Donnerstag, 19. Mai 2022

Maddalena Fingerle: „Muttersprache“
Ein Anti-Heimat-Roman

Bozen und Berlin - zwischen diesen beiden Städten pendelt der Debüt-Roman von Maddalena Fingerle, in dem es um die kulturelle und sprachliche Zerrissenheit eines jungen Mannes geht. „Muttersprache“ ist ein Anti-Heimat-Roman und eine gewaltige Sprach-Studie.

Von Dirk Fuhrig | 21.02.2022

Ein Portrait der Schriftstellerin Maddalena Fingerle und das Buchcover ihres Romans „Muttersprache“
Zwischen Bozen und Berlin - ein Anti-Heimat-Roman (Buchcover Folio Verlag / Autorenportrait © Julia Mayer)
„Wenn du die Wörter auseinander nimmst und die Buchstaben anschaust, dann sagen sie dir die Wahrheit.“
Paolo Prescher ist ein Sprach-Fanatiker. Er ist besessen vom Zeichensystem der Schrift.
„Die sauberen Wörter sind so: Du sagst etwas und du meinst das auch so, die Wörter sind wahr und sie sind klar, es gibt keine Assoziationen im Kopf, die sie kaputt machen, die sie fleckig machen, die sie dreckig machen.“
Sauber und schmutzig, ehrlich und gelogen - das sind die Kategorien, in denen der Heranwachsende die Welt wahrnimmt. Sie ist für ihn schwarz-weiß. Selbst in dem Wort „Mutter“ steckt für ihn dieser Gegensatz.
„Die Buchstaben, wenn du sie dir nur genau genug anschaust, sind ehrlich, und sie verraten dir die Geheimnisse. Mutter, madre, zum Beispiel. Em, a, de, er, e: MADRE. Em, e, er, de, a: MERDA. Scheiße. Merda, madre, merda, madre, merda, madre. Scheiße, Mutter.“

Sorgsam austarierte Sonderrechte für Minderheiten

Nicht schwer zu erraten: Paolo ist von seiner Mutter, die den ganzen Tag sinnlose Dinge vor sich hinplappert, genervt. Sein Vater hingegen ist verstummt, er leidet an einer Aphasie. Eine extreme Familie, von Maddalena Fingerle hart am Rande der Karikatur, aber äußerst amüsant gezeichnet.

Die Mitschüler halten Paolo Prescher wegen seines Sprach-Fanatismus für ziemlich verschroben; er ist ein Einzelgänger. Dabei besitzt der junge Mann ein besonders feines Gespür für die spannungsgeladene Atmosphäre in seiner Heimatregion, die vordergründig weltoffen erscheinen will, in Wahrheit aber die Abgrenzung zwischen Italienischsprachigen und Deutschsprachigen immer stärker zementiert.
„Das Gebäude meiner Mittelschule (…)  befindet sich im deutschen Teil der Stadt, aber es ist eine italienische Schule für Italiener. (…) Zuerst war es eine Schule für Deutsche, dann für Italiener und Deutsche, die nicht in die deutsche Schule gehen durften, weil es verboten war, und jetzt für Italiener.“
Die Autonome Region Südtirol hat aufgrund ihrer wechselvollen Geschichte sorgsam austarierte Sonderrechte für die Minderheiten. Paolo Prescher weigert sich, als er volljährig wird, die ominöse „Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung“ zu unterschreiben - ein linguistisches Bürokratie-Ungeheuer, mit dem ein angemessener Anteil der deutschsprachiger Südtiroler in der öffentlichen Verwaltung garantiert werden soll.
„Bozner interessieren sich nur für ihre Wurzeln und ihre eigene Region, und für die Streitereien, was Denkmäler und Straßennamen angeht, und sie haben Angst vor Mischkultur und davor, ihre Wurzeln zu verlieren, die Identität, die Kultur..“

Flucht als kurzzeitige Linderung

Um dem aus seiner Sicht scheinheiligen Gewese um kulturelle Eigenständigkeit  gegenüber Italien und der Angst vor Überfremdung zu entgehen, macht sich Paolo auf nach Berlin. Erst weit weg von seiner Herkunftsregion findet der kulturell zerrissene junge Mann sein Gleichgewicht:
„Wenn ich Deutsch spreche, bin ich entspannter, und auch meine Stimme ist anders, fast wie die Stimme einer anderen Person: männlicher, erwachsener, sie ist viel tiefer als die Stimme damals, als ich Italienisch gesprochen habe, und sie gefällt mir, meine neue, tiefere Stimme, männlich und erwachsen und deutsch.“
Die vermeintliche Freiheit durch eine neue, „erwachsene“ Sprache ist letztlich natürlich auch eine Illusion - die Flucht aus der Bergwelt in die Großstadt verschafft dem an seiner Herkunft leidenden jungen Mann nur kurzzeitig Linderung; schließlich zieht es ihn wieder in seine Heimat zurück. Der ganz große Ausbruch findet nicht statt.

„Muttersprache“ verbindet die Struktur eines klassischen Entwicklungsromans mit vielschichtigen Reflexionen über die Bedeutung von Mehrsprachigkeit; kulturelle Vielfalt einerseits und (identitäts-)politische Instrumentalisierung von Heimat und Sprache andererseits. Der komplexe, mit zahlreichen literarischen Anspielungen versehene Text, den Maria E. Brunner sehr geschmeidig und pointiert übersetzt hat, schafft es, die gesellschaftliche Stimmung in der Bergregion Südtirol-Alto Adige äußerst eingängig zu evozieren. Ein feinsinniger Anti-Heimat-Roman einer vielversprechenden jungen Schriftstellerin.
Maddalena Fingerle: „Muttersprache“
Aus dem Italienischen von Maria E. Brunner
Folio-Verlag, Wien 2022, 191 Seiten, 22 Euro.