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Angstmonat August

Der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz ab August lehrt schon jetzt viele Kommunen das Fürchten. Obwohl der Termin seit sechs Jahren bekannt ist, fehlen immer noch Plätze. Nur wo das Thema Kinderbetreuung schon vorher ernst genommen wurde, sieht man dem Sommer gelassen entgegen.

Von Claudia van Laak | 28.02.2013

    Es gibt Bürgermeister, die jetzt schon Juristen konsultieren. Sie wissen, sie können den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz gar nicht erfüllen und müssen sich auf Klagen von Eltern vorbereiten. Und es gibt Bürgermeister, die sind total gelassen. Dies sind meistens Bürgermeisterinnen - denn Frauen in diesen Ämtern haben das Thema Krippenplatz schon länger auf ihrer Tagesordnung. Bürgermeisterinnen wie Kerstin Hoppe aus dem brandenburgischen Schwielowsee:

    "Für uns trifft das Gesetz nicht zu, weil wir es schon immer erfüllen, übererfüllen."

    Für alle Kinder in der 10.000-Einwohner-Gemeinde westlich von Potsdam gibt es einen Kindergarten- beziehungsweise einen Hortplatz. Und sechs von zehn Kindern unter drei werden in der Krippe betreut. Wir garantieren allen Eltern einen Platz, wenn es sein muss, auch für Säuglinge, sagt Bürgermeisterin Hoppe. Die Klagen der Bürgermeister aus West- oder Süddeutschland kann die brandenburgische CDU-Politikerin überhaupt nicht verstehen.

    "Dann haben sie ein wenig geschlafen, möchte ich mal so klar sagen."

    Probleme mit dem Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz für die unter Dreijährigen werden unter anderem das Saarland, Bremen oder auch Nordrhein-Westfalen bekommen. In NRW steht derzeit nur für jedes fünfte Kind unter drei Jahren einen Krippenplatz zur Verfügung. Auch Heike Kahl, die Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, beklagt, dass viele Bürgermeister zu spät aufgewacht seien:

    "Noch vor vier Jahren bin ich in Kommunen gekommen und habe darüber geredet, dass Bildung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Da sind erzürnte Bürgermeister aufgestanden und haben gesagt: Was, jetzt soll ich mich auch noch um Bildung kümmer? Heute glaube ich, stimmt das Bild nicht mehr. Aber es gibt Kommunen, die vorangehen, die sehr früh erkannt haben, dass Bildung ein Standortfaktor ist, und es gibt Kommunen, die lange nicht gesehen haben, dass sie da ein Problem haben. Das ist schon so."

    Mit ihrem Programm Anschwung für frühe Chancen unterstützt die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung Aktive vor Ort. Bundesweit existieren mehr als 400 solcher lokaler Initiativen für frühkindliche Entwicklung, bis Ende nächsten Jahres sollen es 600 werden. Heike Kahl mahnt, bei der Diskussion über die Zahl der Plätze nicht die Qualität der Betreuung zu vergessen.

    "Die Theorie, jetzt müssen wir uns nur um Plätze kümmern, die geht nicht auf. Denn, wenn wir sagen, die Bildungsrendite für unsere Gesellschaft findet in der frühen Kindheit statt, dann findet sie über die Qualität und nicht über die Quantität statt."

    Quantität und Qualität seien keine Gegensätze, meint dagegen Kerstin Hoppe, Bürgermeisterin aus Schwielowsee. Wer sich rechtzeitig um Geld aus den Kita-Ausbauprogrammen von Bund und Ländern gekümmert habe, der könne jetzt qualitativ hochwertige Betreuungsplätze anbieten. In ihrem Ortsteil Ferch ist eine neue Kita für zwei, drei Millionen Euro entstanden.

    "Und der Anspruch war, den Neubau so zu planen, dass es den modernen Bildungsgrundsätzen entspricht, konzeptionell. Da gibt es ganz tollen Raumgestaltungen, es gibt Freiflächen. Durch die Chance, wenn man jetzt die Bundesmittel einsetzt, dann das zu verknüpfen mit dem Konzept. Ich habe bei uns gesagt, etwas Besseres kann uns nicht passieren."

    Geld für den Kita-Ausbau ist vorhanden - seit wenigen Tagen stehen weitere 580 Millionen Euro vom Bund für Baumaßnahmen zu Verfügung, vier Milliarden Euro sind bereits geflossen.