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StartseiteInterview"Wir befinden uns im Krieg"23.12.2016

Anschläge in Europa"Wir befinden uns im Krieg"

Der französische Außenpolitiker Jaques Myard hat sich nach dem Anschlag von Berlin solidarisch mit Deutschland erklärt. Man müsse gegen den Terrorismus zusammenstehen, sagte er im DLF. Bekämpft werden müsse dieser vor allem kulturell: "Wir müssen unsere Grundsätze und unsere Werte bekräftigen."

Jacques Myard im Gespräch mit Christoph Heinemann

Jacques Myard, Abgeordneter der UMP (AFP PHOTO / Patrick Kovarik)
Jacques Myard, Abgeordneter der Partei "Les Républicains" (AFP PHOTO / Patrick Kovarik)
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Hören Sie das Interview  in französischer Sprache.

Christoph Heinemann: Befinden wir uns in Frankreich und Deutschland in einem Krieg?

Jacques Myard: Wir befinden uns in einem Krieg gegen Terroristen. Wir müssen einsehen, dass keine Trennlinie mehr verläuft zwischen der inneren Ordnung eines Landes und der internationalen Ordnung, die in einer Krise steckt. Wir befinden uns in einem globalen Dorf. Schauen wir uns an, was im Nahen und mittleren Osten passiert: die leider zyklische, sich wiederholende Radikalisierung eines Teils des Islam, einer Religion, die für eine totalitäre Gesellschaft steht, die alle gesellschaftlichen Fragen regeln will.

"Fanatische Bewegungen des Islam gewinnen Oberhand"

Heinemann: Gilt das tatsächlich für den Islam als Religion?

Myard: Das Problem mit dem Islam besteht darin, dass es den ebenso häufig gibt, wie es Muslime gibt. Es gibt keine Einheit. Man findet sektiererische Phänomene, die sich zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt gegenüber einer vernünftigen Interpretation des Korans durchsetzen. Heute erkennen wir, dass fanatische Bewegungen die Oberhand gewinnen gegenüber einer gemäßigten und vernünftigen Interpretation. Die Lesart der Sufis ist eine esoterische. Demgegenüber lesen die Fundamentalisten den Koran wörtlich, auch wenn die Botschaften manchmal widersprüchlich sind.

Heinemann: Zu dieser Unterscheidung: Marion Maréchal Le Pen vom Front National hat folgendes auf Deutsch nach dem Mord-Anschlag in Berlin getwittert: "Solidarität mit dem deutschen Volk, das vom islamischen Terror schwer getroffen wurde." Wohlgemerkt: islamischer Terror, nicht islamistischer. Ist der Terror islamisch?

Myard: Beide kann man nicht voneinander trennen, denn Moslems verstehen den Unterschied zwischen islamisch und islamistisch nicht.

"Im Grundsatz geht es dabei um ein kulturelles Problem"

Heinemann: Bringt man dadurch den Islam nicht Verruf, wenn man behauptet, zwischen islamisch und islamistisch bestehe kein Unterschied?

Myard: Man sollte sich davor hüten, alles zu vermischen. Andererseits kann man innerhalb des Islam auch ein Programm erkennen, das zu extremistischen Taten führen kann. Die Gelehrten des Islam, etwa der Scheich der Al-Azhar-Universität in Kairo, müssten in der gesamten islamischen Welt eine Interpretation des Islam durchsetzen, die mit unseren Gesellschaften vereinbar wäre. Dieses Problem müssen die Muslime selbst lösen. Wir können das für sie nicht tun. Die Republik muss sich nicht dem Islam anpassen. Der Islam muss die Regeln der Republik und das allgemeine Wahlrecht berücksichtigen.

Heinemann: Steigt die Terrorgefahr mit der Niederlage des IS in Syrien?

Myard: Im Grundsatz geht es dabei um ein kulturelles Problem. Die fanatischen Extremisten muss man vor allem kulturell bekämpfen. Wir müssen unsere Grundsätze und unsere Werte bekräftigen und ständig erklären, dass die Botschaft des IS und des religiösen Fanatismus in eine Katastrophe führt. Wir müssen natürlich auch klar unsere militärischen Positionen vertreten. Einige Individuen wird man nicht zum Umdenken bewegen können. Wir befinden uns im Krieg. Aber es geht eben auch um den kulturellen Ansatz, darum, der Welt zur zeigen, dass die Botschaft von Al Kaida und des IS in eine Sackgasse führt.

