Merkel und der FußballEnde eines Machtbündnisses

In den kommenden Tagen soll die Ära Merkel endgültig enden. Und damit endet auch ein Bündnis, das in Deutschland immer wieder für Staunen und Schmunzeln sorgte: Das zwischen der Fußball-Nationalmannschaft der Männer und einer Kanzlerin, die im Fußballstadion oder der Kabine ein ungewohntes Gesicht zeigte.

Von Marina Schweizer | 05.12.2021

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck jubeln beim WM-Finale 2014 in Brasilien auf der Tribüne
So emotional hat man Angela Merke selten erlebt wie bei der WM 2014 (picture alliance / dpa)
„Manche konnten sich gar nicht vorstellen, dass wir uns länger als eine Stunde freuen können in Deutschland. Und jetzt wissen alle, das können wir.“
Deutschland im Sommer 2006 – nur wenige Monate nach Angela Merkels Wahl zur Bundeskanzlerin feiern deutsche Fans eine neue Leichtigkeit, einen international wahrgenommenen Fußball-Patriotismus. Für die Kanzlerin das erste große Sportfest ihrer Amtszeit – auch eine Chance. Der langjährige Sportschau-Reporter für die Nationalmannschaft, Marcus Bark, erinnert sich: „Es war ja so, dass Angela Merkel nie als Fußballfan bekannt war. Sie ist nicht im Stadion aufgetaucht, wie beispielsweise Vorgänger Gerhard Schröder, dann mit der Heim-WM, mit dem Sommermärchen. Diese Stimmung wurde dann natürlich von ihr auch ausgenutzt, ganz bewusst. Das haben ihre Vorgänger ja auch gemacht. Die Macht der Bilder ist sehr stark, und das hat sich dann so verfestigt.“

Bilder einer jubelnden Kanzlerin

Es ist das erste Mal, dass Bilder einer jubelnden Kanzlerin auftauchen – einer Angela Merkel, die ihre weltbekannte Sachlichkeit einmal vergisst. Die ekstatisch mitfiebert – und sich damit so gibt, wie Millionen Fußballfans in Deutschland. Der Kulturwissenschaftler Timm Beichelt hat sich mit dem Verhältnis von Fußball und Macht beschäftigt. Er bescheinigt Merkel im Umgang mit dem Fußball bei aller Emotion eine wie er es nennt „zurückgenommene Klugheit“:
„Ich fand das eigentlich auf eine gewisse Weise sympathisch, wie sie das gemacht hat, nicht so kumpelhaft wie vorher Gerhard Schröder, der ja immer wieder betont hat, was für ein guter Verteidiger er vor seiner Zeit als Regierungschef war. Auch nicht so offen ins Nationale gehend, wie Helmut Kohl das gemacht hat.“
World Cup 2014 - Bundeskanzlerin Merkel und Bundespräsident Gauck
World Cup 2014 - Bundeskanzlerin Merkel und Bundespräsident Gauck (picture alliance / dpa )
Die Regierungschefin muss daher ab 2006 auch ungewohnte Fragen beantworten: Zur Wade der Nation von Nationalmannschafts-Kapitän Michael Ballack – oder zum Machtkampf zwischen den ewigen Konkurrenten Oliver Kahn und Jens Lehmann: „Wer von mir ein Machtwort in der Torwartfrage erwartet, den muss ich auch enttäuschen. Da braucht Jürgen Klinsmann mit Sicherheit keine Ratschläge. Meine Erfahrung ist allerdings auch eindeutig. Am Ende kann es immer nur eine Nummer eins geben.“
Auch Merkel versteht sich bei Pressefragen auf die gängigen Fußball-Floskeln – und sie verteilt ebenso typisch für dieses Metier kleine Seitenhiebe: „Die Frauenfußball-Nationalmannschaft ist ja schon Fußball-Weltmeister, und ich sehe keinen Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können wie Frauen.“

