Donnerstag, 29. September 2022

Fatu braucht Kinder
Letzte Rettung für das Nördliche Breitmaulnashorn

Auf der ganzen Erde leben nur noch zwei Nördliche Breitmaulnashörner, Najin und Fatu, Mutter und Tochter. Die beiden können auf natürlichem Weg keinen Nachwuchs mehr bekommen. Jetzt helfen nur noch modernste Fortpflanzungsmedizin und eine artfremde Leihmutter. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

Von Magdalene Schmude | 17.04.2022

Ein Ranger begleitet Fatu und Najin beim Grasen im Ol Pejeta-Reservat
Aufgewachsen sind Fatu und Najin im Zoo – und mittlerweile die letzten Überlebenden ihrer Art. Aber noch gibt es Hoffnung auf Nachwuchs. (BioRescue/Jan Zwilling)
Mai 2018. Thomas Hildebrandt hat gerade eine Vorlesung gehalten, jetzt sitzt er im Flur des Instituts. Er sieht erschöpft aus. Als Reproduktionsmediziner für Wildtiere reist er viel, war zuletzt in Taiwan und im europäischen Ausland unterwegs. In der nächsten Woche wird er für einen Vortrag nach Neuseeland fliegen. Und dann ist da noch das derzeit wichtigste Projekt, an dem er und sein Team vom IZW beteiligt sind: BioRescue, die Rettung des Nördlichen Breitmaulnashorns. Die Situation ist alles andere als rosig, denn es gibt nur noch zwei lebende Tiere, die Kühe Najin und Fatu.

„Eigentlich eine Situation, wo man sagen muss: Die Tiere sind praktisch ausgestorben. Es gibt sie seit 2008 schon nicht mehr in der Wildbahn und unter den klassischen Umständen, wie man früher Artenschutz betrieben hat oder Arterhaltungsprogramme, hätte man sagen müssen: Gut, da haben wir wieder versagt. Glücklicherweise sind wir noch nicht an dem Punkt und hoffen, dass wir da auch nie angelangen, weil wir eben völlig neue Techniken einsetzen werden, die es ermöglichen, selbst unter diesen Umständen mit zwei lebenden Tieren eine Art zu retten.“

Najin und Fatu sind Mutter und Tochter, beide kamen in Gefangenschaft zur Welt. Zuletzt haben sie in einem Zoo in Tschechien gelebt. Schon damals gab es weltweit nur noch eine Handvoll Nördliche Breitmaulnashörner. Zuchtprogramme kamen an ihre Grenzen. Deshalb wurden Najin und Fatu 2009 zusammen mit zwei Bullen nach Ol Pejeta gebracht, ein Naturschutz-Reservat in Kenia. Man hoffte, dass sich dort der erwünschte Nachwuchs auf natürlichem Weg einstellen würde.
Ein Nördliches Breitmaulnashorn beschnuppert in seinem Gehege im tschechischen Zoo Dvur Kralove (Königinhof an der Elbe) einen Reisecontainer.
2009 wurden die letzten Nördlichen Breitmaulnashörner vom Zoo in Tschechien ins Reservat nach Kenia gebracht (dpa picture alliance/ Zoo Dvur Kralove/Myslivecko)

Die letzten beiden Nashorn-Bullen sind inzwischen tot

„Aber dieser Wunsch und die Realität klaffen manchmal häufig sehr weit auseinander. Und wir haben diese Tiere 2014 noch mal untersucht, also nachdem sie schon fünf Jahre dort waren, und mussten feststellen, dass das hoffnungsvollste Tier, Fatu, die Tochter von Najin, die 2000 geboren wurde, eine schwere Uterus-Entzündung durchlaufen hatte, die eigentlich mit absoluter Sicherheit infertil machte.“

