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StartseiteInterviewÖkonom: "Eine Beruhigung in der Weltwirtschaft"26.08.2019

Annäherung Iran und USAÖkonom: "Eine Beruhigung in der Weltwirtschaft"

Es sei notwendig, dass sich die sieben wichtigsten Industrienationen regelmäßig treffen, sagte Ökonom Michael Bräuninger zum G7-Gipfel im Dlf. "Eine Deglobalisierung ist sicherlich schädlich für alle". Die Annäherung zwischen dem Iran und der USA reduziere Unsicherheit und sei darum ein gutes Zeichen.

Michael Bräuninger im Gespräch mit Mario Dobovisek

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Dieses vom Twitter-Konto des iranischen Außenministers zur Verfügung gestellte Bild zeigt Mohammad Dschawad Sarif (l), Außenminister des Iran, der sich mit Emmanuel Macron (r), Präsident von Frankreich, und Jean-Yves le Drian (2.v.r) Außenminister von Fra (Twitter account of Javad Zarif/A)
Eine Krise weniger - der Besuch des iranischen Außenministers Sarif in Biarritz habe zu einer Annäherung zwischen dem Land und den USA geführt, sagte der Ökonom Bräuninger im Dlf (Twitter account of Javad Zarif/A)
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Mario Dobovisek: Zurück zum großen Ganzen der G7, zur diplomatischen Annäherung zwischen den USA und Iran. Ein Telefonat, ein Besuch des iranischen Außenministers in Biarritz und ein Gesprächsangebot an Irans Präsidenten – darüber habe ich am Abend mit Michael Bräuninger gesprochen, Ökonom, Volkswirt an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg. Ich habe ihn gefragt: Was bedeutet die Annäherung zwischen den USA und dem Iran für die Weltwirtschaft?

Michael Bräuninger: Das sind sicherlich gute Zeichen für die Weltwirtschaft. Das ist eine Beruhigung in der Weltwirtschaft, die ja im Augenblick durch große Unsicherheit gekennzeichnet ist. Es gibt viele verschiedene Krisen, davon auch eine Krise mit dem Iran, die Frage, wie es dort weitergeht, ob es dort irgendwann zu militärischen Konflikten sogar kommt, und das scheint sich jetzt etwas zu beruhigen und insofern verschwindet hier eine gewisse Unsicherheit oder sie wird zumindest reduziert und das ist ein gutes Zeichen. Insofern könnte das auch der im Augenblick relativ schlechten Stimmung etwas entgegensteuern.

"Wichtiger auch wirtschaftlicher Effekt"

Dobovisek: Wie stark belastet denn die Unsicherheit, wie Sie es nennen, am Persischen Golf den Welthandel, die Weltwirtschaft?

Bräuninger: Es ist sicherlich eine von den verschiedenen Unsicherheiten, die eine wichtige Rolle spielen. Ich meine, hier ist die Ölregion betroffen. Es ist eine wichtige Verbindungsstraße betroffen und es ist letztlich ein Krisenherd, bei dem man nie weiß, wie sich das auswirkt, wie das weiter eskalieren könnte. Insofern ist das ein wichtiger auch wirtschaftlicher Effekt, der hier eintritt, oder die Unsicherheit hat schon eine große Bedeutung. Und die Beruhigung umgekehrt, wenn es sich hier beruhigt, dann hat das sicherlich auch eine positive Wirkung.

Dobovisek: US-Präsident Trump signalisiert Gesprächsbereitschaft, will Irans Präsident Rohani treffen. Wie groß sind Ihre Hoffnungen, dass der Streit dann ein baldiges Ende finden könnte?

Bräuninger: Ja, die sind natürlich nur begrenzt. Es ist sicherlich ein gutes Zeichen, wenn die sich treffen und wenn Gespräche erst mal stattfinden. Das ist immer die Voraussetzung. Insofern ist es ein gutes Zeichen. Man weiß aber ja auch, dass Trump sehr wechselhaft ist und dass es nicht bedeutet, dass er nächste Woche noch immer dieselbe Stimmung hat, und insofern muss man das erst mal abwarten. Aber zunächst mal ist die Gesprächsbereitschaft immer die Voraussetzung dafür, dass es vorangeht und dass es Gespräche gibt.

Handelsstreit: "Die Situation ist verfahren"

Dobovisek: Gesprächsbereitschaft ist auch wichtig für ein ganz anderes Konfliktfeld, der Handelsstreit nämlich. Da konnte ein Nebenschauplatz abgeräumt werden, nämlich der Streit um Frankreichs Digitalsteuer, auf die die USA mit Strafzöllen für französische Weine antworten wollten. Das ist vom Tisch. Nicht vom Tisch dagegen ist der Handelsstreit zwischen den USA und China, der weitaus schwerwiegender ist. Da hat Trump jetzt aber gesagt, man sei einer Lösung nie näher gewesen als heute. Was könnte er damit meinen?

Bräuninger: Das weiß man ja nicht so genau, was er mit solchen Aussprüchen meint. Ich sehe jetzt keine direkte Lösung und ich sehe auch nicht, dass es hier schnell und einfach zu Lösungen kommen wird. Die Situation ist verfahren, die Positionen sind eigentlich sehr festgerückt und die Ideen, die Trump hier hat, werden sicherlich nicht einfach in China umgesetzt. Weder China noch Deutschland wird schnell die Exporte reduzieren, was sich Trump ja eigentlich wünscht, und insofern glaube ich nicht, dass es hier einfache und schnelle Lösungen geben wird.

