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StartseiteInterview"Eher ein soziales als ein migrantisches Problem"08.05.2019

Analphabetismus"Eher ein soziales als ein migrantisches Problem"

Rund sechs Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben, so das Ergebnis einer Studie. Wichtig sei, dass Kinder einen Zugang zu Sprache und Büchern fänden, sagte die Autorin Hatice Akyün im Dlf. Dafür sei das soziale Umfeld entscheidend, unabhängig von der Herkunft.

Hatice Akyün im Gespräch mit Tobias Armbrüster

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Hatice Akyün, deutsch-türkische Schriftstellerin, Journalistin. (picture-alliance / dpa-ZB / Karlheinz Schindler)
Der Bücherbus der Stadt Duisburg hat ihr den Zugang zum Lesen eröffnet: die Schriftstellerin Hatice Akyün (picture-alliance / dpa-ZB / Karlheinz Schindler)
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Tobias Armbrüster: Die Allermeisten können sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, wie das funktionieren soll, in Deutschland leben und arbeiten, ohne lesen und schreiben zu können. Aber für Millionen von Menschen ist so etwas ganz offenbar Alltag. 6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. Das ist das Ergebnis einer Studie, die gestern in Berlin vorgestellt wurde. Über sechs Millionen Menschen, die Schwierigkeiten haben schon mit allerkürzesten Sätzen, teilweise schon damit, zwei Worte überhaupt hintereinanderzubringen. Etwa jeder zweite aus dieser Personengruppe hat einen Migrationshintergrund. Bei ihm oder ihr ist Deutsch nicht die Muttersprache. Das Ganze, diese Zahlen, die werfen eine Menge Fragen auf. Vor allem diese eine natürlich: Wie kann das funktionieren mit der Integration, wenn schon das Sprachelernen scheitert? Wir wollen das besprechen mit der Publizistin und Buchautorin Hatice Akyün. Sie ist selber in der Türkei geboren und als Kind zusammen mit ihren Eltern Anfang der 70er-Jahre nach Deutschland gekommen. Frau Akyün, wie leicht war das damals für Sie, Deutsch zu lernen?

Hatice Akyün: Lassen Sie mich noch einmal ganz kurz zu Ihrer Anmoderation zurückkommen. Sie haben gesagt, jeder Zweite hat einen Migrationshintergrund. Das heißt ja dann nach Adam Riese, jeder Zweite hat keinen Migrationshintergrund. Das heißt, offensichtlich ist es nicht ein Problem der Migranten oder des Migrationshintergrundes, sondern offensichtlich ist es ein soziales Problem, wenn die Muttersprache jedes Zweiten, der nicht lesen und schreiben kann, ohne Migrationshintergrund ist.

"Ich habe Deutsch auf der Straße gelernt"

Armbrüster: Das ist tatsächlich Ergebnis dieser Studie. Das Ganze ist zweigeteilt. Ich wäre auch gleich noch mit Ihnen darauf gekommen. Deshalb sind wir ja so froh, dass wir heute Morgen mit Ihnen darüber sprechen können. Zunächst würde ich gerne tatsächlich auf diesen Migrationshintergrund zu sprechen kommen, beziehungsweise auf diesen Aspekt dieser Studie, und deshalb noch mal die Frage an Sie: Erinnern Sie sich an damals? Wie leicht oder wie schwer war das für Sie, Deutsch zu lernen?

Akyün: Ich bin mit zweieinhalb Jahren nach Deutschland gekommen, nach Duisburg, dort wo mein Vater schon gearbeitet hat. Ich habe keine Erinnerung daran. Das ist ja das Schöne, wenn man Kind ist und wenn man quasi ganz normal mit der Sprache aufwächst. Wir sind rausgegangen. Ich war übrigens nicht im Kindergarten. Es gab damals nicht diese ganzen Projekte und Integrationsprojekte und Deutschkurse und auch nicht diese vorschulischen Kurse, wie man sie heute hat. Ich habe wirklich Deutsch auf der Straße gelernt. Ich erinnere mich sehr gut. Mein Vater war Bergmann in Duisburg, und wenn wir zuhause im Zimmer herumlungerten, hat er immer gesagt, geht raus, geht auf die Straße, spielt mit den Kindern, lernt die Sprache. Im Grunde habe ich Deutsch auf der Straße gelernt, von meinen Freundinnen damals, und bin dann eingeschult worden und war so gut oder mein Deutsch war so gut, dass ich in die ganz normale Regelklasse gekommen bin.

