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StartseiteBüchermarktKeine Zukunft ohne Vergangenheit10.05.2019

Anna Stern: "Wild wie die Wellen des Meeres"Keine Zukunft ohne Vergangenheit

Kein Mensch existiert ohne Vergangenheit: Biologiestudentin Ava versteckt ihre dunkle Kindheit vor ihrem Partner und flüchtet auf eine abgelegene Naturschutzstation in Schottland. Doch sie findet weder Ruhe noch Klarheit – ein rätselhaft schwebender und doch raffinierter zweiter Roman von Anna Stern.

Von Birgit Koß

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Zu sehen ist die Autorin Anna Stern und das Buchcover "Wild wie die Wellen des Meeres" (Autorenfoto: Gianni Bombèn/ Cover: Salisverlag)
Bei den 42. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet: die Schweizer Autorin Anna Stern (Autorenfoto: Gianni Bombèn/ Cover: Salisverlag)

Auf raffiniert konstruierte Weise erzählt Anna Stern in "Wild wie die Wellen des Meeres" die geheimnisvolle Geschichte von Ava Garcia, einer junge Frau, die offensichtlich unter einem Kindheitstrauma leidet. Sie ist die Freundin des Polizeibeamten Paul Faber, der in Sterns vorigem Roman "Der Gutachter" die Hauptrolle gespielt hat. Auch Ava tauchte dort bereits auf, wenn auch nur kurz.
In ihrem neuen Roman "Wild wie die Wellen des Meeres" fragt die Autorin nach der Grenze zwischen Phantasie und Erinnerung und sie erzählt von Avas Wunsch, "ihren schwarzen Gedanken" zu entfliehen, um sich selbst zu finden. Die Autorin, eine bekennende Krimiliebhaberin, streut dabei einen falschen Verdacht, über eine Situation, die Ava als Fünfjährige gesehen hat. Geschickt spielt sie mit der Erwartungshaltung ihrer Leser und schafft mit wiederkehrenden, düsteren Andeutungen, die sich mit der Zeit verdichten, einen großen Spannungsbogen. Gleichzeitig geht es um die aktuelle Beziehung zwischen Ava und Paul. Die 25jährige Studentin verlässt ihren Schweizer Freund für ein Praktikum in einer Feldstation in Schottland, ohne ihm zu sagen, dass sie schwanger ist.

"Hast du gewusst, sagt Ava, dass Erinnerung und Vorstellung die gleichen Hirnareale aktivieren. Wir brauchen die Vergangenheit, um in der Gegenwart die Zukunft zu üben. Ava, sagt Paul, warum Schottland. Warum nicht, sagt Ava. Die Stelle ist frei, man hat mich gefragt, und außerdem: Irgendwo muss ich das Praktikum ja machen. Irgendwo muss nicht Schottland sein. Ihm ist schlecht, sein Magen ist klein, seine Lungen sind eng. Irgendwo könnte auch hier sein, näher. Ich will ans Meer, Paul, ich muss das Meer sehen.

Bestimmt uns unsere Vergangenheit?

Die Autorin hat selbst eine starke Affinität zu  großen Gewässern. In ihrem Studium beschäftigte sie sich unter anderem mit der Umwelt, mit Bakterien und sagt, sie suche gern nach Wahrheiten und fremden Welten. All dies teilt Anna Stern mit ihrer Protagonistin - der Vogelfrau, deren eines Auge eissturmvogelgrau ist, während das andere stockentengrün stahlt. Ava hat schon als Kind alle Vogelstimmen identifizieren können und widmet sich im ornithologischen Institut intensiv der Vogelpflege. Ihr Maskottchen oder Totemtier ist Hermes – eine weiße Taube, aus Holz geschnitzt. Hermes bleibt bei Paul am Bodensee, ansonsten bittet Ava ihn, sie vollkommen ich Ruhe zu lassen. Paul bemüht sich, dieser Bitte nachzukommen, wie er auch schon früher Ava nicht mit Fragen über ihre Vergangenheit bedrängt hat. Dabei möchte er gern das Geheimnis um ihre Kindheit lösen, um sie besser zu verstehen. Mit neun Jahren ist Ava zu seiner Familie als Pflegekind gekommen, seit Avas fünfzehntem Geburtstag sind sie und der acht Jahre ältere Paul ein Paar.