"Deglobalisierung ist sicherlich schädlich für alle"

Dobovisek: Zuletzt hatte sich der Handelsstreit ja sogar noch weiter verschärft. Wer sitzt da letztlich am längeren Hebel?

Bräuninger: Das ist eine ganz schwierige Frage. Was heißt hier am längeren Hebel? Letztlich schadet der Handelsstreit allen. Die Verzahnung der Weltwirtschaft hat letztlich zu der guten wirtschaftlichen Entwicklung, die wir über die letzten Jahrzehnte hatten, sehr stark beigetragen, und wenn wir jetzt eine Deglobalisierung haben, ist das sicherlich schädlich für alle. Hier gibt es keinen einfachen längeren Hebel. Die Frage ist, wer die größere Leidensbereitschaft hat oder wer den größeren Effekt hat. Das ist sehr schwierig zu sagen. Es ist auch schwierig innerhalb der Länder, aber auch innerhalb jedes einzelnen Landes gibt es Gewinner und Verlierer. Es gibt besonders stark betroffene Branchen. Das sind in Deutschland natürlich besonders die exportintensiven Branchen. Es gibt eventuell auch Regionen, die dabei gewinnen, einzelne Leute, denn Trump macht das ja schon, um einzelne Gruppen seiner Wähler zu schützen. Hier gibt es sicherlich auch einzelne Gewinner in den USA. Umgekehrt könnte es auch in Europa einzelne Gruppen geben, die von so einem Streit dann profitieren. Für die Mehrheit und insgesamt ist es ein Verlust.

Integration Russlands sei politisch schwierig

Dobovisek: Ein weiteres Mal blitzte Donald Trump bei den anderen Gipfelteilnehmern damit ab, Russland wieder mit einzubinden, aus den G7 wieder die G8 zu machen. Jetzt kündigt der US-Präsident an, Russlands Präsidenten trotzdem zum nächsten Gipfel in die USA einladen zu wollen, als Gast. Wie wichtig wäre es auch aus wirtschaftlicher Sicht, dass Russland wieder an den Gipfeln der großen Wirtschaftsmächte teilnimmt?

Bräuninger: Das wäre natürlich wirtschaftlich schon ein positiver Effekt. Letztlich wäre das hier, wenn die Integration mit Russland wieder stattfindet, wenn es hier auch wieder Gespräche gibt, wenn hier wieder offener Handel stattfindet, sicherlich ökonomisch gesehen ein Vorteil. Dem muss man entgegenhalten, dass es schwierig ist, Russland wieder politisch vollständig einzubinden, denn letztlich muss man ja irgendwelche Maßnahmen gegen die Annexion in der Ukraine vornehmen und kann nicht einfach zur Tagesordnung wieder übergehen. Insofern ist das abzuwägen, was wir hier politisch uns wünschen und was eventuell ökonomisch positiv ist. Hier muss man ganz klar sagen: Wenn Russland wieder eingebunden wird und wenn es hier wieder eine stärkere Öffnung gibt, hat das ökonomisch positive Effekte, die natürlich politische Probleme mit sich bringen.

Dobovisek: Das führt uns aber direkt zu der nächsten, vielleicht auch einer der letzten Fragen in unserem Gespräch. Sind die G7 überhaupt noch ein Wirtschaftstreffen, oder ist es reine globale Weltpolitik?

"Gespräche sind immer notwendig"

Bräuninger: Ich glaube, es war immer globale Weltpolitik oder eine Verbindung zwischen Wirtschaft und globaler Weltpolitik. Letztlich kann man diese beiden Dinge gar nicht voneinander trennen. Politische Entscheidungen haben ökonomische Konsequenzen und umgekehrt bewirken ökonomische Ziele auch wiederum politische Entscheidungen. Die beiden sind immer miteinander verzahnt und man kann das, glaube ich, nicht voneinander trennen.

Dobovisek: Jetzt hatten viele in der Vergangenheit das G7-Format bereits totgesagt, gerade weil die Gipfelergebnisse oft eher dürftig ausgefallen waren. Für Trump war es dieses Mal ein Gipfel der Deals, könnte man sagen: ein Deal mit Frankreich, einer vielleicht mit den Brexit-Briten, der nächste Gipfel möglicherweise im Trump-Hotel in Miami. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Bräuninger: Na ja. Man muss ja schon immer glücklich sein, wenn sie sich getroffen haben, gesprochen haben und dabei nicht weiter zerstritten haben und es nicht zum Abbruch gekommen ist, sondern die Gespräche stattgefunden haben und wenn es in einigen Teilen Einigungen gibt. Ich glaube noch nicht an die ganz große Einigung und ich glaube auch nicht, dass die Probleme behoben sind. Letztlich haben sie sich nicht verschärft und ich glaube nicht, dass es Lösungen wirklich gegeben hat. Aber das ist ja auch schon etwas und Gespräche sind immer notwendig, um irgendwann zu Lösungen zu kommen. Ich glaube nicht, dass es schnell und einfach in den nächsten Monaten Verbesserungen oder wirkliche ernsthafte Verbesserungen gibt. Aber es hat zumindest keine Verschlechterung gegeben und das ist schon mal ein gutes Zeichen.

Dobovisek: Muss das G7-Format deshalb eine Zukunft haben?

Bräuninger: Das sind weiterhin die sieben wichtigsten Industrienationen und wichtigen wirtschaftlich bedeutenden Nationen, und hier ist es durchaus sinnvoll, dass die sich regelmäßig zum Gespräch treffen – entweder vor Ort treffen, oder zumindest zum Austausch treffen. Das könnte vielleicht auch mal stärker elektronisch stattfinden. Aber letztlich glaube ich, dass Treffen und Gespräche notwendig sind.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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