Als Kind ist es nicht schwer, die Sprache zu erlernen, weil es ein ganz natürlicher, normaler Prozess ist. Es ist aber wichtig, dass die Eltern natürlich das unterstützen. Wenn zuhause wie bei uns auch nur Türkisch gesprochen wird, in den Familien, in den migrantischen Familien, ist es natürlich besonders wichtig, dass die Eltern sich darum bemühen, dass die Kinder dann einen Ort haben, einen Platz haben, wo sie dann auch die Sprache des Landes lernen können, in dem sie leben.

"Die Eltern hatten diese Weitsicht"

Armbrüster: Wie hat das bei Ihnen damals zu Hause funktioniert? Haben Ihre Eltern dann auch ganz vorbildlich deutsch lesen und schreiben gelernt?

Akyün: Nee, haben sie nicht. Die können bis heute nicht so gut deutsch sprechen. Sie verständigen sich, sie haben ihr alltägliches Leben gut hinbekommen mit dem Deutsch, was sie sich selbst beigebracht haben. Meine Eltern sind Ende der 60er-Jahre, Anfang der 70er-Jahre nach Deutschland gekommen. Damals gab es die Deutschkurse noch nicht, was natürlich auch damit zu tun hat, dass die Gastarbeiter ja nicht lange bleiben sollten, auch nicht lange bleiben wollten, nur ein paar Jahre hier arbeiten. Deswegen sah die Bundesregierung auch keine Notwendigkeit, da jetzt integrativ einzuwirken, Kurse anzubieten. So war es natürlich für uns als Kinder ganz einfach, weil wir es in der Schule gelernt haben, im Umfeld gelernt haben. Für die Eltern, für unsere Eltern, die als Erwachsene nach Deutschland gekommen sind, meistens auch ohne schulische Abschlüsse aus ihren Ländern, weil sie aus anatolischen Dörfern gekommen sind, was ich jetzt nicht irgendwie verurteilen will oder negativ darstellen will, sondern sie sind ja hier hergekommen, um ihren Kindern, um ihren Familien eine bessere Zukunft zu ermöglichen, und das haben meine Eltern ja auch gemacht. Es war für sie natürlich schwieriger, die deutsche Sprache zu erlernen.

Wie ich es gerade schon gesagt habe: Oft waren es Familien, die in ihren eigenen Herkunftsländern noch nicht den schulischen Abschluss hatten, oder wie auch meine Eltern niemals eine Schule besucht haben. Wichtig war genau deswegen, dass die Eltern diese Weitsicht hatten oder haben zu sagen, okay, wir hatten nicht die Möglichkeit, zur Schule zu gehen, aber unsere Kinder haben jetzt die Möglichkeit, eine neue Sprache zu erlernen, zur Schule zu gehen. Egal ob wir nächstes Jahr zurückgehen in die Türkei oder hier bleiben, sie gehen mit etwas Wertvollem wieder nach Hause. So hat mein Vater gedacht und deswegen war es für ihn ganz wichtig, dass wir Kinder die deutsche Sprache lernen, dass wir Kinder hier zur Schule gehen in Deutschland.

Nun ist es jetzt so: Das ist über 50 Jahre her, und wie das so im Leben ist: Lebenspläne ändern sich. Wir sind jetzt mittlerweile in der vierten Generation hier in Deutschland. Umso erschreckender ist es dann natürlich, wenn in der vierten Generation immer noch Kinder die Sprache ihres Landes – meistens sind es ja tatsächlich deutsche Kinder – immer noch nicht perfekt beherrschen. Das ist irgendwie ganz traurig.

