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StartseiteSpielweisenGrenzgänger am Klavier03.02.2021

Anspiel - Anderszewski spielt BachGrenzgänger am Klavier

Das Wohltemperierte Klavier ist ein von Johann Sebastian Bach präzise angelegter Zyklus. Piotr Anderszewski wirft lieber alles um, als sich an die Reihenfolge zu halten, denn für ihn sind die Preludes und Fugen eher Charakterstücke. Funktioniert sein Ansatz?

Von Christoph Vratz

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Musik: Bach - WTK 2 (Wohltemperiertes Klavier, Band II), Fuge 24

Am Ende steht eine Fuge, die letzte aus dem zweiten Band des "Wohltemperierten Klaviers", so wie Johann Sebastian Bach es konzipiert hat. Zwar findet man diese h-Moll-Fuge auch am Ende von Piotr Anderszewskis neuer CD, doch folgt der polnische Pianist bis zu diesem Zielpunkt einer eigenen Reise-Route: zum einen weil er nur die Hälfte der Werke aus diesem zweiten Band aufgenommen hat, zum anderen weil er, mit Ausnahme von Anfang und Ende, eine eigene, von Bach unabhängige Reihenfolge erstellt.

Musik: Bach - WTK 2, Präludium Nr. 7

Ihm gehe es um Stimmungen und Emotionen, um eine eigene Dramatik und nicht um die trockene Abfolge einer harmonisch gestützten Reihenfolge der Tonarten, erklärt Anderszewski. Er sehe in diesen Werken nicht den "gelehrten Kontrapunkt", sondern "Charakterstücke", wie er im Beiheft erklärt. Ob sich beide Möglichkeiten per se ausschließen, bleibe dahingestellt…

Musik: Bach - WTK 2, Fuge Nr. 7

Es gibt eine beachtliche Schar von Piotr Anderszewski-Anhängern, die sein ungewöhnliches Klavierspiel auch in seinen Konzerten regelmäßig feiern. In der Tat ist bei ihm vieles anders – und stromlinienförmig schon gar nicht. Das beginnt mit der Häufigkeit und der Programmauswahl seiner CDs, erstreckt sich über manche durchaus eigenwillige Aussage in Interviews und mündet in ausgefeilten Interpretationen. Anderszewski ist eine Art Grenzgänger am Klavier. Das zeigt auch schon das erste Präludium auf der neuen CD.

Musik: Bach - WTK 2, Präludium Nr. 1

Feierlich und verhalten – vor allem mit einem ungewöhnlich schleppenden Tempo eröffnet Piotr Anderszewski sein neues Album. Das wirkt seltsam zäh und raubt dem Stück seinen eigentlich eher vitalen Charakter. Soll Bach hier etwa als Vor-Romantiker dargestellt werden? Nein. So weit geht Anderszewski dann doch nicht, wie er bereits in der anschließenden Fuge unmissverständlich klarstellt.

Musik: Bach - WTK 2, Fuge 2

Bach aus dem Geiste der Empfindsamkeit?

Anderszewski besticht durch einen klaren Anschlag, eine sehr genaue Balance der einzelnen Stimmen und durch eine kluge Dramaturgie beim An- und Abschwellen der Lautstärke. Oft taucht er Bach jedoch in ein auffallend milchiges Licht, wie in der b-Moll-Fuge.

Musik: Bach - WTK 2, Fuge 22

Immer wieder hat es den Anschein, als wolle Piotr Anderszewski Bachs Musik als eine Art sphärischer Vision darstellen. Sein Spiel hat dabei etwas Schwereloses und zugleich betont Lyrisches.

Musik: Bach - WTK 2, Präludium Nr. 8

Bach aus dem Geiste der Empfindsamkeit? Versonnen, fast verträumt wirkt dieses dis-Moll-Präludium – ein Ansatz, der sich mehrfach bei Anderszewski findet. Dabei gelingt es ihm, die Melodielinien jederzeit sehr gesanglich zu führen, darin den Arien aus Bachs Kantaten verwandt.

Musik: Bach - WTK 2, Fuge 9

Er berührt und verstört

Es ist zugegeben schwierig, diese CD auf einen Nenner zu bringen. Piotr Anderszewski verfügt über glänzende Fähigkeiten, sowohl was die Technik als auch seine Ausdruckmöglichkeiten betrifft. Dass er diese Mittel so einzusetzen versteht, dass daraus sehr eindringliche Interpretationen entstehen, steht außer Frage und verleiht auch dieser Aufnahme ihren besonderen Reiz. Auch, dass Anderszewski immer wieder zu überraschenden, ungewöhnlichen Einsichten findet, spricht für diese Aufnahme. Dennoch bietet er Anlass zur Diskussion: Wie sanft, wie weich sollte Bach in einigen der hier dokumentierten Präludien und Fugen wirklich klingen? Auch bei mancher Tempo-Entscheidung ist kritisch zu fragen, ob der Pianist sich nicht zu nah an der Grenze des Manierierten bewegt. Eines zeigt dieses Album ganz sicher: Anderszewski bleibt sich treu. Er berührt und verstört – und macht es sich und dem Hörer nie leicht: Man staunt über seine gedankliche und pianistische Arbeit, die ebenso akribisch wie detailversessen ist. Ein Album, das Zuspruch und Widerspruch gleichermaßen auslöst…

Johann Sebastian Bach: Das Wohltemperierte Klavier II (Auswahl)
Piotr Anderszewski, Klavier
Warner Classics

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