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StartseiteForschung aktuellWelche Küsten geschützt werden - und welche nicht21.05.2021

Anstieg des Meeresspiegels und MigrationWelche Küsten geschützt werden - und welche nicht

Wissenschaftler haben in einer Kosten-Nutzen-Analyse berechnet, welche Küstengebiete wegen des Anstiegs des Meeresspiegels geschützt werden könnten. Das sei auch eine Frage des Geldes, wie die Beispiele Bangladesch und Niederlande zeigten, sagte der Forscher Daniel Lincke im Dlf.

Daniel Lincke im Gespräch mit Monika Seynsche

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ROTTERDAM, SOUTH HOLLAND, THE NETHERLANDS - FEBRUARY 8, 2021: People walk on a beach by the North Sea near Hook of Holland after a snowstorm. Over the night of February 6, the country saw up to 30cm of snow with the temperature dropping from +4°C to the rare -3°C. This is the first snowstorm in the Netherlands since January 2010. Polina Nasedkina/TASS (picture alliance/dpa/TASS | Polina Nasedkina)
Sturm an der niederländischen Nordseeküste (picture alliance/dpa/TASS | Polina Nasedkina)
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Je wärmer es wird, und je mehr Gletscher schmelzen, desto stärker steigt der Meerespiegel an. Und das wird Menschen dazu bringen, ihre Heimat zu verlassen. Zwei Forscher vom Global Climate Forum in Berlin haben jetzt untersucht, wie sich Küstenschutzmaßnahmen auf diese Migration auswirken wird. Daniel Lincke vom Global Climate Forum sagte im Deutschlandfunk, "dass man von der globalen Küste ungefähr 3,5 Prozent hat, die unter allen Umständen in jedem Szenario geschützt werden durch Küstenschutzmaßnahmen". Denn auf diesem Gebiet leben demnach bisher 80 Prozent der globalen Küstenbevölkerung. Der Schutz sei natürlich eine Frage des Geldes. Ein Land wie Bangladesch brauche internationale Hilfe, um Küstenschutz vernünftig zu betreiben und zumindest die urbanisierten Teile des Landes anzupassen. Bei den anderen Küstengebieten lohne sich der Schutz weniger.


Monika Seynsche: über welchen Meeresspiegelanstieg reden wir denn, wenn wir uns das 21. Jahrhundert anschauen?

Daniel Lincke: Das ist eine gute Frage, das ist auch in der Wissenschaft noch relativ unklar, weil gerade diese großen Eisschilde, also Grönland und die Antarktis, noch nicht so gut verstanden sind, dass man da wirklich vorhersagen kann, mit welcher Geschwindigkeit die Masse verlieren und wie viel sie letztlich verlieren werden. Deshalb, wenn man so eine Studie macht, muss man diese Unsicherheit irgendwie berücksichtigen.

Ein Eisberg in Süd-West-Grönland im August 2014. (picture-alliance / dpa / Albert Nieboer)Das Eis in Grönland und in der Antarktis schmilzt immer schneller (picture-alliance / dpa / Albert Nieboer)Eis in der Arktis schmilzt immer schneller
Gigantische Eismassen werden in den nächsten Jahrzehnten abschmelzen und damit den Meeresspiegel anheben. Dabei könnte der Beitrag grönländischer Gletscher drei- bis viermal so hoch ausfallen wie angenommen, sagte Polarforscher Ingo Sasgen im Dlf. 

Deshalb haben wir für die Studie verschiedene Meeresspiegel-Anstiegsszenarien verwendet, die zwischen 30 Zentimeter und 180 Zentimeter Meeresspiegelanstieg im Jahr 2100 verglichen zum Jahr 2000 liegen. 30 Zentimeter heißt halt, dass der Meeresspiegelanstieg des 20. Jahrhundert sich praktisch fortsetzt, im 20. Jahrhundert hatte man global halt einen Mittelwert von 20 Zentimeter Meeresspiegelanstieg. Und 180 Zentimeter im Jahr 2100 ist halt ein Extremszenario, wenn wirklich die Eisschilde ziemlich rapide anfangen zu schmelzen.

