Mittwoch, 12.12.2018
 
Seit 03:30 Uhr Forschung aktuell
StartseiteStreitkulturBrauchen wir den Gender-Stern im Duden?10.11.2018

Anne Wizorek vs. Rainer MoritzBrauchen wir den Gender-Stern im Duden?

Am 16. November tagt der Rat für deutsche Rechtschreibung - auch über das gendergerechte Schreiben. Mit welchen Mitteln kann Sprache die Vielfalt der Geschlechter abbilden? Darüber streiten Anne Wizorek, feministische Aktivistin, und Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg.

Am Mikrofon: Käthe Jowanowitsch

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Geschlechtergerechte Sprache in einem Dokument: Auszug aus der Satzung des CDU-Landesverbands Bremen mit geschlechtergerechten Formulierungen, unter anderem: die Wahl des/der Vorsitzenden des Landesausschusses und seines/r / Ihre/s/r Stellvertreter/s/in (imago / Eckhard Stengel)
Geschlechtergerechte Sprache in einem Dokument (imago / Eckhard Stengel)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Angriffe auf die Gender Studies Den Feinden der Gleichberechtigung entgegentreten!

Gender-Debatten in der Neuen Musik Diskurse und Diskursinnen

Germanistin zu Lesesozialisation: Frauen lesen anders

Veronika Schuchter (Germanistin) "Im Feuilleton dominieren männliche Kritiker"

Geschlechtergerechtigkeit in den Medien Gender Pay Gap

Gender-Stern ("Hörer*innen), Gender-Gap (Hörer_innen) oder großes Binnen-I (HörerInnen): Es gibt – neben der Doppelung "Hörerinnen und Hörer" – verschiedene Möglichkeiten, geschlechtergerecht zu schreiben. Doch welche davon ist richtig, notwendig oder wünschenswert? Darüber gehen die Meinungen stark auseinander.

Kaum eine sprachwissenschaftliche Debatte hat in den letzten Jahren so weite Kreise gezogen wie das Gendern. Im Frühjahr 2018 hat Marlies Krämer vor Gericht darum gekämpft, von ihrer Sparkasse als "Kundin" und nicht als "Kunde" angesprochen zu werden. Erfolglos. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe wies ihre Forderung zurück.

Wie sehr prägt die Sprache unsere Vorstellung von der Wirklichkeit? Sollen wir Veränderungen gezielt anstoßen? Oder sind wir damit auf dem Weg zu einer Sprachzensur? Darüber diskutieren Anne Wizorek und Rainer Moritz.

Anne Wizorek spricht auf der Internetkonferenz republica am 7. Mai 2015 in Berlin (imago stock&people)Anne Wizorek bei der republica 2015 (imago stock&people)

Anne Wizorek: "Nur wer Frauen und andere Geschlechter mit nennt, der denkt sie auch tatsächlich mit."

"Sprache ist unser alltäglichstes Werkzeug und kann damit eine große Macht ausüben. Damit geht auch eine Verantwortung einher, wie wir Sprache benutzen. Wie wir die Welt wahrnehmen, das drücken wir ja in Sprache aus, und das beeinflusst natürlich diese Welt auch und insofern auch, wie wir uns die Welt vorstellen können. Wenn wir uns also nicht mal in der Sprache eine geschlechtergerechte Welt vorstellen können, ist es mit der Umsetzung nicht weit her. (…) Wir wissen aus zahlreichen sozialpsychologischen Studien, dass, wenn die männliche Form genannt wird, Menschen in erster Linie an Männer denken. (…) Sprache wird nicht alles lösen, aber sie ist in meinen Augen ein wichtiger Baustein, um Geschlechtergerechtigkeit zu normalisieren und weiter voranzubringen. Nur wer Frauen und andere Geschlechter mit nennt, der denkt sie auch tatsächlich mit."

Anne Wizorek ist feministische Aktivistin. 2013 hat sie mit dem Hashtag #aufschrei eine Debatte über Sexismus im Alltag ins Rollen gebracht.

Schlechte Texte über Sex bringen den Autor Rainer Moritz und die Moderatorin Liane von Billerbeck gleichermaßen zum Lachen. (Deutschlandradio/Maurice Wojach)"Sternchen oder Unterstrich in Substantive einzubauen, ist ein willkürlicher Eingriff in die Sprache", sagt Rainer Moritz (Deutschlandradio/Maurice Wojach)

Rainer Moritz: "Ich finde nicht, dass jemand das Recht hat, in Sprache einzugreifen, sie selbstherrlich zu lenken."

"Es ist leicht möglich, aus Studenten Studierende zu machen, obwohl das semantisch nicht das Gleiche ist, und in Anreden den Kundinnen und Kunden zu danken. Das alles lässt sich umsetzen und widerstreitet der Grammatik nicht. Was aber niemand braucht und was gefährlich ist, sind selbstherrliche Eingriffe in die deutsche Sprache und ihre Wortbildungsgesetze. Sternchen oder Unterstrich in Substantive einzubauen, ist ein willkürlicher Eingriff in die Sprache und ihre Normen. Das mag gut gemeint sein und soll unterschiedlichen Geschlechteridentitäten gerecht werden – ein löbliches und zugleich unsinniges Unterfangen, das vielleicht in Universitätsseminaren, aber gewiss nicht auf den Dorfplätzen in der Eifel Anerkennung findet. Man sollte sich prinzipiell davor hüten, aus ideologischen Gründen die Sprache lenken zu wollen. Diese Form der Korrektheit bereitet mir mehr als Unwohlsein und ist ein selbstgerechtes Herumpfuschen. (…) Darauf kann ich verzichten."

Rainer Moritz ist Germanist, Autor und Übersetzer. Seit 2005 leitet er das Literaturhaus Hamburg.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk