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StartseiteTag für TagAlttestamentlich contra alttestamentarisch14.05.2018

AntijudaismusAlttestamentlich contra alttestamentarisch

In Medien, Politik und Wissenschaft wird oft unreflektiert der Begriff "alttestamentarisch" gebraucht, wenn das Alte Testament gemeint ist. Dabei plädieren Theologen schon lange dafür, stattdessen "alttestamentlich" zu verwenden - denn "alttestamentarisch" transportiere antijüdische Vorurteile.

Von Christian Röther

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Ein Stich von Gustave Doré zeigt, wie Moses mit den Zehn Geboten vom Berg Sinai herabsteigt  (imago stock&people)
Moses steigt mit den Zehn Geboten vom Berge Sinai hinab - eine alttestamentliche Szene (imago stock&people)
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Wenn etwas in einem islamischen oder christlichen Offenbarungstext steht, dann ist das ein islamischer oder christlicher Text. Wenn etwas im Alten Testament steht, dann ist das ein alttestamentlicher Text. Aber viele Menschen machen daraus "alttestamentarisch". Würden aber niemals von "christarischen" oder "islamarischen" Texten sprechen. Die Reaktion auf Kritik ist dann oft die: Testamentlich/testamentarisch - das klingt doch fast gleich. Dem widerspricht Hermann Spieckermann:

"Ja, es macht einen sehr großen Unterschied. Für den Alttestamentler ist es immer so, dass er zusammenzuckt, wenn er 'alttestamentarisch' hört."

Hermann Spieckermann ist an der Universität Göttingen Professor für Altes Testament.

"Der Hintergrund ist der, dass 'testamentarisch' - diese Form der Adjektivbildung - aus dem Lateinischen kommt. Im klassischen Lateinischen ist 'testamentum' der 'letzte Wille'. Das ist juristischer Sprachgebrauch und damit haben wir im Alten Testament nun eben gar nicht zu tun. Hier geht es nicht um einen letzten Willen - also einen Gott, der dann kurz darauf sterben würde oder so etwas. Sondern das ist ein lebendiger Gott. Und deswegen legen wir sehr Wert darauf, dass man hier unterscheidet."

"Das ist ein Begriff, der immer einen Beiklang hat"

"Wenn ich einen negativen Beiklang haben will, und sagen will: Das ist ganz archaisch, ganz alt und überholt und damit ist was ganz Negatives verbunden - dann verwende ich das Wort 'alttestamentarisch'."

Auch Andreas Mertin ist evangelischer Theologe, außerdem Publizist und - man könnte sagen so eine Art Aktivist gegen den Begriff "alttestamentarisch".

"Es gibt keine Unschuld in der Verwendung dieses Begriffes, sondern das ist ein Begriff, der immer einen Beiklang hat."

Deshalb weist Andreas Mertin seit Jahren auf die Problematik hin. Er änderte auch regelmäßig Artikel im Internet-Lexikon Wikipedia, wenn mal wieder jemand "alttestamentarisch" geschrieben hat.

"Vor einigen Jahren ging das dann so weit, dass einige Wikipedianer meinten, sie müssten mich ausschließen aus der Wikipedia, weil sie fanden, das sei 'a man on a mission', also das sei sozusagen zu viel des Guten. Man dürfe sozusagen nicht zu viel Sprachkorrektur betreiben."

Der Duden kennt zwar beides, "alttestamentlich" und "alttestamentarisch", sagt aber auch, dass "alttestamentarisch" oft abwertend gebraucht werde. Trotzdem findet sich der Begriff immer wieder in praktisch allen deutschen Medien. Frankfurter Allgemeine, Süddeutsche, Bild, Zeit, Spiegel, taz, öffentlich-rechtliche Sender - so gut wie alle schreiben oder sprechen von "alttestamentarischen Schriftrollen", "alttestamentarischen Richtern" oder - immer wieder gern genommen - von "alttestamentarischem Zorn".

"Bei 'alttestamentarisch' zucke ich zusammen"

"Es ist immer da, wo Leute von Theologie nicht so viel wissen oder auch eine Ferne überhaupt gegenüber christlichen Realitäten oder auch jüdischen Realitäten haben."

Sagt der Alttestamentler Hermann Spieckermann. Auch in Politik und Wissenschaft wird "alttestamentarisch" gebraucht. Und ja, auch hier im Deutschlandfunk. Ab und zu erreichen den Hörerservice dann Rückmeldungen wie diese:

"Seit Jahren bin ich begeisterte Hörerin Ihres Programms. Es gibt nur einen Punkt, an dem ich als Pastorin jedes Mal zusammenzucke: das Wort "alttestamentarisch". In der Bibelwissenschaft ist dieses Wort ein Beleg für antijudaistische Vorurteile gegenüber dem ersten Teil der Bibel."

