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StartseiteKalenderblattDie Bombe im King David Hotel wirft noch immer Fragen auf22.07.2021

Anschlag in Jerusalem 1946Die Bombe im King David Hotel wirft noch immer Fragen auf

Als Rache für die rigide Einwanderungspolitik der britischen Mandatsmacht in Palästina, sprengte die zionistische Gruppe Irgun am 22. Juli 1946 einen Flügel des Jerusalemer King David Hotels in die Luft. Bis heute wird die Tat unterschiedlich beurteilt.

Von Matthias Bertsch

Ein Teil des King David Hotels in Jerusalem liegt nach dem Bombenanschlag vom 22. Juli 1946 in Trümmern (picture alliance / Ann Ronan Picture Library )
Der Südflügel des Jerusalemer King David Hotels lag nach dem Anschlag vom Juli 1946 in Trümmern (picture alliance / Ann Ronan Picture Library )
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"Ich spreche im Namen des hebräischen Untergrundes! Wir haben eine Bombe im Hotel gelegt. Evakuieren Sie es sofort – wir haben Sie gewarnt!" - Mit diesen Worten meldete sich ein Anrufer am 22. Juli 1946 um kurz nach zwölf Uhr mittags in der Zentrale des King David Hotels. Keine halbe Stunde später erschütterte eine enorme Explosion Jerusalem. Der siebenstöckige Südflügel des Luxushotels, in dem sich die Verwaltungszentrale der britischen Mandatsmacht befand, brach in sich zusammen,
91 Menschen – Araber, Briten, Juden – kamen ums Leben. Doch warum war das Hotel nicht evakuiert worden? Es gibt zwei Erklärungen dafür, sagt Francesco di Palma. Die eine, so der Historiker, lautet: der höchstrangige Vertreter der britischen Regierung, Sir John Shaw, habe betont, er nehme keine Befehle von Juden entgegen:

"Die andere Erklärungsvariante, an die ich eher glaube, ist, dass die Leitung des King David Hotels die Warnung gar nicht ernst genommen hat, weil sie davon ausgingen, es kann nicht sein, dass irgendwelche Irgun-Kämpfer irgendwie in dieses sehr stark verteidigte Haus hineinkommen und uns irgendwie unter der Nase quasi eine Bombe irgendwo platzieren können."

Warum Großbritannien die Tore Palästinas schloss

Die Irgun war eine von drei paramilitärischen Gruppen, die mit Gewalt gegen die Mandatsmacht kämpften. Die beiden anderen Organisationen hießen Lechi und Hagana. Letztere war die größte der Gruppen und stand in engem Kontakt mit der Jewish Agency, der Vertretung der Juden in Palästina. Gemeinsames Ziel aller drei Verbände war die Bekämpfung der britischen Einwanderungspolitik. Im sogenannten Weißbuch von 1939 hatte die Regierung beschlossen, die Zahl der Juden, die nach Palästina einreisen durften, drastisch zu reduzieren – auch, um die tendenziell deutsch-freundlichen Araber in der sich andeutenden Konfrontation mit dem Deutschen Reich als Verbündete zu gewinnen. Obwohl viele Juden in der britischen Armee gekämpft hatten und zahllose andere, die den Holocaust überlebt hatten, nach dem Krieg als Flüchtlinge durch Europa irrten, weigerte sich Großbritannien, die Tore Palästinas für Juden zu öffnen. Dazu Francesco di Palma:

"Das erklärt auch, weshalb besonders die radikal eingestellten paramilitärischen Verbände, allen voran die Irgun, aber auch der Lechi, besonders feindselig eingestellt waren gegenüber der britischen Mandatsmacht, die immer wieder jüdische Kämpfer für sich ausgenutzt hatte, mehr oder minder, irgendetwas versprochen hatte und ihr Wort nie zu halten gewusst hatte."

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Nach zunehmend gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der Mandatsmacht und den jüdischen Untergrundverbänden hatten zunächst alle drei einen Anschlag auf das King David Hotel befürwortet. Doch dann sprang die Hagana ab. Die Jewish Agency, deren Spitze sich in Paris versammelt hatte, fürchtete negative internationale Reaktionen. Andererseits, sagt Francesco di Palma:

"hatte man natürlich große Angst, dass nicht nur die Briten einen vernichtenden Vergeltungsschlag durchführen würden, sondern dass vielleicht sogar auch die arabischen Verbände ins Geschehen eingreifen, und die Pläne der paramilitärischen Verbände zunichtemachen würden."

Drastische Antwort auf das Attentat 

Die Irgun unter ihrem Anführer Menachim Begin, dem späteren Ministerpräsidenten Israels, ließ sich dagegen von ihrem Plan nicht abbringen. Als Araber verkleidet, hatten sich Mitglieder der Gruppe am Morgen des 22. Juli in das Hotel eingeschleust und dort in Milchkannen die Sprengsätze deponiert. Die Reaktionen auf das Attentat waren drastisch. Hunderte tatsächlicher und vermeintlicher jüdischer Untergrundkämpfer wurden festgenommen, die Jewish Agency verurteilte den Anschlag auf das Schärfste, ihr Anführer David Ben Gurion nannte die Irgun "Feinde des jüdischen Volkes." Doch so heftig die verbale Verurteilung, so widersprüchlich das Handeln: Keine zwei Jahre später ging die Irgun mit ihren Kämpfern in der neu gegründeten israelischen Armee auf. Dazu Francesco di Palma:

"Aus der jüdischen Perspektive heraus, später aus der israelischen Perspektive heraus, wurde es klar, dass auch diese Anschläge ein einziges Ziel verfolgen: nämlich die Schaffung von Grundlagen für die Gründung des jüdischen Staates. Und es muss noch etwas erwähnt werden: alle paramilitärischen Verbände hatten in ihrem eigenen Statut eigentlich eine sehr wichtige Regel: und zwar alles darauf setzen, dass Blutzoll vermieden würde."

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Was wie ein Detail wirkt, verweist auf einen grundsätzlichen Unterschied in der Erinnerung an den Terroranschlag. Während die Toten in weiten Teilen der Welt den Attentätern zur Last gelegt werden, ist dies in Israel nicht der Fall. Zum 60. Jahrestag des Anschlags wurde 2006 eine Gedenktafel am King David Hotel angebracht. Sie erinnert an den Widerstandskampf der Irgun-Kämpfer gegen die britische Mandatsmacht und daran, dass das Hotel trotz mehrfacher Warnungen nicht geräumt worden sei. Die Verantwortung für die Toten wird damit implizit den Briten in die Schuhe geschoben.

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