"Das soziale Umfeld bestimmt die Möglichkeit zu lesen"

Armbrüster: Woran liegt so etwas? Darüber wollte ich sowieso mit Ihnen sprechen. Woran liegt es, dass sich diese Unfähigkeit oder dieses mangelnde Deutsch über Generationen hinweg vererbt?

Akyün: Das haben Sie aber jetzt nicht nur bei migrantischen Familien. Wir haben es ja gerade schon gesagt, dass jeder Zweite dieser Studie keinen Migrationshintergrund hat. Ich bin fest davon überzeugt, dass das einen sozialen Hintergrund hat. Bei mir war es zum Beispiel so, dass ich sehr, sehr früh schon neugierig war aufs Lesen. Es gab einen Bücherbus, der bei uns immer jeden Donnerstag in der Gegend hielt. Ich bin als Zehnjährige dort das erste Mal reingegangen und habe mir Kinderbücher ausgeliehen. Meine Eltern haben das sehr unterstützt, obwohl sie selber nicht lesen und schreiben können. Das soziale Umfeld, wie werde ich geprägt, wie gehe ich überhaupt damit um, dass meine Kinder die Möglichkeit haben, die Zugänge benutzen, die Zugänge haben, überhaupt zu lesen.

Bei mir war der erste Schritt tatsächlich dieser Bücherbus der Stadt Duisburg, der mir eine Welt eröffnet hat, die ich zu Hause nicht hatte. Darum geht es letztendlich. Es geht ja nicht darum, dass jetzt eine migrantische Familie diese Zugänge nicht hat, sondern es haben ja auch sehr viele deutsche Kinder diese Zugänge nicht, aus welchen Gründen auch immer, weil zu Hause der Vater nicht liest oder die Eltern nicht lesen, weil zu Hause den ganzen Tag der Fernseher läuft, weil auch der Wunsch danach zu lesen nicht da ist. Ich glaube, das ist eher ein soziales Problem als ein migrantisches Problem.

Ich würde nicht sagen, dass meine Familie jetzt ein Paradebeispiel dafür ist, aber ich glaube, ganz viele Familien in meiner Zeit der ersten Generation haben schon sehr darauf geachtet, dass die Kinder zumindest die Sprache lernen. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass das eine Menge damit zu tun hat, dass ich in einer Zeit aufgewachsen bin, wo es noch kein Internet gab. Da gab es noch keine Satellitenschüsseln. Ich bin mit der Sendung mit der Maus aufgewachsen. Ich bin mit dem Ferienprogramm von ARD und ZDF aufgewachsen. Im Grunde ist das mein Zugang gewesen zur deutschen Sprache, und wenn diese Zugänge aus welchen Gründen auch immer nicht genutzt werden, von den Familien, seien es deutsche Familien oder seien es migrantische Familien, dann bleibt der Spracherwerb für die Kinder auf der Strecke.

Armbrüster: Frau Akyün, Sie haben jetzt mehrmals Ihre Eltern angesprochen. Deshalb würde ich darüber auch gerne noch mal kurz reden. Was haben Sie mitbekommen oder was bekommen Sie vielleicht auch immer noch mit, wie Ihre Eltern im Alltag damit umgehen, dass sie das Deutsche nicht so richtig beherrschen, dass sie nie einen solchen Deutschkurs besucht haben und dass der Erwerb dieser Sprache bei ihnen nicht so ganz geklappt hat? Wie macht sich das bei Ihren Eltern im Alltag bemerkbar?

Akyün: Ich würde das auch gar nicht als etwas Negatives sehen, dass meine Eltern diesen Spracherwerb nicht haben, dass sie jetzt nicht so gut Deutsch sprechen wie Kinder, die eine Schule besucht haben. Meine Eltern sind vor 50 Jahren nach Deutschland gekommen, wie viele Gastarbeiterfamilien, haben hier gearbeitet, haben hier Kinder großgezogen und haben, glaube ich, ihre Schuldigkeit getan. Denen jetzt irgendwie einen Vorwurf daraus zu machen, dass sie die deutsche Sprache nicht gelernt haben, finde ich doch ein bisschen unfair.

