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StartseiteSpielweisenDer Ruf des Schofar04.08.2021

Anspiel - 1700 Jahre jüdisches Leben in DeutschlandDer Ruf des Schofar

Dieses Album ist eine Besonderheit: Es vereint Werke fünf zeitgenössischer Komponisten, deren Arbeiten bisher kaum oder gar nicht aufgenommen wurden. Realisiert mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne entstand es mitten im Lockdown.

Von Hannah Schmidt

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Ein Mann mit grauen Haaren schaut auf einem Halbporträt nach rechts aus dem Bild und lächelt dabei. Er hält vor sich eine goldfarbene Trompete, er trägt ein schwarzes Jacket und ein weißes Hemd. (Rosa Frank)
Der Trompeter Reinhold Friedrich spielt auf dem Album neben der Trompete auch den Schofar. (Rosa Frank)
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Musik: Yusupov – "Listen to our cry"

"Listen to our cry" – "Hört unser Schreien": So hat der Komponist Benjamin Yusupov im Jahr 2015 sein Konzert für Trompete, Klavier und Streicher überschrieben. Der Ruf des Schofar, ein altes Widderhorn, der hier ganz zu Beginn erklingt, eröffnet traditionell das jüdische Neujahrsfest. Auf Reinhold Friedrichs aktuellem Album erklingt der festliche Ruf gleich zu Beginn – ein eindeutiges Signal: Die nächsten Minuten gehören dem Nachdenken über Religion und Spiritualität, über das, was vereint.

Musik: Yusupov – "Listen to our cry"

Im Laufe des Stücks wechselt Reinhold Friedrich von der Schofar zur Trompete – zitiert nicht mehr den jüdischen Neujahrsruf, sondern den Gebetsruf des Muezzins. Der Komponist Benjamin Yusupov bringt in diesem Werk alle drei großen monotheistischen Weltreligionen zusammen – auch Elemente aus Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe spielen eine wichtige Rolle. Sie repräsentieren hier das Christentum.

Musik: Yusupov – "Listen to our cry"

Yusupovs komponierte sein Konzert 2015, 2017 wurde es in Deutschland erstmals aufgeführt. Es steht auf Reinhold Friedrichs Album Seite an Seite mit anderen eindrücklichen Werken zeitgenössischer Komponisten. Jeder dieser Männer lebt in der Diaspora – (und) das macht die Zusammenstellung so interessant. Giya Kancheli beispielsweise, der in Georgien geboren wurde, emigrierte mit Ende 50 nach Westeuropa; Der italienisch-israelische Komponist Luca Lombardi lebt zwischen Rom und Tel Aviv; Alan Hovhanes wuchs in den USA auf, als Sohn schottisch-armenischer Eltern; Und der in Budapest geborene jüdische Dirigent und Komponist Ivan Fischer lebt in Wien und Berlin. Von ihm interpretiert Reinhold Friedrich die "Deutsch-Jiddische Kantate" – sie ist das einzige Werk auf der CD, das keine Ersteinspielung ist.

Musik: Ivan Fischer – "Eine Deutsch-Jiddische Kantate"

Ein zarter Dialog zwischen der Singstimme und dem Timbre der Trompete. Die Sopranistin Dorothee Mields ist spezialisiert auf die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts. Dass Friedrich sie für diese Produktion auswählte, stellt sich beim Hören als genau richtige Entscheidung heraus: Ivan Fischers Linien singt sie mit großer Einfühlsamkeit, sensibel und kraftvoll zugleich – und stets auf Augenhöhe mit Friedrichs feinsinnig interpretierten Soli:

Musik: Ivan Fischer – "Eine Deutsch-Jiddische Kantate"

Reinhold Friedrich produzierte das Album im November 2020, unter strengen Corona-Verordnungen, während eines harten Lockdowns – realisieren konnte er das Projekt nur durch eine Crowdfunding-Kampagne, über die knapp 28.000 Euro zusammenkamen. So war es überhaupt nur möglich, Dorothee Mields, die Pianistin Eriko Takezawa und das Georgische Kammerorchester Ingolstadt unter Leitung von Ruben Gazarian für die Einspielung zu gewinnen – eine sehr gleichgesinnte musikalische Verbindung, wie sich unter anderem in Alan Hovhaness‘ sehnsüchtiger Arie "Haroutioun" – "Auferstehung" – zeigt.

Musik: Alan Hovhaness – "Haroutioun"

Wie Reinhold Friedrich die ausgewählten Werke interpretiert, berührt und fasziniert: Spieltechnisch hochvirtuos und mit unaufdringlichem Stilempfinden. Giya Kanchelis ursprünglich für Klarinette geschriebene "Night Prayers" – "Nachtgebete" – arrangierte Friedrich für Trompete. Nach einem ruhigen, meditativen Einstieg gipfelt das musikalische Geschehen in einem kleinen folkloristischen Motiv aus Kanchelis einziger Oper "Music for the living" – "Musik für die Lebenden". Friedrich erschafft in seiner Interpretation hier einen Moment maximaler musikalischer Intensität:

Musik: Giya Kancheli – "Night Prayers"

Das Album, so schreibt Reinhold Friedrich, sei ein Herzensprojekt – und die Melodien, die er auf der CD versammelt, Zeugnis einer inneren Haltung. Musikerinnen und Musiker, davon zeigt sich der Trompeter überzeugt, befinden sich alle auf der Reise, sind alle "Nomaden". Wie ein zeitgenössisches Blitzlicht auf die religiösen Konflikte und politischen Krisen der Zeit möchte dieses Album deshalb wirken: Fremde sind wir uns selbst, schreibt Julia Kristeva – einander auszuschließen und anzugreifen, aufgrund von Flucht und Migration, wegen unterschiedlicher Einstellungen und Erfahrungen ist am Ende ein Angriff gegen sich selbst. Die Musik auf dem Album findet dafür eine ganz eigene Sprache.

Musik: Alan Hovhaness – "Haroutioun"

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