Samstag, 20. August 2022

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Andrea Enria
Der neue Mann bei der Bankenaufsicht

Er gilt als uneitel, hölzern - aber humorvoll: Andrea Enria, der neue Chef der Europäischen Bankenaufsicht. Damit liegt das Amt künftig in den Händen eines Italieners, der dafür bekannt ist, die Banken seines eigenen Landes nicht zu schonen.

Von Sandra Pfister | 03.01.2019

    Andrea Enria, Chairman of the European Banking Authority, during a forum titled "Systemic Stability And Global Financial Firms" at the annual membership meeting of the Institute of International Finance September 25, 2011 in Washington, DC. The group met to discus international finance and the state of the world economy. AFP PHOTO/Brendan SMIALOWSKI (Photo by BRENDAN SMIALOWSKI / AFP)
    Andrea Enria ist neuer Chef der Europäischen Bankenaufsicht (AFP / Brendan SMIALOWSKI )
    "Hallo, Ich bin Andrea Enria, Chairman der Europäischen Bankenaufsicht. Wir haben sehr lange daran gearbeitet, europaweit einheitliche Standards für die Überwachung von Banken hinzukriegen." Enria, hier vor drei Jahren in Florenz, wirkt bei öffentlichen Auftritten hölzern und spröde. Seine Kollegen sagen: Charisma hat er nicht, aber Humor. 57, schlank, graue Haare, Halbglatze, kleine, unauffällige Brille – Enria wirkt wie die fast klischeemäßige Inkarnation eines Bankenaufsehers.
    Abgeschottetes Privatleben, staubtrockene Kommentare - dieser uneitle Aufritt passt auch zum soliden Auftrag seines neuen Arbeitgebers, des "Einheitlichen Bankenaufsichtsmechanismus". Die Institution wurde 2014 geschaffen, um sicher zu stellen, dass die europäischen Banken nie mehr in eine Krise trudeln. Enria soll testen, ob die Banken im Euroraum genug Liquidität und Finanzpolster haben. Sein schärfstes Schwert ist der Stresstest: 250 Mitarbeiter und 50 externe Berater durchkämmen die europäischen Großbanken monatelang nach Risiken.
    Viele wollten lieber eine Frau
    Enria startet mit dem Handicap, dass viele Nordeuropäer und auch die Bundesregierung ihm mit Skepsis begegnen. Sie hätten lieber eine Frau an seiner Stelle gesehen. Eine der wenigen Ausnahmen ist der Niederländer Wim Mijs, Vorsitzender der "European Banking Federation". "Ich will ihm zunächst einmal gerne gratulieren, denn er ist ein Veteran und eine wirklich gute Wahl für die Europäische Bankenunion, für den Job als Bankenaufseher."
    Enria gilt als Kandidat der südeuropäischen Staaten. Und deshalb unterstellen seine Gegner dem Italiener, dass man mit ihm den Bock zum Gärtner gemacht hat. Denn gerade die italienischen Banken haben nach denen in Zypern, Griechenland und Portugal besonders viele schlechte Kredite in ihren Büchern – und viele wackelige Staatsanleihen der eigenen Regierung. Vor neun Monaten jedoch hatte Enria ausgerechnet die italienischen Banken noch gelobt. "Ich bin sehr zufrieden mit den Fortschritten, die 2017 in Italien erreicht wurden. Der Abbau von schlechten Krediten ist gut und richtig. Wir haben das Ziel noch nicht erreicht, aber der Fortschritt ist gut."
    Welche Weichen wird Enria stellen?
    Doch bislang hat Enria die italienischen Banken nicht geschont. Seine Bankenprüfungen werden von vielen italienischen Spitzenbankern als zu hart empfunden. Und die Hauptkritiker Enrias sitzen derzeit in der rechten Regierungspartei Lega. Welche Weichen wird Enria also stellen? Obwohl seine Vorgängerin Danièle Nouy den Bankenstresstest für viel zu lax hält, äußert Enria bislang nur Kritik an Details. Hier erwarten die meisten keinen großen Wurf.
    Enria wird aber in jedem Fall im Blick haben müssen, dass die europäischen Banken inzwischen im Vergleich zu ihren US-Counterparts kleine Fische sind, auf globaler Ebene kaum noch konkurrenzfähig. Das gilt auch für die deutschen Banken, insbesondere für die Deutsche Bank, deren Gewinne ständig weiter schrumpfen. Vorerst aber fährt Enria auf Sicht und konzentriert sich auf den Brexit. Enria hat wiederholt gewarnt, zuletzt vor einem halben Jahr, die europäischen Banken seien nicht ausreichend vorbereitet.
    "Unsere Botschaft ist: Packt das an, jetzt ist die richtige Zeit. Wir haben Feedback bekommen, von Bankenaufsehern überall in Europa, dass unsere Botschaft nicht ausreichend durchgedrungen ist. An dieser Stelle wollen wir noch mal deutlich machen, dass jetzt gehandelt werden muss."