Najin, die ältere der Kühe, hatte damals zwar noch gesunde Fortpflanzungsorgane, aber eine Verletzung an der Achillessehne, die es zu riskant machte, sie noch mal ein Kalb austragen zu lassen. Die beiden können noch Eizellen liefern, aber man wird eine Leihmutter brauchen, das nah verwandte Südliche Breitmaulnashorn bietet sich an. Auch die beiden letzten Bullen, die mit nach Kenia gezogen waren, sind zwischenzeitlich gestorben, erst Suni, dann Sudan. Ihr Sperma gibt es nur noch eingefroren. Thomas Hildebrandt:

„Man muss sagen, dass dieses Sperma eine sehr schlechte Qualität hat. Das heißt also, man kann es eigentlich nicht für die künstliche Besamung einsetzen, was auch nicht sehr weitsichtig wäre, weil für die künstliche Besamung müssen mindestens 20 Millionen Spermien verwendet werden. Und was wir derzeit betreiben, ist die Form der In-vitro-Fertilisation mit ICSI. Das bedeutet, man nimmt ein ganzes Sperma und injiziert das in eine Eizelle. Und das ist also die effektivste Form der Nutzung von Spermien. Und damit haben wir doch noch mit dieser Vorgehensweise erheblich Raum für Ressourcen.“

Bevor in wenigen Monaten die erste Eizellentnahme stattfinden soll, müssen auch bürokratische Hürden genommen werden. Najin und Fatu gehören dem tschechischen Zoo. Doch weil die beiden jetzt in Kenia leben, erhebt die kenianische Regierung Anspruch sowohl auf die Eizellen als auch auf mögliche Embryonen, die daraus entstehen.

Ein Nördliches Breitmaulnashorn ruft anders als ein Südliches

Das Nördliche Breitmaulnashorn ist eine von noch neun Nashornarten und -unterarten, die es auf der Erde gibt. Und die am stärksten bedrohte. Am nächsten verwandt ist es mit dem Südlichen Breitmaulnashorn, beide teilen die namensgebende breite Schnauze. Doch genetisch unterscheiden sich beide. Und während das Südliche Breitmaulnashorn in der Steppe im heutigen Angola, Namibia, Simbabwe und Mosambik grast, war das Nördliche Breitmaulnashorn in den Sumpflandschaften Zentralafrikas zu Hause. Najin und Fatu tragen ihren Bauch wegen der hohen Sumpfgräser höher als das Südliche Breitmaulnashorn und laufen auf breiteren Füßen. Ihr neues Zuhause in Ol Pejeta ähnelt dieser sumpfigen Landschaft zumindest ein bisschen, erzählt Samuel Mutisya, der in dem Reservat für die kenianische Regierung als Naturschutzbiologe arbeitet.

„Als sie hierherkamen, waren sie natürlich mit einigen Dingen nicht so vertraut. Sie wussten nicht, wie man sich in Schlammpfützen wälzt, mit anderen Nashörnern umgeht und sich behauptet. Aber als wir sie mit den Südlichen Breitmaulnashörnern zusammengebracht haben, die hier wild leben, haben sie sich im Verhalten angepasst, sodass sie mit der Zeit anfingen, sich natürlicher zu benehmen als zuvor.“

Zacharia Mutai hat Najin und Fatu seit dieser Zeit besonders gut kennengelernt. Seit zwölf Jahren betreut er sie und andere Nashörner in Ol Pejeta als Pfleger. „Ich verbringe den Tag mit ihnen. Sie sind ein zweiter Teil meiner Familie. Ich verbringe viel Zeit mit ihnen, sogar mehr als mit meiner Familie. Deshalb habe ich eine besondere Verbindung zu ihnen. Sie haben typische Verhaltensmuster im Verlauf des Tages. Morgens sind sie sehr aktiv, sie fressen und verbringen Zeit mit den anderen Nashörnern. Wenn es dann zu heiß wird, ruhen sie für sechs bis sieben Stunden und warten, dass es wieder kühler wird.“
Der letzte nördliche Breitmaulnashornbulle Sudan
Der letzte nördliche Breitmaulnashornbulle Sudan starb 2017 - aber sein Sperma ist eingefroren erhalten (pa/dpa/AP)

Fatu und Najin werden von Rangern bewacht

Früh am Morgen lassen er und die anderen Pfleger Najin und Fatu aus einem offenen Stall, in dem sie die Nacht verbracht haben. Bewacht von Rangern, die Wilderer abhalten sollen. Najin ist die ruhigere der beiden, erzählt Mutai. Ihre Tochter Fatu dagegen sei ungestüm.

