Dienstag, 16. August 2022

Archiv

Andreas Heusler
"Lion Feuchtwanger: Münchner - Emigrant - Weltbürger"

Lion Feuchtwanger gehörte zu den international erfolgreichen unter den vor Adolf Hitler geflüchteten deutschsprachigen Autoren. Der Frage, was von seinem Ruhm geblieben ist, geht Andreas Heusler nach. In seiner Biografie beschreibt er Wege, Umwege, Konflikte, Irrtümer und Verdienste des Schriftstellers.

Von Rolf Schneider | 01.09.2014

    "Ich habe den "kleinen Meister", wie wir ihn wohl nannten, sehr gern. Außerordentlich gebildet, ein gelehrter Philologe und firmer Historiker, (...) solid und unterhaltend, seriös und das, was die Englischen readable nennen, das ist: zugänglich, genießbar, spannend, unschwer – bei aller Gediegenheit der historischen Fundamentierung."
    Thomas Mann über Lion Feuchtwanger. Anlass war des letzteren 70. Geburtstag 1954. Zehn Jahre zuvor waren die beiden Nachbarn gewesen, in Kalifornien. Und beide gehörten damals, neben Stefan Zweig, Franz Werfel und Erich Maria Remarque, zur Minderheit der international erfolgreichen unter den vor Adolf Hitler geflüchteten deutschsprachigen Autoren. Deren Gesamtzahl wird auf 2000 geschätzt. Den Allermeisten ging es wirtschaftlich miserabel.
    Feuchtwangers jüngster Biograf, der Münchner Archivar Andreas Heusler, sieht Thomas Mann als Mittelpunkt eines politisch bürgerlich-konservativen Exilantenkreises, während Feuchtwanger für Emigranten mit sozialistischer Überzeugung stand. In Frankreich, der ersten Etappe seines Exils, unterhielt er engen Kontakt zu linkssozialistisch-antifaschistischen Kreisen. Und anders als Thomas Mann leistete er auch finanzielle Hilfe. Dazu war er Mitherausgeber der in Moskau erscheinenden Literaturzeitschrift "Das Wort". 1937 plante er einen Besuch in der Sowjetunion. Es war die Zeit der stalinistischen Säuberungen, eine Reihe von bis dahin parteinaher Autoren hatte spektakulär mit Moskau gebrochen, voran André Gide, dessen Reisebuch "Retour de l'URSS" beträchtliches Aufsehen erregte. Lion Feuchtwanger, so planten es die Sowjets, sollte die Rolle eines Anti-Gide übernehmen.
    "Auf Einladung des Sowjetischen Schriftstellerverbandes reist Feuchtwanger nach Moskau, wo er "als der größte ausländische Schriftsteller" eindrucksvolle Huldigungen erfährt, wo er über rote Teppiche geführt, vor blitzende Kameras gestellt und mit begeisterten und zufriedenen Sowjetmenschen (...) zusammengebracht wird. (...) Am 8. Januar 1937 kommt es zum Höhepunkt der Reise: einem kurzfristig anberaumten Gespräch mit Josef Stalin. Drei Stunden nimmt sich der Diktator Zeit für das Treffen mit dem berühmten deutschen Schriftsteller."
    Soweit Heusler. Feuchtwanger wird dann noch in den Gerichtssaal geführt, in dem der Schauprozess gegen die Altbolschewiki Radek und Pjatakow abläuft. Er findet das Verfahren angemessen. Dass Radek bloß mit einer Freiheitsstrafe davon kommt, missbilligt er. Zurückgekehrt nach Frankreich, schreibt er seine Eindrücke auf und lässt sie drucken. Heusler:
    "Die politische Blindheit und gläubige Naivität, die bereits während der Wochen in Moskau erkennbar waren, werden jetzt einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Mit dem Erscheinen von "Moskau 1937" (...) bricht ein Sturm der Entrüstung los, der sich über den willfährigen Apologeten der stalinistischen Diktatur ergießt. Nur die streng Linientreuen reichen dem Verfasser in einem Akt tätiger Solidarität die Hand, darunter Ernst Bloch und Bert Brecht. (...) Die meisten schütteln den Kopf."
    Die Sache hängt Feuchtwanger lange an. Sie führt dazu, dass er niemals die beantragte amerikanische Staatsbürgerschaft erhält; aus Angst, in sein schönes kalifornisches Haus nicht zurückkehren zu dürfen, da man ihm vielleicht die Wiedereinreise verweigert, verzichtet er auf Aufenthalte im Ausland und so auch auf den Besuch in der Heimatstadt München.