Den Kindern die Chance mitgeben

Armbrüster: Ich sehe das gar nicht so sehr als Vorwurf. Es interessiert mich eher und, ich glaube, viele Leute, die diese Zahlen lesen, sechs Millionen, die nicht richtig Deutsch lesen und schreiben können, wie managen die ihren Alltag, ohne das zu können.

Akyün: Mein Vater war Bergmann. Da brauchte man jetzt nicht morgens Brecht zu lesen oder Kant zu lesen und musste auch keine Zeitung lesen. Der ist zur Arbeit gegangen und hat unter Tage gearbeitet viele Jahre lang, ist nachhause gekommen und hat sich um seine Kinder gekümmert, und im Grunde war er für den Broterwerb zuständig. Es ist in vielen Familien so, die körperlich gearbeitet haben, dass gar nicht die Notwendigkeit da war, zu lesen oder zu schreiben. Das ist natürlich heute anders, weil ganz viele Arbeitsplätze in hart arbeitenden Bereichen wie im Bergwerk, wie im Stahlwerk – mein Onkel hat im Stahlwerk gearbeitet – einfach weggefallen sind. Das heißt, die Arbeitssituation hat sich komplett geändert.

Meine Eltern sind ganz gut zurechtgekommen. Mein Vater hat gearbeitet, der hat Geld verdient, meine Mutter hat sich um die Kinder gekümmert, konnte ihre Einkäufe erledigen, konnte mit uns sogar in die Schule gehen zum Elternabend. Im Grunde war das Verständnis da. Es geht ja auch nicht darum, dass man eine Sprache perfekt beherrscht, sondern dass man weiß, man ist jetzt in einem anderen Land und man hat die Zugänge dazu und man hat die Lebensweise des Landes, in das man eingewandert ist, zu übernehmen.

Ich glaube, das Wichtigste ist eigentlich das, was meine Eltern – ich möchte jetzt auch gar nicht so verstärkt auf meine Eltern, sondern auf die erste Gastarbeiter-Generation -, dass die tatsächlich es geschafft haben, ihren Kindern, quasi der zweiten Generation  - ich bin ja die klassische zweite Generation - aus einer Weisheit heraus und nicht aus einer Bildungsweisheit heraus, sondern aus einer menschlichen empathischen Weisheit heraus zu sagen, wir sind jetzt hier, wir haben die Chance, unseren Kindern mehr mitzugeben, als wir selber annehmen konnten oder haben konnten, und uns die Möglichkeiten gegeben haben.

Die Abläufe waren ganz einfach. Ich weiß ja, worauf Sie hinaus wollen. Mein Vater ist arbeiten gegangen, meine Mutter ist auf den Markt gegangen, ist in den Supermarkt gegangen, hat eingekauft, hat für uns gekocht. Im Grunde das alltägliche Leben konnten die wunderbar managen; können sie bis heute. Abends haben sie dann ihrem türkischen Radiosender zugehört, wollten natürlich wissen, was in ihrem Heimatland passiert. Wir haben derweil dann deutsches Fernsehen geguckt. Im Grunde war es ein ganz normaler Alltag. Bei uns zu Hause wurde nur Türkisch gesprochen, wofür ich übrigens heute als Erwachsene sehr dankbar bin. Dadurch bin ich klassisch zweisprachig aufgewachsen, habe beide Sprachen verinnerlicht, auch beide Sprachen kann ich heute beruflich für mich verwerten.

Das, was meine Eltern mir mitgegeben haben, dass die Sprache sehr wichtig ist, dass ich die Sprache lernen muss, nicht weil ich dann damit irgendwann einen tollen Beruf erlernen kann, sondern weil ich mich dadurch wehren kann, ich kann mich verteidigen, ich kann mich erklären, ich kann mich mit meinen Freunden unterhalten – im Grunde das, was Sprache ja letztendlich ausmacht, nämlich Kommunikation. Ich kann mich mit Ihnen jetzt heute Morgen unterhalten, und das ist das, was meine Eltern verinnerlicht haben, obwohl sie selber nie eine Schule besucht haben und das uns Kindern weitergegeben haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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