„Die beiden haben eine besondere Verbindung. Sie haben verschiedene Arten, miteinander zu kommunizieren. Jeder Laut hat eine andere Bedeutung. Manchmal, wenn sie sich sehr weit voneinander entfernt haben, gibt es einen Laut*, mit dem die eine nach der anderen sucht.“

Die Rufe unterscheiden sich tatsächlich von denen der Südlichen Breitmaulnashörner in Ol Pejeta. Sollte eines der beiden Weibchen sterben, bevor ein Kalb geboren wird, könnten sie ihre spezielle Sprache nicht an die nächste Generation weitergeben. Samuel Mutisya:
„Das ist sehr wichtig, denke ich, denn einige dieser Eigenarten und Verhaltensweisen werden erlernt und sind deshalb entscheidend für das Überleben einer Art. Wenn man bedenkt, dass die beiden ihr Leben in einem Zoo verbracht haben, ist zwar nicht klar, wie viel Arttypisches sie noch teilen. Aber es ist ein Vorteil, sie noch hier zu haben, um alles, was noch weitergegeben werden kann, weiterzugeben.“

Das könnte auch entscheidend sein, sollte es gelingen, eine Gruppe Nördlicher Breitmaulnashörner wiederanzusiedeln in ihrem ursprünglichen Lebensraum, in dem es mehr Bäume gibt und das Gras höher wächst als in Kenia. „Wir versuchen sie also zu erhalten, für das, was wir wissen, und für das, was wir nicht wissen.“

Fördergelder und grünes Licht aus Kenia

Ein Jahr vergeht. Die erhoffte Eizellentnahme im Sommer 2018 kann nicht stattfinden, noch liegen nicht alle nötigen Genehmigungen der kenianischen Behörden vor. Doch es gibt Erfolge auf anderer Ebene.
„Herzlich willkommen hier zu unserer Pressekonferenz, ich begrüße Sie hier im Schloss Friedrichsfelde ... .“ „Die Lebensgrundlagen der Menschheit, die Vielfalt der Arten ist gefährdet. Der Artenschutz erfordert deshalb entschlossenes und rasches Handeln ... .“

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung startet Anfang 2019 die Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt und stellt für fünf Jahre 200 Millionen Euro zur Verfügung. „Das Projekt BioRescue ist eine der Initiativen, die im Rahmen dieser Leitinitiative gefördert werden.“ Vier Millionen Euro sollen in den kommenden drei Jahren an Thomas Hildebrandt und sein Team gehen. „Wir wollen das Nördliche Breitmaulnashorn erhalten.“

Dann geht es plötzlich schnell. Der Kenia Wildlife-Service gibt grünes Licht für die erste Eizellentnahme. Als auch die nötigen Ausfuhr-Genehmigungen vorliegen, um die Eizellen nach dem Eingriff auszufliegen, erhalten Najin und Fatu Hormonpräparate. Sie sollen dafür sorgen, dass sie möglichst viele Eizellen produzieren. Ende August fliegt Thomas Hildebrandt mit seinem Team nach Kenia. Im Gepäck mehrere hundert Kilo medizinische Ausrüstung. Alle sind angespannt. Sollte Najin oder Fatu während des Eingriffs etwas passieren, wäre das eine Katastrophe.
Frank Göritz, Isaac Lekolool, Thomas Hildebrand, Raffaella Simone, Susanne Holtze und Jan Stejskal (von links nach rechts) bei der Eizellen-Entnahme
Heikle Operation - die Eizellentnahme findet unter Vollnarkose statt (Jan Zwilling)