Fünf Szenarien, wie hoch der Meeresspiegel ansteigt

Seynsche: Womit haben Sie denn diese Meeresspiegelanstiegsszenarien jetzt verknüpft in Ihrer Studie?

Lincke: Wenn man irgendwelche Auswirkungen auf die Bevölkerung in Küstengebieten analysieren will, dann muss man natürlich auf jeden Fall auch die Entwicklung der Bevölkerungszahlen irgendwie berücksichtigen – und das haben wir über sozioökonomische Szenarien gemacht. Die sagen uns zum einen, wie wird sich die Weltbevölkerung und damit die Bevölkerung in den Küstengebieten entwickeln, also wie stark wird die steigen oder wird die vielleicht irgendwann auch aufhören zu steigen. Da haben wir fünf verschiedene benutzt, das sind so fünf Standardszenarien, die in solchen Arbeiten benutzt werden.

Seynsche: Und was haben Sie dann gemacht? Sie haben diese beiden Szenarien miteinander verknüpft, was ist dabei herausgekommen?

Lincke: Wir haben diese Szenarien genommen und in ein globales Küstenmodell gesteckt. Das funktioniert ungefähr so, dass wir die globale Küstenlinie nehmen und diese in verschiedene Teile zerschneiden, in ungefähr 12.000 Teile und immer geschaut, ob sich Küstenschutz aus einer rein ökonomischen Perspektive lohnt oder nicht, und dann war unsere Annahme: Wenn es sich lohnt, also wenn der Küstenschutz weniger kostet als die Kosten, die sich ohne Küstenschutz ergeben würden, dann wird es auch gemacht.

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Und da haben wir herausgefunden, dass man auf dieser lokalen Ebene relativ eindeutige Ergebnisse bekommt, nämlich dass man von der globalen Küste ungefähr 3,5 Prozent hat, die unter allen Umständen in jedem Szenario geschützt werden durch Küstenschutzmaßnahmen. Auf der anderen Seite hat man 90 Prozent der Küste, die unter keinen Umständen geschützt wird, wo es sich auf gar keinen Fall lohnt. Und nun ist es so, dass diese 3,5 Prozent der Küste, die immer geschützt werden, die enthalten 80 Prozent der globalen Küstenbevölkerung. Und die 90 Prozent, die nie geschützt werden, die beherbergen nur vier Prozent der globalen Küstenbevölkerung. Das zeigt, dass die Bevölkerung, die Menschen, die an Küsten leben, an relativ wenigen Orten sehr konzentriert leben, und deshalb auch ein Großteil dieser Bevölkerung relativ leicht zu schützen ist, weil die Bevölkerung an der Küste eben so konzentriert ist.

Industrieländer und Entwicklungsländer

Seynsche: Lassen Sie uns einmal von den nackten Zahlen auf die Weltkarte schauen, wo liegen diese 3,5 Prozent, die geschützt werden müssten oder geschützt würden in jedem Szenario?

Lincke: Das betrifft hauptsächlich die an der Küste liegenden Millionenstädte. Da ist eigentlich nicht davon auszugehen, dass irgendeine von denen wirklich nennenswert aufgegeben wird, zumindest im 21. Jahrhundert nicht. Und ansonsten liegen mehr dieser Gebiete noch in Industrieländern als in Nicht-Industrieländern, weil Küstenschutz einfach auch Geld kostet und sich in Industrieländern eher lohnt als in Entwicklungsländern, weil einfach auch mehr Werte sozusagen dort geschützt werden.

Seynsche: Und Sie sagten, 90 Prozent der globalen Küstenlinien müssten im Prinzip aufgegeben werden. Was sind das für Gebiete?

