenfalls dünn: Lutz Dalbeck findet einen Grasfrosch, aber keinen weiteren Molch.

„Das kann tausend Gründe haben. Ein Grund könnte sein … na, ich will hier nicht spekulieren.“

Haben es die Amphibien einfach noch nicht geschafft, die kürzlich angelegten Tümpel zu besiedeln? Ist der Wasserstand der Tümpel zu niedrig oder die Wasserqualität zu schlecht? Oder ist BSAL in der Rur-Aue angekommen? Noch können Pathogentests Aufschluss geben. Doch seit die große, vom Bund finanzierte BSAL-Studie abgeschlossen ist, laufen die Hautabstriche in der Biostation Düren als Stichproben nebenbei – und die Probensets werden knapp.

„Also mich beunruhigt jetzt hier sehr stark, dass wir bisher nicht einen einzigen Bergmolch gefunden haben. Die Art gibt es hier. Oder gab’s hier. Ich hoffe, es gibt sie noch.“

Tümpel Nummer vier ist der letzte für das Monitoring dieses Tages. Lutz Dalbeck öffnet die erste Reuse: Auf dem Eimergrund herrscht Gewimmel, dieser Tümpel scheint voller Molche zu sein. Nur ein Bergmolch, die in dieser Gegend eigentlich häufig sind, ist nicht dabei. Und auch mit den Teichmolchen scheint etwas nicht zu stimmen.

„Ein total kleines Tier, also erstaunlich klein. Was für eine Mickerling! Das ist ein Phänomen! Sowas hat es noch nicht gegeben. Sowas hab ich hier noch nicht gesehen. Dass vor allen Dingen … alle! Da war nicht ein einziges normal großes Tier dabei. Nicht eins!“
Bergmolch (Triturus alpestris) auf einem Pilz
Eigentlich ist der Bergmolch auch in der Nordeifel heimisch - beim ersten Monitoring 2022 lässt sich kein Exemplar aufspüren (imago/McPHOTO/Filitz)

Pathogen-Einschleppung unbedingt verhindern

Handelt es sich um Jungtiere? Oder sind es adulte Tiere, die aufgehört haben zu wachsen? „Theoretisch ist auch sowas möglich, wie dass diese extremen Dürre-Sommer, dass dadurch sehr viele Teichmolche hopsgegangen sind in einem Jahr. Dass der Bestand zusammengebrochen ist sozusagen. Und eine Kohorte jetzt rausgekommen ist vor zwei Jahren. Das heißt, wir finden Tiere, die sehr jung sind. Die sind nicht schlecht gewachsen, die sind einfach klein, die werden dann noch größer. Wäre eine Erklärung.“

Eine kleinwüchsige Teichmolchpopulation und kein einziger Bergmolch. Lutz Dalbeck beendet das erste Molchmonitoring des Jahres 2022 mit einem eisernen Ritual: das Profil der Schuhsohlen auskratzen, hart abbürsten, tropfnass mit Ethanol desinfizieren. Mehr kann er nicht tun für die Molche in seinem Schutzgebiet.

„Wir müssen darum kämpfen, dass diese Art überlebt und andere auch. Auch wenn wir kaum Möglichkeit haben zurzeit. Und sei es nur, dass wir es schaffen, dass nicht irgendwann schon das nächste Pathogen eingeschleppt wird. Das wäre ja schon was. Also das ist ein globales Phänomen, und wir kümmern uns nicht genug darum, finde ich.“

Bis heute gibt es nur wenige Staaten, die den Handel mit wild gefangenen Tieren verbieten oder unter strenge veterinärmedizinische Kontrolle stellen. In Deutschland hat es auf Regierungsebene immer mal wieder Initiativen für ein Wildtierhandelsverbot gegeben – umgesetzt wurde es nie. Jede dritte der knapp 8.500 Amphibienarten ist derzeit als „bedroht“, „stark bedroht“ oder „bereits ausgestorben“ eingestuft. Jede zweite, sagen Prognosen, könnte bis Mitte des Jahrhunderts vom Planeten verschwunden sein.