Eizellentnahme unter Vollnarkose

„Wir holen sie heute Abend gegen fünf in die Boxen. Dann kommen wir morgen sehr früh wieder her, zwischen 6.15 Uhr und 6.30 Uhr, und bringen das Tier, mit dem wir anfangen wollen, Najin, in die vordere Box.“ Najin und Fatu steht eine Vollnarkose bevor. Thomas Hildebrandt will mögliche Komplikationen ausschließen. „Sie können etwas Heu fressen, aber nicht zu viel, weil das zu Problemen mit der Narkose führen könnte. Ihr Magen sollte nicht zu voll sein.“

Es gibt keinen Operationsaal, der Eingriff findet draußen statt, nur eine Plane über dem offenen Stall schützt vor Starkregen oder Sonne. „Es war morgens noch sehr kalt, wir haben angefangen, unser Unternehmen bei 14 Grad zu starten, die Sonne ging gerade auf.“ Najin bekommt ein rotes Tuch über die Augen. Tierarzt Frank Göritz betäubt sie mit einem Narkosepfeil aus dem Blasrohr, er wird während der Eizellentnahme auch ihre Vitalfunktionen überwachen und sie anschließend wieder aufwecken.
Die Forscher sehen die Bilder der Ultraschallsonde aus dem Nashorn-Uterus auf einem Spezial-Laptop an
Im Ultraschallbild werden die Follikel sichtbar (Jan Zwilling)
Es muss schnell gehen. Mit einer speziellen Ultraschallsonde, die an einem zwei Meter langen Stab eingeführt wird, können die Tierärzte die Follikel an Najins Eierstöcken sichtbar machen. „Die großen haben wir alle, den könnten wie höchstens noch nehmen.“ Einer nach dem anderen wird mit einer Nadel punktiert und mit einer rötlichen Nährlösung gespült, um die darin enthaltene Eizelle zu sammeln. „Da war noch einer daneben gleich.“

Nach insgesamt fünf Stunden sind beide Eingriffe geschafft. „Unsere beiden Patienten sind unmittelbar nach der Narkose aufgestanden, sind auf ihre gewohnte Weide gegangen, haben ihr gemütliches Schlammbad durchgeführt und haben sich, weil sie im Vorfeld ja hungern mussten für den Eingriff, und haben sich da erstmal die Bäuche vollgeschlagen.“

Künstliche Befruchtung im italienischen Speziallabor

Drei Monate später, kurz vor Weihnachten, südöstlich von Mailand. Es regnet. An einer holperigen Ausfallstraße der Kleinstadt Cremona liegt ein flaches Gebäude. Die Fenster zur Straße sind mit Folie abgeklebt und vergittert. Der Firmensitz von Avantea. Cesare Galli ist ein kleiner Herr mit schütterem Haar und leiser Stimme. Er hat die Firma zusammen mit seiner Frau Giovanna Lazzari aufgebaut. Auch wenn das Ambiente es kaum erahnen lässt: Die beiden sind Pioniere für künstliche Befruchtung bei Tieren.
Im Flur stehen Styroporboxen mit Kühlcontainern, in denen Sperma von Zuchtpferden aus ganz Europa hergeschickt wird. Doch anders als bei den Pferden läuft es im BioRescue-Projekt in Kenia noch nicht optimal, findet Cesare Galli. „Wir haben nicht so viele Eizellen entnehmen können, wie wir erwartet hätten. Denn es waren eigentlich mehr Follikel da. Auf diesem Gebiet müssen wir besser werden und die Recovery-Rate verbessern, denn besonders Fatu hatte viele Follikel.“

Heute sollen hier zum zweiten Mal die Nashorn-Eizellen aus Kenia befruchtet werden, die Cesare Galli am Vortag am Flughafen von Mailand in Empfang genommen hat. Im Flur steht noch die Box, in der die Eizellen auch diesmal bei 22 Grad gereist sind, nicht größer als eine Einkaufskiste. „Sie werden angehalten, bei 22 Grad passiert nichts weiter. Wenn sie hier sind, fangen sie an zu reifen.“

Neun unreife Eizellen konnten Thomas Hildebrandt und sein Team bei diesem zweiten Eingriff entnehmen. Drei von Najin und sechs von Fatu. Nicht alle davon haben sich weiterentwickelt. Hinter einer Glasscheibe bereitet eine technische Assistentin mit geübten Handgriffen eine der Eizellen vor.

