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StartseiteForschung aktuellAn der Schwelle zum Europäer07.06.2006

An der Schwelle zum Europäer

Knochenfunde in Georgien liefern neue Erkenntnisse über die Besiedelung Europas

Anthropologie. - Als 1991 im südgeorgischen Kaukasus menschliche Überreste gefunden wurden, brachte dies die frühe Menschheitsgeschichte durcheinander. Mit einem Alter von knapp zwei Millionen Jahren passten die Hominidenfunde von Dmanisi nicht in das bisherige Bild der ersten Besiedelung Europas. Mittlerweile tauchen immer mehr Knochen von menschlichen Individuen auf, die den Blick auf die ersten Europäer weiter verändern. Neue Erkenntnisse wurden jetzt auf dem 2. Internationalen Kongress für Anthropologie in Athen vorgestellt.

Von Michael Stang

Unterkiefers eines Steinzeitmenschen, der im Sommer 1991 in Dmanisi, Südgeorgien, gefunden wurde.  (AP Archiv)
Unterkiefers eines Steinzeitmenschen, der im Sommer 1991 in Dmanisi, Südgeorgien, gefunden wurde. (AP Archiv)

"Dmanisi ist ein großes Geschenk für die Wissenschaft", sagt David Lordkipanidze. Mit den Funden aus Georgien erfülle sich ein Traum für viele Paläoanthropologen, weil sie nicht nur ein einzelnes Individuum, sondern gleich eine ganze Population untersuchen können, führt der Direktor des Georgischen Nationalmuseums in Tbilisi weiter aus. Mittlerweile konnten die Forscher vier Schädel und vier Unterkiefer ausgraben, die wahrscheinlich zu fünf, eventuell auch zu sechs, Individuen gehörten. Datierungen zufolge sind die menschlichen Knochen aus dem Kaukasus 1,8 Millionen Jahren alt. Damit könnten die Funde die Überreste der direkten Vorfahren der ersten Europäer sein. Zumal Georgien genau auf der vermuteten Wanderroute liegt, den erste Einwanderergruppen genutzt haben.

" Weil die Schädel und Unterkiefer so verschieden sind, können wir mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass es sowohl männliche als auch weibliche Individuen waren, auch Reste eines Jugendlichen haben wir gefunden. Besonders spannend ist aber der Fund eines Unterkiefers und eines Schädels, dessen Besitzer schon zu Lebzeiten keine Zähne mehr hatte, zudem war er schwer krank. Wir wissen nicht, wie dieses Individuum überleben konnte. Wir glauben, dass es gepflegt wurde. Vielleicht ist dies der erste Beweis für menschliches Verhalten."

Diese Erkenntnisse passen jedoch nicht in das Bild, dass bislang in der Humanevolution beschrieben wurde. Soziales Verhalten wurde nur Vertretern zugesprochen, die den heutigen Menschen anatomisch ähnelten.

" Vor den Funden in Dmanisi dachte man, dass Homo erectus als erster Hominide in Europa auftauchte, also eine Form mit einem relativ großen Hirnvolumen und einer uns heutigen Menschen sehr ähnlichen Anatomie. Die Dmanisi-Schädel sind aber das Gegenteil. Sie sind klein und haben ein Hirnvolumen von nur 600 Kubikzentimetern. Der heutige Schnitt liegt jedoch bei 1500 Kubikzentimetern. Sie sind also sehr primitiv und ähneln stark den frühen Homo-Funden aus Afrika."

Die georgischen Paläontologen entdeckten bei ihren Ausgrabungen in Dmanisi auch über 50 Tierarten, die es heute im Kaukasus nicht mehr gibt, etwa die Überreste von Giraffen oder Nashörnern. Aber auch Knochen der mittlerweile ausgestorben Säbelzahntiger waren dabei. Der Kaukasus war vor knapp zwei Millionen Jahren eine Savanne mit einigen Waldregionen. Demnach war die Landschaft im Vergleich zur afrikanischen Heimat nicht viel anders und die Umstellung für die Einwanderer nicht so groß. David Lordkipanidze sieht in den Funden von Dmanisi eine wichtige Stufe in der Entwicklung des anatomisch modernen Menschen.

" Sie gehören definitiv zur Gattung Homo. Entweder gehören sie zu den ältesten Vertretern von Homo erectus oder sie gehören zu einer neuen Art: Homo georgicus, aber da ist die Diskussion noch nicht abgeschlossen. Die Funde von Dmanisi werfen viele Fragen auf, die wir noch beantworten müssen."

Antworten werden wahrscheinlich die neuen Skelettfunde liefern, die Einblicke in die Körperproportionen erlauben. Zu den neu entdeckten alten Knochen gehören unter anderem mehrere Oberarm-, sowie ein Oberschenkelknochen mit passendem Schienbein. Aufrecht gehen konnten die afrikanischen Einwanderer also, aber ob sie die Wanderungen tatsächlich geplant haben oder nicht, kann David Lordkipanidze noch nicht beantworten.

" Ob sie einfach nur großen Tieren gefolgt sind oder nicht, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass sie einfach Teil der damaligen Umwelt waren und nicht nur als Jäger. Bei einem Treffen mit einem Säbelzahntiger waren sie wohl eher die Gejagten. Sie konnten sich anpassen und haben es auf diese Weise bis nach Europa geschafft. Sie waren anscheinend die erfolgreichsten und die - bis heute bekannten - frühesten Hominiden in Europa, aber ich bin überzeugt, dass wir noch ältere finden werden."

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