Anspiel - Kinder-Klassik-CDsAuf in den Dialog!

Musikvermittlung ist ein Trend: Immer mehr Orchester entwickeln Mitmachprogramme und Konzerte für junge Zuhörerinnen und Zuhörer. Kinder sind schließlich auch das Klassik-Publikum von morgen. Auch auf dem CD- und Streaming-Markt werden Angebot und Vielfalt immer größer. Wohin geht die pädagogische Reise?

Von Hannah Schmidt | 03.03.2021

Auf einem Tisch liegen mehrere CD-Hartplastikhüllen übereinander. Die Cover zeigen bunte Motive mit Gesichtern von Männern und Cartoons.
Einige der Neuerscheinungen der Kinder-Klassik-CDs. (Deutschlandradio / Jonas Zerweck)
Musik: Kammerorchester Basel – Der Struwwelpeter (Claudio Mondeverdi – Prolog zu der Oper "L’Orfeo")
"Mozart für Kinder", "Beethoven auf der Spur" oder "Die Klassikentdecker" – in den Angeboten der großen Labels finden sich immer mehr Alben mit solchen Titeln. Im Jahr 2019 erreichten sogenannte "Kinderprodukte" auf dem deutschen Audiomarkt sogar ein Allzeithoch: Fast jeder zehnte Euro wurde mit ihnen eingenommen. Kinder werden auch für die Klassik zu einer immer wichtigeren Zielgruppe- nicht nur auf dem Plattenmarkt.
"Seit 2017/18 hat die Anzahl der Kinderangebote die Anzahl der Sinfoniekonzerte überschritten", sagt Lydia Grün, Professorin für Musikvermittlung an der Hochschule für Musik in Detmold. "Die Frage: Welche Aufgabe hat ein Orchester in meiner Stadt, wird anders beantwortet als vor 20 Jahren. Da geht es darum, eine engere Bindung an junges Publikum zu haben, und da ist Vermittlung der erste Punkt, der einem einfällt, und das ist auch die Originalaufgabe von Vermittlung. Aber auch im letzten Jahr haben sich alle Vermittlungsangebote die Frage gestellt, wie kann ich auf einem digitalen Weg einen Blick hinter die Kulissen werfen, um so das zu erklären oder erfahrbar zu machen, was klassische Musikkultur eigentlich ausmacht?"
Musik: Martin Stadtfeld – Kapitel 1: Sein Leben (Ludwig van Beethoven – Mondscheinsonate)

"Kinder wollen ernst genommen werden"

"Es ist ja oft so, wenn man eine normale Aufnahme macht, man Kinder damit nicht erreichen kann", sagt der Pianist Martin Stadtfeld. "Weil Kinder natürlich angesprochen werden wollen, sie wollen verbal angesprochen werden, sie wollen ernst genommen werden, erkannt werden und auf eine Art und Weise, die sie nachvollziehen können, angesprochen werden. Und das passiert auf einer normalen Musik-CD natürlich nicht."
Musik: Martin Stadtfeld – Was ist eine Sonate? (Ludwig van Beethoven – 1. Klaviersonate, I – Allegro)
In seinem Album "Beethoven für Kinder", das im vergangenen Jahr erschienen ist, spielt Martin Stadtfeld nicht einfach die 1. Klaviersonate oder einen Satz aus der Mondschein-Sonate. Stattdessen erklärt er im Dialog mit einer Zwölfjährigen verschiedene Aspekte, die mit der Musik zu tun haben: Wie Beethoven gelebt hat, was eine Sonate ist, woher die thematischen Ideen in den Diabelli-Variationen kommen.

Mit Partizipation die Kinder einbeziehen

"Bei Beethoven geht das auch wunderschön, weil man diesen sehr subjektiven Menschen, der sich so direkt in seiner Musik spiegelt, gut vermitteln kann. Er hat so einen Ausdruckswillen, und auch diese vertieften Welten, wo er sich wegträumt, das kann auch jedes Kind nachvollziehen. Da kann man wunderbar an die Erfahrungswelt von Kindern anknüpfen, jedes Kind kennt alles, was das Leben ausmacht."
Musik: Martin Stadtfeld – Kapitel 1: Sein Leben (Ludwig van Beethoven – Mondscheinsonate)
Die Einbeziehung von Kindern in solche Projekte, wie Martin Stadtfeld sie pflegt, beobachtet Lydia Grün seit einiger Zeit verstärkt: "Ein Trend, den wir in den letzten Jahren definitiv sehen, ist, dass man junges Publikum nicht dadurch bekommt, dass man es die ganze Zeit bespielt, sondern dass man überlegt, mit welchen partizipativen Momenten kann man Kinder und Jugendliche einbeziehen?"
Musik: Kammerorchester Basel – Der Struwwelpeter

Den ernsthaften Positionen der Kinder zuhören

Ein Quartett des Kammerorchesters Basel hat bei seiner Einspielung "Der Struwwelpeter – eine haarige Geschichte" aus diesem Jahr direkt mehrere Kinder mitmachen lassen. Die Musikerinnen und Musiker sprechen verschiedene Märchen und begleiten sie mit Musik. Manche der Texte singen sie auch, zum Beispiel "Die Geschichte vom Suppenkasper" auf bekannte Melodien wie Georg Friedrich Händels "Lascia ch’io pianga".
Musik: Kammerorchester Basel – Die Geschichte vom Suppenkasper (Melodie von Georg Friedrich Händel – Lascia ch’io pianga)
Das Ganze wird dann im Anschluss von Kindern kommentiert:
Musik: Kammerorchester Basel – Die Geschichte vom Suppenkasper
Ein klassischer Peer-to-Peer-Ansatz, wie Lydia Grün erklärt: "Das nutzt die Glaubwürdigkeit von Peers, von Kindern zu Kindern oder Jugendlichen zu Jugendlichen, um bestimmte Themen und Fragen zu erklären und ihre persönliche Sicht – sie haben ja ernsthafte Positionen zu vielen Themen, die wir viel zu wenig hören – einzubringen. Die Voraussetzung ist, dass wir uns von der traditionellen Anordnung von: Wir haben jemanden, der etwas beibringt, und jemanden, der etwas lernt – dass wir uns davon lösen."
Musik: Kammerorchester Basel – Der Struwwelpeter

Aber an wen richten sich die Produkte?

Viele der jüngst erschienenen Klassik-Alben für Kinder folgen genau diesem Ansatz. Doch welche Kinder erreicht man mit diesen Einspielungen überhaupt? Ist es tatsächlich ein "neues Publikum", das auf diese Weise gewonnen werden kann – oder bleiben die Künstlerinnen und Künstler, die Theater und Orchester nicht nach wie vor bei Familien, die ohnehin eine Affinität zu klassischer Musik haben?
"Ich kann nicht mit einem Produkt alle erreichen, sondern muss bestimmte Zugangsschwellen, zum Beispiel eine soziale Hürde sich mit klassischer Musik auseinanderzusetzen abbauen, mich fragen, wie kann ich diese Musik berührbar machen? Beispielsweise ein Peer-to-Peer-Ansatz in kleinen Formaten gedacht, ganz nah an den Jugendlichen, ist ein möglicher Ansatz von vielen. Aber die soziale Hürde aufzubrechen ist ein entscheidender Punkt, und alle über einen Kamm scheren geht da nicht."
Musik: Martin Stadtfeld – Kapitel 5 "Vor solchen Schweinen spiele ich nicht" (Ludwig van Beethoven – 1. Klaviersonate, IV – Prestissimo)
Letztendlich adressieren diese Alben zu allererst die Eltern, Großeltern, Verwandten und erwachsenen Freundinnen und Freunde der Kinder – denn sie sind diejenigen, die diese Produkte kaufen. Neben den Kindern müssen also auch ihre Lebensrealitäten mitgedacht werden, wenn sich die Klassik ein neues Publikum erschließen und für eine größere Öffentlichkeit relevant werden will.
Musik: Martin Stadtfeld – Kapitel 5: "Vor solchen Schweinen spiele ich nicht" (Ludwig van Beethoven – 1. Klaviersonate, IV – Prestissimo)