„Jetzt werden sie befruchtet, indem ein Spermium injiziert wird. Das kann man auf diesem Bildschirm beobachten. Der ist an das Mikroskop da hinten angeschlossen, an dem auch der Mikromanipulator ist.“ Auf dem Bildschirm ist ein kleines Klümpchen Zellen zu erkennen. „Und darin ist ein kleines … - wie ein Spiegelei. Man sieht einen schwarzen Punkt in der Mitte. Das ist die Eizelle. Zuerst müssen all die anderen Zellen entfernt werden. Und das macht sie mit einer Pipette.“
Cesare Galli hantiert in seinem Labor mit einer Pinzette in einem Kühlbehälter
Bei aller Expertise und Routine - dass sich aus einer befruchteten Eizelle tatsächlich ein Embryo entwickelt, ist längst nicht gesagt (Ami Vitale)

Jeder einzelne Embryo zählt

Normalerweise eine Routine-Angelegenheit. Doch die Befruchtung der Nashorn-Eizellen hat fast etwas Ehrfurchtgebietendes. Zunächst wird eine Portion des tiefgefrorenen Bullen-Spermas aufgetaut. Dann sucht die Assistentin unter dem Mikroskop ein lebendes Spermium aus und saugt es sanft in die Pipettenspitze.

„Die Pipettenspitze kommt näher, sie dreht die Vergrößerung hoch auf 400fach. Siehst Du das Spermium in der Pipette? Man sieht, wie es in die Spitze gedrückt wird und dann in die Eizelle reingeht. Man sieht, dass das Spermium in der Eizelle geblieben ist.“

Ab diesem Moment können auch Cesare Galli und sein Team nur noch abwarten, ob sich ein früher Embryo entwickeln wird. Nach der ersten Eizellentnahme im August hatten zwei der befruchteten Eizellen diesen Schritt geschafft. Die beiden daraus entstandenen Embryonen lagern seitdem tiefgefroren in einem Tank mit flüssigem Stickstoff. Diesmal ist es am Ende ein weiterer Embryo, der dazukommt. Jeder einzelne zählt, denn unbegrenzt oft wird die Prozedur der Eizellentnahme für Najin und Fatu nicht zumutbar sein.
Doch alle Embryonen sind nutzlos, wenn es nicht gelingt, den Embryotransfer erfolgreich durchzuführen. Derzeit wird die Methode in europäischen Zoos in einem Zuchtprogramm entwickelt, an Kühen des Südlichen Breitmaulnashorns. Bisher hat noch kein einziger der Versuche funktioniert. Cesare Galli:

„Es hat keinen Sinn, ohne diese Ergebnisse nach Kenia zu gehen und den Embryo des Nördlichen Breitmaulnashorns zu verwenden, den wir vielleicht heute erzeugen oder die zwei, die wir schon produziert haben. Die sind einfach zu kostbar. Wir müssen sicher sein, dass sie wissen, was sie tun. Zu diesem Zeitpunkt wissen sie es nicht.“

Rettungsaktion geht über die einzelne Art hinaus

Wie sinnvoll ist es überhaupt, so viel Zeit, Mühe und Geld zu investieren, um ausgerechnet das Nördliche Breitmaulnashorn zu retten? Für den Naturschutzbiologen Samuel Mutisya eine durchaus berechtigte Frage. „Es ist schon richtig: Wir sollten kein Geld ausgeben, um eine Art zu retten, wenn wir damit sonst andere Arten gerettet hätten mit mehr als nur zwei letzten Exemplaren. Das ist eine Anomalie. Trotzdem denke ich, dass das Geld gut angelegt ist, weil es eine Investition ist, mit der wir Forschung voranbringen, die wir brauchen, um Arten grundsätzlich zu retten.“

Ließen sich die Ressourcen nicht effektiver nutzen, wenn sie in den Naturschutz und damit den Schutz vieler Arten gingen, statt in die Rettung einer einzelnen? Noch dazu, wenn der Erfolg so ungewiss ist? Thomas Hildebrandt kennt die Kritik - und hält sie für kurzsichtig.

„Weil wir mit der der Wiederauswilderung des Nördlichen Breitmaulnashorns nicht nur Dutzende andere Arten retten, sondern auch tTusende andere Arten. Es sind Pflanzen, sind Insekten, sind Reptilien, sind Fledermäuse, sind kleine Säugetiere, die alle direkt oder indirekt mit dem Leben des Nördlichen Breitmaulnashorns im Zusammenhang standen. Also das ist deutlich eine größere Dimension.“

Samuel Mutisya:„Jedes Wesen hat eine Rolle im Ökosystem oder der Nahrungskette, und wenn wir immer mehr Arten daraus wegnehmen, schwächen wir das Ganze. Die größte Gefahr, die wir auch durch den Klimawandel sehen, ist, dass dieses Netz, wenn wir damit weitermachen, Arten auszurotten, komplett zusammenbricht. Wenn wir also auf die Nördlichen Breitmaulnashörner gucken und fragen, 'wo gehören sie da rein?', dann werden wir dem gesamten Netzwerk von Wechselwirkungen, die in der freien Wildbahn existieren, nicht gerecht.“
Die Stammzellen-Wissenschaftlerin Dr. Vera Zywitza im MDC-Labor untersucht Zellproben
Aus Körperzellen Stammzellen machen: Das wäre eine unerschöpfliche Quelle für Embryonen - momentan noch eine Vision (Jan Zwilling)

Stammzell-Technologie müsste genetische Vielfalt ergänzen

Doch wäre ein einzelnes lebend geborenes Kalb überhaupt mehr als ein Symbol? Thomas Hildebrandt: „Also wir brauchen ja eine Gruppe an Nachkommen über diese Technologie mit der assistierten Reproduktion, die sicherstellt, dass wir zum einen gesunde Nördliche Breitmaulnashornkälber und dann wachsende Jungtiere haben, die die soziale Vererbung sicherstellen. Und dann würden diese Tiere in der Zukunft ergänzt werden durch die stammzellbasierten Technologien, die uns dann ermöglichen, die genetische Vielfalt dieser Population deutlich zu verbessern.“

Stammzellbasierte Technologie - bei Nashörnern steckt sie noch in den Kinderschuhen. Dabei werden aus Körperzellen Stammzellen gezüchtet, die dann zu Spermien und Eizellen werden sollen. Im besten Fall eine unerschöpfliche Quelle für Embryonen.
„Weil die assistierte Reproduktion ist mit großer Sicherheit in der Lage, Kälber zu liefern, die demnächst Najin und Fatu begleiten können, aber ihre genetische Vielfalt würde nicht ausreichen, um diese Tiere wieder in die Wildbahn zu entlassen.“

Corona-Pandemie bremst das Projekt jäh aus

Große Pläne, die erst einmal jäh ausgebremst werden. Anfang April 2020. Thomas Hildebrandt war in China, um bei einem Arterhaltungsprojekt für den Großen Pandabären mitzuarbeiten, als das Land wegen eines neuartigen Corona-Virus zum Stillstand kam. „Und kurz nach unserer Abreise wurde der Forschungsbetrieb eingestellt, sodass wir also fast noch auf dem letzten Zug zurück nach Deutschland gekommen sind.“

Jetzt sitzt er also in Berlin fest. Eine für Mai geplante Kenia-Reise fällt aus. Es wird zunächst keine weitere Eizellentnahme stattfinden. Ein Rückschlag. „Die Zeit, die wir hier ja jetzt im Labor verbringen, die geht uns verloren im Rahmen der biologischen Uhr bei diesen beiden letzten Tieren, sodass wir da wirklich gegen die Zeit laufen. Und diese Inaktivität, die wir jetzt leider in Kauf nehmen, muss uns in dieser Hinsicht doch sehr schmerzen.“

