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StartseiteForschung aktuellDas Usutu-Virus rafft Vögel dahin29.08.2018

AmselsterbenDas Usutu-Virus rafft Vögel dahin

In Norddeutschland sterben gerade massenhaft Amseln. Das aus Südafrika eingeschleppte Usutu-Virus rafft die Singvögel dahin. Besserung ist erst im Herbst in Sicht, wenn es den Stechmücken, die das Virus übertragen, zu kalt wird.

Von Joachim Budde

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Amselhahn, turdus merula (picture alliance / Hinrich Bäsemann)
Tödliche Infektion: Vor allem Amseln fallen dem Usutu-Virus zum Opfer (picture alliance / Hinrich Bäsemann)
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Usutu-Infektion Viele Vögel sind 2016 an dem Virus gestorben

Vogelsterben könnte weitergehen Das Usutu-Virus hat überwintert und gefährdet vor allem Amseln

Wie das Usutu-Virus nach Deutschland kam Tropenmediziner erklärt Vogelsterben in Süddeutschland

1.800 Meldungen über tote Vögel hat der Naturschutzbund Nabu in den letzten drei Wochen bekommen. Die meisten Berichte aus Hamburg und anderen Städten in Norddeutschland betreffen die Amsel, sagt Marco Sommerfeld. Er ist Referent für Vogelschutz beim Hamburger Landesverband des Naturschutzbunds Deutschland.

"Aber auch andere Arten wie Blaumeisen wurden sehr häufig gemeldet, aber auch jetzt in den letzten Tagen Gimpel und unter anderem Zaunkönig, Rotkehlchen, Heckenbraunelle. Und wir haben gerade bei den Amseln das Usutu-Virus sofort gedacht, weil dieses Virus ja schon seit 2011/12 in Südwestdeutschland viele Vögel zum Sterben gebracht hat, die Symptome bei diesem Usutu-Virus sind wohl meistens so, dass die Vögel eher apathisch wirken, sie legen dann irgendwann das Fluchtverhalten ab und sterben dann innerhalb kürzester Zeit."

Stechmücken übertragen das Virus von Vogel zu Vogel

Vögel können sich nicht direkt bei Artgenossen anstecken, die Hausmücke Culex pipiens überträgt das Virus. Zwar infiziert Usutu auch andere Vogelarten – in Spatzen oder Staren haben Forscher es zum Beispiel gefunden –, jedoch sterben in erster Linie Amseln daran, sagt Professor Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg.

"Das hängt zum einen davon ab, dass die Überträger-Mücke auch eher im städtischen Bereich vorkommt, und ja gerade im städtischen Bereich ja auch die Amsel heimisch ist. Und dann wäre zum Beispiel ein weiterer Faktor, dass gerade, wenn die Mücken voll sind mit diesen Viren – im Hochsommer, Spätsommer – dann machen die Amseln die Mauser durch und sind dort eben besonders anfällig für Infektionen, weil dort auch eine Umstellung stattfindet in diesem Zyklus: Sie verlieren also ihr Federkleid, und das kann also zu einer bestimmten Vulnerabilität der Amseln führen für diese Virusinfektionen."

Der Nabu schätzt, dass aktuell mehr Vögel betroffen sind als bei vorangegangenen Ausbrüchen in Deutschland. Seit dem Jahr 2011 breitet sich der Erreger in Südwest- und Westdeutschland aus. Usutu verursachte 2016 ein größeres Amselsterben im Rheinland in Nordrhein-Westfalen. Ein Mitarbeiter von Jonas Schmidt-Chanasit hat festgestellt, dass in diesen Gebieten die Amselpopulation um 15 Prozent geschrumpft ist. Auch Bartkäuze sind besonders empfindlich gegenüber Usutu. Eine ganze Reihe dieser Vögel sind in den letzten Jahren in Zoos und Tierparks in den betroffenen Gebieten dem Erreger erlegen.

Auch Menschen kann das Usutu-Virus infizieren

Wie das Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit heute meldet, haben die Forscher auf der Insel Riems bei einem Bartkauz erstmals das West-Nil-Virus in Deutschland nachgewiesen, der in Halle an der Saale tot in einer Voliere lag. Genauso wie Usutu kann West-Nil Vögeln gefährlich werden. 1999 wurde der Erreger in die USA eingeschleppt und hat dort eine regelrechte Epidemie unter Vögeln ausgelöst. Woher die Viren stammen, die den Vogel in Halle getötet haben, lässt sich noch nicht sagen.

Auch Menschen können sich mit Usutu und dem West-Nil-Virus anstecken. Bei Patienten mit schwachem Immunsystem können die Viren eine Gehirnentzündung verursachen. Für Usutu konstatiert Jonas Schmidt-Chanasit aber: "Wir wissen sehr wenig, was das Virus letztendlich im Menschen macht."

Aus Untersuchungen in Blutspenden wissen die Forscher immerhin von zwei Menschen in Deutschland, die mit dem Erreger infiziert waren. Symptome haben sich bei ihnen aber nicht gezeigt. Blutspenden werden routinemäßig auf das West-Nil-Virus untersucht. Die Tests sprechen auch auf Usutu an. Diese sogenannte Kreuzreaktivität erschwert es den Fachleuten aber, die tatsächliche Verbreitung des Erregers einzuschätzen, sagt Jonas Schmidt-Chanasit.

"Hier waren wir sicherlich auf einem Auge blind in den letzten Jahren und müssen deutlich aufpassen, dass uns da nicht etwas durch die Lappen geht. Also auf Ebene der humanen Infektionen. Sowohl was Transplantation, Blutspendedienste anbetrifft als auch die klinisch auffälligen Fälle, die zum Beispiel mit einer Enzephlitis, also einer Gehirnentzündung einhergehen, wo wir eben in den letzten Jahren nicht daran gedacht haben. Da haben wir noch deutlich die klinische Aufmerksamkeit gegenüber solchen Fällen zu steigern."

Spätestens im Herbst dürfte das Amselsterben enden

Das Bernhard-Nocht-Institut untersucht tote Vögel auf Usutu. Gut 130 Tiere haben Jonas Schmidt-Chanasit und seine Mitarbeiter bislang dieses Jahr erhalten. In rund einem Drittel fanden die Virologen den Erreger. Vermutlich wird das Amselsterben noch den Rest des Sommers anhalten. Erst wenn es den Mücken Ende September, Anfang Oktober zu kalt wird, ist die Übertragung unterbrochen. Das Usutu-Virus dürfte aber in Norddeutschland bleiben – das haben die Ausbrüche in der Vergangenheit gezeigt: Auch im nächsten Jahr werden die Hamburger wieder tote Amseln finden.

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