"Unter den Rebellen in Aleppo befindet sich kein einziger Demokrat"

Heinemann: Der Philosoph Bernard Henry Levy hat Sie scharf kritisiert, und in der Zeitung Le Monde geschrieben, er schäme sich für Sie und den Präsidentschaftskandidaten Francois Fillon, weil Sie das Abschlachten von Aleppo als Preis bezeichnen würden, den man für den Kampf gegen den Terrorismus zahlen müsse. Ist das der Preis?

Myard: Dort herrscht ein Bürgerkrieg. Wir wissen, dass sich in Aleppo Fanatiker befinden, die Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzen. Unter den Rebellen in Aleppo befindet sich kein einziger Demokrat. Das sind alles Terroristen im realen Sinne des Wortes.

Heinemann: Das Assad-Regime ist auch nicht demokratisch …

Myard: Natürlich nicht. Das ist eine Diktatur. Ein ausgesprochen hartes Regime, an dessen Händen Blut klebt. Bernard Henry Levy, der ständig belehrend auftritt und sich häufig geirrt hat, irrt auch diesmal: Zu Beginn der Rebellion hat niemand im Westen, in Europa und vor allem in Frankreich sehen wollen, dass hinter diesen Aufständischen eine islamistische Bewegung steckte, die immer stärker wurde. Es gab viele Provokationen: 2011 wurde von diesen Leuten vor einer Schule in Aleppo eine Bombe gezündet. Das Regime in Damaskus wurde dafür verantwortlich gemacht. Wir müssen misstrauisch sein, wegen der Manipulationen, die auf beiden Seiten vorkommen können. Es gibt kein Schwarz-Weiß: auf der einen Seite die Bösen, das Regime in Damaskus, und andererseits die großen Demokraten. Das stimmt nicht.

"Frau Merkel hat einen Fehler gemacht"

Heinemann: Besteht, wie es die extreme Rechte behauptet, ein Zusammenhang zwischen der jüngsten Migrationsbewegung – vor allem nach Deutschland – und dem Terrorismus?

Myard: Man sollte nicht alles miteinander vermischen. Eine gewisse Anzahl von Fanatikern, von Terroristen wurde mit den Migranten eingeschleust. Frau Merkel, es tut mir leid, dass ich das so sagen muss, hat einen Fehler gemacht. Ich befand mich in Jordanien und Saudi-Arabien, als sie die Öffnung der Grenzen angekündigt hat. Wenn man sagt: "komm", dann kommen die Menschen. Millionen können so noch kommen. Nicht nur aus Syrien. Schauen Sie sich die Lage zwischen Italien und Libyen an: Dort werden Menschen gerettet und nach Europa gebracht, damit sie nicht ertrinken. Das Ergebnis: ein Fass ohne Boden. Das wiederholt sich ständig. Der Kurs muss sich ändern, um diese Wanderungsbewegung beherrschen zu können. Dazu gehört, dass man diesen Menschen hilft, damit sie zu Haus bleiben können. Man muss die Staaten, die kaum noch existieren, stabilisieren. Ich kann vielleicht ein paar Worte auf Deutsch sagen?

"Es ist wichtig, dass wir zusammenstehen"

Heinemann: Bitte!

Myard: Ich möchte meine Solidarität mit dem deutschen Volk sagen. Es ist hauptsächlich wichtig, dass wir alle zusammenstehen gegen Terrorismus und wir gut zusammenarbeiten, um dieses schreckliche Attentat in Berlin oder in Nizza zu vermeiden. Das ist sehr wichtig und ich bin froh und zufrieden, wie ich das weiß, dass unsere Polizeien eng zusammenarbeiten. Deshalb habe ich Hoffnung, dass wir in der nahen Zukunft solche Attentate vermeiden werden.

Heinemann: Die Botschaft ist angekommen. Vielen Dank Ihnen, alles Gute für ein friedliches Weihnachtsfest Ihnen und Ihrer Familie.

Myard: Ja und ebenfalls. Weihnachten heißt "noël" auf Französisch und bedeutet "das neue Licht", und das passiert hoffentlich, dass es kommen wird.

Heinemann: Vielen Dank Ihnen, alles Gute.

Myard: Alles Gute.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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