Auch die Situation der Kollegen in Kenia macht ihm Sorgen. „Die Finanzierung von den Wildlife-Patrouillen gegen die Wilderei war unter normalen Bedingungen schon ein großer Kraftakt, der viel auf Spenden angewiesen war. Und all das ist jetzt in dieser Krise, wo jeder mehr an sich selbst denkt als an seine weit entfernten Nachbarn, umso schwieriger. Der Tourismus ist weggebrochen. Die Spenden sind im Augenblick nicht da, sodass also das ganze System extrem fragil geworden ist. Wir hoffen, dass das nur ein temporärer Zustand sein wird und dass man wieder in die praktizierte Routine zurückkommen kann. Aber es schwingt eine große Angst mit, dass das gesamte System zu instabil wird und damit eine Gefahr für das gesamte System, also für das gesamte Projekt bestehen könnte.“
Festgäste bei der Veranstaltung am 5. Juli 2021 in der Deutschen Botschaft in Kenia in Nairobi in Anwesenheit des italienischen und tschechischen Botschafters und Vertretern des Safariparks Dvůr Králové
Feierlicher Botschaftsempfang nach zwei Jahren BioRescue-Projekt - die Corona-Pandemie hat allerdings gewaltig Sand ins Getriebe gestreut (BioRescue)

Ein neuer Versuch für einen Embryonentransfer ...

Das einzige, was die Tierärzte tun können, ist weiter am Embryonentransfer zu arbeiten. von Deutschland aus, mit Südlichen Breitmaulnashörnern. Januar 2021. Ein kalter Morgen im Zoo von Schwerin. Wegen der Corona-Pandemie sind derzeit keine Besucher erlaubt, doch die Tiere müssen weiter versorgt werden.

Im Inneren des Nashornhauses ist es warm, es riecht würzig. Daniel Heße ist Tierpfleger und betreut mit seinen Kolleginnen und Kollegen drei Südliche Breitmaulnashörner: „Unsere zwei Weibchen, auf der linken Seite mit dem etwas längeren vorderen Horn haben wir Karen. Das ist auch die, die heute behandelt wird. Und auf der rechten Seite haben wir Clara, etwas jünger, und ganz vorne steht der Bulle, Kimba.“

In einer leeren Stallbox hat Tierarzt Frank Göritz einen Tisch aufgestellt, darauf Plastikboxen mit Glasfläschchen. „Brauchen so ungefähr 20 Minuten und dann geht's los. Dann bekommt sie ihren Narkosepfeil, dann warten wir noch mal 20 Minuten bis wir ran können und dann sichern wir erst mal die Vitalfunktionen und dann geht es los mit dem Embryo-Transfer.“

Bevor Frank Göritz Karen mit einem Betäubungspfeil sedieren kann, müssen die beiden anderen Nashörner den Stall verlassen. Die Pfleger öffnen die Türen zum Außengelände. Clara trottet sofort nach draußen, aber Kimba weigert sich. Schließlich verlässt auch Kimba den Stall. Karen läuft unruhig in der Box hin und her. Frank Göritz hat freie Schussbahn. „So, jetzt gehen wir alle raus.“

... verläuft wieder einmal erfolglos

Nachdem Karen eingeschlafen ist, bekommt sie ein Tuch über die Augen und Ohrstöpsel, damit sie von dem Treiben um sie herum möglichst wenig mitbekommt. Frank Göritz schließt außerdem ein Gerät an, das piepsend die Vitalfunktionen des Nashorns überwacht. „100 Milligramm Ketamin.“

Dann betritt Thomas Hildebrandt mit dem vorsichtig aufgetauten Embryo die Box. Er trägt Gummistiefel und einen grünen Plastikkittel. Die Methode hat er ursprünglich an Elefanten entwickelt. Hildebrandt führt eine lange Kanüle in Karens Darm ein, mit einer Nadel an der Spitze kann er in die Gebärmutter einstechen und den Embryo absetzen. Der Transfer dauert nur wenige Minuten.