"Paul interessieren die Abläufe in der Natur weniger als die Vorgänge in den Köpfen und Körpern seiner Mitmenschen. Gibt es einen freien Willen. Bestimmt unsere Vergangenheit, wohin wir uns in Zukunft bewegen. Sind Körper und Bewusstsein unabhängig voneinander. Wie funktioniert Altruismus. Paul ist überzeugt, dass er, um einen Menschen zu kennen, dessen Vergangenheit kennen muss -, was wenn ich beispielsweise jemanden mag, der getötet hat, ohne dass ich davon weiß, und falls ich es tue: was sagt das über mich aus -, und so kränkt es ihn manchmal ein wenig, wenn Ava, nachdem er gerade einen Nachmittag lang mit ihr Lexika oder seinen alten Atlas des menschlichen Körpers durchgeblättert und geduldig Schautafeln von Organen oder des enzyklopädischen Allerleis im Band Ghan – Hoe erklärt hat, keine seiner Fragen beantworten will; sich ihm nicht öffnet."

Schwarze Gedanken und schroffe Landschaften

Die schwierige Beziehung von Paul und Ava und Avas komplexe Familiengeschichte entwickeln sich langsam in vielen Rückblenden, die quer durch die Zeit springen. Vielschichtig eröffnen sich immer neue Deutungsspielräume über die Vergangenheit, so dass Avas oft verstörendes Verhalten nach und nach erklärbar wird. Daneben spielt die Handlung weiter in ihrer Gegenwart. Die karge, raue Landschaft Schottlands passt zu ihren Erfahrungen und neuen Beziehungen. Für ihre schwarzen Gedanken hat Ava ein schwarzes Tagebuch. Dies wird in dem sehr schön gestalteten Roman mit Auszügen und Fotos zitiert. Die brüchige Gefühlswelt der jungen Frau und ihre Zerrissenheit wegen der Schwangerschaft spiegeln sich in eingestreuten Gedichtzeilen von Franz Wrights wider oder in Liedtexten von David Bowie und Charles Aznavour. Musiktitel, insbesondere von Leonard Cohen vermitteln Stimmungen und Erinnerungen. Anna Sterns Sprache ist besonders in den Dialogen sehr kurz und knapp. Die Autorin arbeitet mit rhythmischen Wiederholungen ganzer Sätze oder Absätze. Wie ein Mantra zieht sich "Du darfst nicht alles glauben, was du siehst, sagt César." durch den ersten Teil des Romans. Erst spät wird klar, dass Cäsar Avas Vater ist.

Der Rückzug bleibt erfolglos

Der zweite Teil beginnt damit, dass Paul eine Aufklärung des Familiengeheimnisses findet und von Avas Schwangerschaft erfährt, was sie wiederum unter Druck setzt. Bei einer unüberlegten und leichtsinnigen Wanderung  erleidet sie schwerwiegende Verletzungen und liegt eine Zeitlang im Koma. Somit reist Paul nach Schottland und lernt dort Avas neue Freunde kennen, die die Autorin mit leichten Strichen skizziert. Ava grenzt sich weiterhin gegenüber Paul ab, während er um die Beziehung kämpft. Das Ende des Romans bleibt schwebend – wie auch mehrere Figuren in Schottland nur wenig ausgearbeitet sind. Vielleicht hat Anna Stern hier bereits die Netze für ihren nächsten Roman ausgelegt.

Anna Stern: "Wild wie die Wellen des Meeres"
Salis Verlag, Zürich, 416 Seiten, 24 Euro

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