    "Ich sehne mich oft sehr heftig nach Europa, das ich jetzt 13 Jahre lang nicht gesehen habe."
    Schreibt er 1953. Eine andere Spätfolge war, dass die DDR Feuchtwanger zum Volksschriftsteller erhob, mit großen Auflagen, mit einer vielbändigen Gesamtausgabe und dem DDR-Nationalpreis 1. Klasse. Zurückgenommen oder korrigiert hat er "Moskau 1937" niemals. Dass der von ihm bejubelte Stalin ein heimlicher Antisemit war und es sich bei den 1937 verurteilten Altbolschewiki vorwiegend um Juden handelte, hat er nicht bemerkt oder nicht merken wollen. Einmal, dies immerhin, bekannte er, dass er zu leichtfertigen Äußerungen neige. Insgesamt bezeugt sein Buch, wie die politisch-weltanschaulichen Wirren der Emigration mitsamt persönlicher Eitelkeit selbst einen hochgescheiten Beobachter verführbar und blind machen konnten.
    In Andreas Heuslers Biografie kommen ästhetische Analysen, literarhistorische Einordnungen und Rezeptionsgeschichte nicht vor. Bei einigen Werken wird kurz der Inhalt referiert und ein bisschen Rezensentenecho zitiert. Für eine Schriftstellerbiografie ist das einigermaßen erstaunlich und erklärbar bloß damit, dass der Verfasser von Hause aus Historiker ist.
    Feuchtwanger scheint Außenseiter anzuziehen: Die Autoren von zwei früheren Biografien, Sierka und Sternburg, waren politische Publizisten. Es ist das Leben des Dichters, das Heusler interessiert. Zunächst geht es um die Münchner Zeit und um Feuchtwangers Judentum. Der Sohn einer aus dem fränkischen Fürth in der Hauptstadt gezogenen Fabrikantensippe wuchs in streng orthodox-religiöser Umgebung auf.
    "Meine Eltern hielten darauf, dass ich die umständlichen, mühevollen Riten rabbinischen Judentums, die auf Schritt und Tritt ins tägliche Lehen eingreifen, minutiös befolgte."
    So er selbst. Er würde sich von alledem emanzipieren, ohne seine Herkunft zu verleugnen; Jude sein bedeutet ihm: Teilhabe an Geschichte und Schicksal einer ständig bedrohten Minderheit, von der er literarisches Zeugnis geben will.
    Die Beschreibung seiner Anfänge gehört zu den Vorzügen von Heuslers Buch. Das München um 1900, neben Berlin anderes Kulturzentrum im damaligen Deutschland, erhält viel Platz. Die Aktivitäten des jungen Feuchtwanger werden ausführlich dargetan: die Begegnung mit dem jungen Brecht, die zunächst erfolglosen Versuche mit dem Theater, die Gründung einer Zeitschrift, die Kontakte zu wichtigen, meist linken Publizisten, schließlich die Begegnung mit Marta, die 50 Jahre lang seine getreue Ehefrau ist, wiewohl er sie ständig betrügt. Er hat anderthalb Dutzend Theaterstücke geschrieben, die in der Weimarer Republik viel gespielt wurden und heute fast vergessen sind. Seine bleibende Prominenz gründet auf seine Epik, die, außer vier zeitgenössischen Erzählbüchern, durchweg von Geschichtlichem handelt.
    "Was bleibt?"
    Fragt Heusler.
    "Vor allem die Einsicht, dass über die Nacherzählung des individuellen Erlebens Einzelner auch die großen Züge der Geschichte in ihrer wundersam farbigen, tragischen, hoffnungsvollen, beklemmenden, lebensfrohen, mörderischen und lustvollen Vielseitigkeit erschlossen, greifbar und begreifbar werden können."
    Sein Buch möchte Wege, Umwege, Konflikte, Irrtümer und Verdienste eines jüdischen Intellektuellen aus München schildern. Feuchtwangers Umgang mit dem Radikalsozialismus, wie er hier geschildert wird, ist in vielem kaum noch nachvollziehbar. Heusler liefert so auch ein Stück politischer Archäologie.
    Andreas Heusler: "Lion Feuchtwanger: Münchner - Emigrant - Weltbürger",
    Residenz-Verlag, 364 Seiten, Preis: 24,90 Euro, ISBN: 978-3-701-73297-5