Lincke: Ein Großteil dieser Gebiete sind einfach auch unbewohnt, das betrifft vor allem die Küsten im Norden, die nordrussische Küste oder die Küste von Kanada, die sind einfach mehr oder weniger komplett unbewohnt. Wir haben in unserem Modell auch Grönland mit drin, auch die grönländische Küste ist zum größten Teil nicht bewohnt. Wenn man das von der Länge her betrachtet, dann ist einfach sehr viel Küste nicht bewohnt.

Seynsche: Das heißt, große Teile Kanadas oder der kanadischen Küste, der russischen Küste würden dann aufgegeben werden, wohingegen die Megastädte geschützt würden. Aber bis zu welchem Meeresspiegelanstieg könnte man das überhaupt machen, zu sagen, wir schützen eine Stadt wie New York oder Schanghai?

Lincke: Ich glaube, da ist es wichtig zu sagen, dass das viel weiter getrieben werden kann, als sich viele Leute das vorstellen. Zum Beispiel in den Niederlanden liegen heute schon große Teile des Landes einfach unter dem Meeresspiegel, es gibt in Rotterdam Stellen, die liegen sechs bis sieben Meter unter dem Meeresspiegel, in einer Küstenstadt, und da leben trotzdem Leute. Technisch sind dem nicht so viele Grenzen gesetzt – zumindest im 21. Jahrhundert nicht. Wenn man dann langfristig über viele Jahrhunderte zehn Meter Meeresspiegelanstieg hätte oder so, dann ist unklar, wie das weitergeht. Aber so weit in die Zukunft zu schauen, ist sowieso ein bisschen schwierig.

"Es ist auf jeden Fall eine Frage des Geldes"

Seynsche: Das heißt, dieser Küstenschutz ist eine Frage des Geldes im Prinzip?

Lincke: Es ist auf jeden Fall eine Frage des Geldes. Die Niederlande zum Beispiel sind ein sehr reiches Land und können sich das einfach leisten, auch ihr Land komplett mit Deichen einzubauen und zu sichern. Bangladesch zum Beispiel ist vom geologischen Setting her gar nicht so unterschiedlich zu den Niederlanden, das sind beides Länder, die im Großen und Ganzen in einem Flussdelta liegen, mehr oder weniger das komplette Land.

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Zuletzt sah es so aus, als könnte Bangladesch mit Dämmen und Deichen Zyklonen und Überschwemmungen trotzen. Diese Hoffnung zerrinnt, seit der Klimawandel nicht nur das Land, sondern auch die Gesundheit bedroht. Doch Bangladesch lebt seit jeher mit dem Wasser. Vielleicht gelingt es auch diesmal, sich anzupassen.

Und bei Bangladesch ist das schon wesentlich schwieriger, weil einfach die Mittel nicht da sind und von Bangladesch wahrscheinlich nicht selbst aufgebracht werden können. So ein Land wie Bangladesch braucht dann auch internationale Hilfe, um Küstenschutz vernünftig zu betreiben und zumindest die urbanisierten Teile des Landes anzupassen.

Seynsche: Aber ist das nicht eine sehr zynische Weltsicht zu sagen, man schützt nur das, wo Geld ist und wo viele Leute leben?

Lincke: Ja, wir sagen in unserer Studie auch nicht, dass das jetzt unsere Handlungsempfehlung ist, dass man das unbedingt so machen sollte. Wir haben dieses Schützen mit einer Kosten-Nutzen-Analyse modelliert, weil man sagen kann, eine Kosten-Nutzen-Analyse spielt in fast jeder Entscheidung – nicht nur im Küstenschutz, sondern generell – irgendeine Form von Rolle. Wir sagen aber auch deutlich, dass das nicht die einzige Dimension von so einer Entscheidungsfindung sein kann, sondern dass auch soziale und kulturelle Faktoren mit einbezogen werden müssen. Es ist aber auch klar, dass bei einem erwarteten Meeresspiegelanstieg, vor allem wenn er höher ist als jetzt im 20. Jahrhundert, dass man da nicht alle Küstengebiete schützen können wird. Und da wird es auf jeden Fall Gebietsaufgaben geben, da wird es auch entsprechende Migration geben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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