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StartseiteCorsoWut, Trauer und Auflehnung 05.12.2014

Antigone of SyriaWut, Trauer und Auflehnung

Die antiken griechischen Dramen stehen weltweit immer wieder auf dem Spielplan der Theater. Im Libanon haben Syrerinnen, die vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen sind, "Antigone" von Sophokles neu interpretiert. Das Stück wirft Fragen auf, die immer aktuell sind: Wann ist ein Auflehnen gegen Autoritäten gerechtfertigt?

Von Constanze Bayer

Weiterführende Information

My sweet Raskolnikow, Antigone in New York und Lech Walesa
(Deutschlandradio Kultur, Literatur, 12.02.2013)

20 Diktaturopfer spielen die Antigone
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 29.01.2012)

Antigone - West of Sorrow
(Deutschlandradio Kultur, Klangkunst, 30.04.2010)

Der Chor beklagt Antigones Schicksal. Fünfzehn Frauen sprechen den Text, dabei sitzen sie in einem kleinen Yogastudio, direkt an der hippen Hamra-Straße in Beirut.

Die Frauen proben für ihr Stück: "Antigone of Syria". Das griechische Drama ist hier nur Rahmenhandlung. Die Hauptrolle spielen wortwörtlich die Frauen selbst. Sie alle sind vor dem Bürgerkrieg aus Syrien geflohen. Ihre Geschichten von Auflehnung, Unterdrückung und Trauer stehen im Mittelpunkt des Stücks.

Immer wieder laufen einigen Tränen über die Wangen, obwohl sie die Geschichten der anderen im Laufe von acht Wochen Proben schon oft gehört haben.

Jede hat mit ihren Erfahrungen zum endgültigen Text beigetragen. Die 35-jährige Rim etwa erzählt von dem Haus, das sie und ihre Familie in Damaskus verlassen mussten. Das Gefühl, machtlos zu sein, erkennt sie auch in dem Stück über Antigone, die ebenfalls Ungerechtigkeit erlebt. Die Theaterarbeit bedeutet ihr viel.

"Weil es an den grundlegenden Dingen mangelt, tragen wir eine große Last. Die Zeit hier ist die einzige, in der wir dem Ganzen entkommen, einen Teil des Leidens ausdrücken können. Ich hab ein bisschen Angst vor dem Ende des Projekts, weil wir dann keine Möglichkeit mehr haben, die dunklen Gedanken rauszulassen."

Seit ihrer Flucht in den Libanon leben die Frauen unter schwierigen Bedingungen in Camps. Viele haben Anfeindungen von Libanesen erlebt, die ihr Land mit der Masse an Flüchtlingen überfordert sehen. Das Theaterstück ist auch ein Versuch, diesen Umständen zu entkommen.

Das Projekt wird von der Nichtregierungsorganisation Aperta geleitet. Mit Unterstützung von Sponsoren wird "Antigone of Syria" vom 10. bis 12. Dezember in einem Beiruter Theater aufgeführt.

Mit auf der Bühne steht auch Fadwa, mit 58 Jahren die älteste. Ihre Flucht aus Homs hat sie über Damaskus nach Beirut geführt. Jetzt spielt sie König Kreon, der die Bestattung von Antigones Bruder verbietet. Diese Rolle wollte sie unbedingt. Denn sowohl sie, als auch die Figur, mussten schwere Entscheidungen treffen: Um für ihre Enkel zu sorgen, hat sie mit einigen Familienmitgliedern gebrochen - um das Wohl der Kinder willen, wie sie sagt.

Nun sitzt sie in schwarzer Kleidung, mit dunklem Kopftuch im Stuhlkreis und übt konzentriert, diese Gedanken in ihrer Rolle als Kreon auszudrücken.

"Mein Leben drehte sich in den letzten 40 Jahren um Kindererziehung und den Haushalt. Mein ganzes Leben war dem gewidmet. Hier habe ich jetzt einen Ort gefunden, an dem ich wieder zu mir kommen konnte, zu der jungen Fadwa. Einer, die es liebt zu sprechen, zu schreiben."

Die Frauen stammen aus unterschiedlichen Regionen in Syrien. Die ersten Treffen waren schwierig, erzählt der Dramaturg des Stücks, Mohammed Al Attar. Unter den Frauen sind sowohl Befürworterinnen als auch Gegnerinnen des syrischen Machthabers Baschar al Assad.  Alle interpretieren den Stoff anders.

"Alle sind gegen Kreon und was er tut. Aber längst nicht alle identifizieren ihn mit dem Tyrann in unserem Land. Manche sehen in ihm einfach eine dominante männliche Figur. Das ist wichtig, Kreon könnte auch in der eigenen Familie sein."

Die Frauen hoffen, dass viele Libanesen sich das Stück anschauen und ihre Haltung gegenüber Flüchtlingen überdenken. Aber nicht zuletzt wollen die Frauen auch sich selbst beweisen, dass sie - trotz der Umstände - etwas Positives für die Gemeinschaft beitragen können. 

Wer sich das Stück anschauen möchte, aber selbst gerade nicht in Beirut ist: Die Aufführungen werden gefilmt und nach Ende der Produktion online gestellt. http://www.apertaproductions.org/

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