„Jetzt können wir alles rausräumen.“ Tierärzte, Pflegerinnen und Pfleger verlassen die Box. „So alle Tore zu? Verriegelt? Super. 50 Milligramm Naltrexon ... und 60 Milligramm Atecamozol.“ Langsam wird Karen wach, sie öffnet die Augen. „So, Mädchen, lass Dir Zeit.“ Karen steht auf, sie ist noch benommen. „Ja, guten Morgen, guten Morgen, wir lassen Dich erstmal in Ruhe.“

In wenigen Tagen wird sich herausstellen, dass sich auch dieser Embryo des Südlichen Breitmaulnashorns nicht eingenistet hat. Die Testphase geht weiter. In Italien warten inzwischen 14 Embryonen, leider nur von Fatu, keiner von Najin. Und in Kenia eine Leihmutter des Südlichen Breitmaulnashorns. Aber ihr die kostbaren Embryonen von Fatu einzusetzen, daran ist noch immer nicht zu denken.
Die letzten beiden Nördlichen Breitmaulnashörner Fatu und Najin im Naturschutz-Reservat Ol Pejeta in Kenia
Najin wird wegen ihrer Tumor-Erkrankung vermutlich nicht sehr alt werden (Jan Zwilling)

Die Zeit wird knapp, die Hoffnung bleibt

März 2022. Das Team ist wieder nach Kenia gereist. Najin musste inzwischen wegen eines handballgroßen Tumors an ihrem rechten Eierstock aus dem Programm genommen werden. Noch geht es ihr gesundheitlich gut. „Aber man kann sich vorstellen, mit so einem wachsenden Tumor in der Mitte der Bauchhöhle ist das Leben endlich. Es ist kein Tier, was ein Alter von 50 Jahren erreichen wird. Da brauchen wir uns keinen Illusionen hingeben, aber wir haben möglicherweise noch vier, fünf Jahre Zeit.“

Mitte 2022 wird die Förderung des BMBF auslaufen, die vier Millionen Euro sind aufgebraucht. Aufgeben will niemand. Sie sind schon weit gekommen und noch könnte ihr Plan aufgehen. Nach zwei Jahren Corona-Pandemie erscheint er relevant wie nie zuvor, sagt Thomas Hildebrandt.

„Ich glaube, die derzeitige Situation mit Covid-19 zeigt sehr deutlich, dass das Stören von hochsensiblen und sehr komplexen Ökosystemen für den Menschen schlimme Folgen haben kann. Und das Zentrale Kongobecken von Afrika ist eines der komplexesten Ökosysteme überhaupt. Wir wissen nicht, wie schnell ein Ökosystem in dieser Komplexität umkippt, aber wir können uns vorstellen, dass das Zurückbringen des Nördlichen Breitmaulnashorns Vieles wieder in die Balance bringt und deswegen es nicht nur eine wissenschaftliche Übung ist, was alles Wissenschaft liefern kann, sondern es ist eine entscheidende Maßnahme des Artenschutzes, um komplexe Ökosysteme zu reparieren.“

Ob Najin oder Fatu diesen Moment noch erleben werden, kann niemand sagen. Samuel Mutisya hat schon andere Nashörner sterben sehen. „Ich gehörte zu dem Team, das bei Sudan war, als er starb. Das war ein sehr trauriger Moment, an den ich mit großer Wehmut denke. Aber es gehört nun mal zum Leben. Auch für Najin und Fatu wird die Zeit kommen. Aber ich will mir vorstellen, dass sie dann nicht umsonst sterben und dass sie andere Mitglieder ihrer Art zurücklassen, die ihr Erbe weitertragen. Das ist meine tiefe Hoffnung.“


*Dank an Robert Policht, Czech University of Life Sciences Prague, und Ivana Cinkova, Department of Zoology and Laboratory of Ornithology, Palacky University Olomouc, Czech Republic, für die Bereitstellung von Aufnahmen der Rufe des Nördlichen Breitmaulnashorns