Der Fußball schmückt sich mit der politisch mächtigen Merkel

Auch das Nationalteam der Frauen trifft Merkel gelegentlich. Im kollektiven Gedächtnis wird aber ihr öffentlich dargestelltes Verhältnis zum Männer-Team bleiben. Der Fußball schmückt sich im Laufe der Jahre mit der politisch mächtigen Merkel – und Merkel sich mit der gesellschaftlichen Wucht des Fußballs.  
„Ich könnte mir schon vorstellen, dass die die Tatsache eine Rolle spielt, dass sie als Ostdeutsche ja das ganze Land repräsentieren musste“, analysiert Kulturwissenschaftler Timm Beichelt, der Professor an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder ist.
„Im Templin in den 80er-Jahren gab es keine multikulturellen Gesellschaften. Auf einmal gibt es das in den 2000er-Jahren, in Nationalmannschaftskabinen, und da merkt sie halt, dass das eine weitere Dimension des Deutschseins ist. Und ich glaube, dass die Idee, dass sie das repräsentieren möchte, hier weiterführt.“
Wenn es um die großen Turniere geht, ist Merkel, wie viele Deutsche, da. Sie herzt Spieler und Trainer. Die Öffentlichkeit hört eine sich nahezu überschlagende Angela Merkel – hier im Zusammenschnitt nach dem gewonnenen Viertelfinale bei der WM 2010 in Südafrika: „Ich sage einfach, das ist ein Traum. Ein einfacher Traum. Also ich bin einfach nur begeistert. Ich bin ja so ein eher vorsichtiger Mensch. Beim 4:0 war mir dann gut ums Herz.“

Ein Kontrast zu Merkels Politikstil

Ist dieser Kontrast zum sonstigen Politikstil das eigentlich Bemerkenswerte an diesem machtvollen Zusammenspiel: Merkel und der Fußball? Für Timm Beichelt ist es die punktuell aufblitzende, überraschende Emotion: „Angela Merkel war fast anti-charismatisch und in den Momenten, wo sie dann von bisschen von ihrem Inneren zeigt, eigentlich fast da, wo man den Eindruck hat, sie tut es unbeabsichtigt. Das bauscht sich dann auf zu Momenten, wo man denkt, hier hat man die wahre Angela Merkel gesehen, und wenn das jeden Tag passiert, wie bei Bolsonaro oder Trump, dann ist man irgendwann genervt. Wenn es ganz selten passiert, hat man das Gefühl, eine Einsicht bekommen zu haben.“
Zwischen den Turnieren ist nicht viel von Merkels Fußball-Euphorie zu sehen – seit 2008 ist sie Ehrenmitglied beim FC Energie Cottbus. Der Höhepunkt für beide – den deutschen Fußball und die emotionale Angela Merkel – die WM 2014. Zwei Mal reist Merkel nach Brasilien: Nach dem Auftakt-Sieg gegen Portugal besucht sie die Mannschaft in der Kabine.

Unterwegs mit schwarz-rot-goldenem Täschchen

„Wo es dann, glaube ich, ein bisschen drüber war. Das habe ich extra noch mal in meinen Fotos nachgeguckt. Beim WM-Finale 2014 war die Distanz zwischen Pressetribüne und Ehrentribüne wirklich nicht so groß“, erinnert sich Nationalmannschafts-Reporter Marcus Bark. „Und ich hatte in Erinnerung, dass sie in einem die schwarz-rot-goldenen Hand Täschchen da ankam. Und das war tatsächlich geformt wie ein Fußball. Und das war, dann glaube ich doch schon eine Spur drüber und passte überhaupt nicht zu ihr.“
In den Jahren nach der WM 2014 bleiben die großen Jubel-Bilder der Kanzlerin aus. Bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich werden Termingründe für ihr Fernbleiben angegeben. 2018 besucht sie die Mannschaft im Trainingslager in Südtirol.
„Vor der WM in Russland kam die politische Komponente rein, wird sie auch die Frage beantworten, ob sie zur WM kommt und möglicherweise neben Putin sitzt. Also es war schon alles viel mehr als ein lockeres Treffen und ein lockerer Plausch.“
2021 gibt es pandemiebedingt nur ein virtuelles Treffen vor der EM. Durch das Ende ihrer Amtszeit bleibt Angela Merkel eine Entscheidung erspart: Ob sie zur unpopulären Fußball-WM nach Katar fliegt. Dieser Ball liegt jetzt bei Olaf Scholz.