Der Theologe Hermann Spieckermann an seinem Schreibtisch (Deutschlandradio / Christian Röther)Dem Theologen Hermann Spieckermann stellen sich beim Begriff "alttestamentarisch" die Nackenhaare auf (Deutschlandradio / Christian Röther)

"Ja, in der Tat, so ist es. Also die Leute, die sich ein bisschen auskennen, zum Beispiel Theologinnen und Theologen, wenn die 'alttestamentarisch' nennen, meinen sie es meistens ziemlich böse."

"Ohne Altes Testament ist Neues Testament nicht verständlich"

Für Hermann Spieckermann impliziert die Verwendung von "alttestamentarisch" wegen der juristischen Konnotation des Begriffs:

"Der Gott des Alten Testaments ist Gott des Zorns und der Rache. Und der Gott des Neuen Testaments ist der Gott der Liebe. Da muss ich als Alttestamentler sagen - das ist jetzt ziemlich egal, ob ich ein Jude oder ein Christ wäre: Damit fängt man dieses Alte Testament überhaupt nicht ein. Der neutestamentliche Gott ist mindestens so zornig wie der alttestamentliche Gott. Und der alttestamentliche Gott ist mindestens so liebevoll wie der neutestamentliche. Und zugleich ist das Neue Testament ohne das Alte Testament amputiert. Es ist nicht verständlich."

"Alttestamentarisch" findet sich im deutschen Sprachgebrauch etwa seit 250 Jahren, also seit der Zeit der Aufklärung. Das hat Andreas Mertin recherchiert. Anfangs sei der Begriff noch neutral oder sogar mit positiver Absicht gebraucht worden, aber:

"Die Antisemiten dann um 1810, die haben alles versucht, um dann das Wort 'alttestamentarisch' nicht mehr als fortschrittlichen Akt, sondern als negativen Akt zu nehmen und haben dann immer negativ dieses Wort besetzt. Und das ist dann im Nationalsozialismus zur Standard-Redeform geworden. Also Hitler oder Goebbels haben nie anders als von 'alttestamentarisch' gesprochen."

In einer Reichstagsrede warf Hitler Juden und Judentum eine "alttestamentarische Rachsucht" vor. Bereits einige Jahrzehnte zuvor hat der Begriff gewissermaßen Eingang in den deutschen Bildungskanon gefunden, denn Thomas Mann schreibt in den "Buddenbrooks" …

"… von der rätselhaften, zweideutigen, eigensinnigen und eifersüchtigen Schrecklichkeit des alttestamentarischen Gottes."

"Niemand benutzt unschuldig das Wort 'alttestamentarisch'"

Christian Röther: "Jetzt will ich einmal versuchen, die Gegenposition einzunehmen und den Begriff zu verteidigen. Oder zu sagen: Wenn jemand ihn eben nicht in diesem Wissen benutzt - und das ist glaube ich allermeistens der Fall - könnte man dann nicht auch annehmen, der Begriff hat seine Bedeutung gewandelt, wie ja Begriffe ihre Bedeutung wandeln können?"

"Das könnte man schon annehmen. Und ich glaube, die meisten Menschen, die alttestamentarisch sagen, haben auch nicht diese negative Einstellung gegenüber dem Alten Testament. Aber sie haben schon ein Bild von dem Buch Altes Testament. Und diese Verbindung, dass der Gott des Alten Testaments eher dieser Gott des Zornes ist, demgegenüber der neutestamentliche Gott der Liebe, das ist sehr weitverbreitet und überhaupt nicht boshaft gemeint."

Sagt Hermann Spieckermann. Andreas Mertin formuliert es schärfer:

"Niemand benutzt unschuldig das Wort 'alttestamentarisch', sondern er versucht damit schon seine Meinung, seine Tendenz der Abwertung des Judentums mit einzubringen."

Ob nun bewusst gebraucht oder unreflektiert: Die Verwendung des Begriffs "alttestamentarisch" trägt dazu bei, dass antijüdische Vorurteile weiterleben. Der öffentliche Diskurs könnte hier einiges lernen vom theologischen Diskurs. Allerdings wird auch in kirchlichen Kontexten teils noch "alttestamentarisch" verwendet - meistens wohl auch hier aus Unwissenheit. Aber manchmal auch mit Absicht, sagt Hermann Spieckermann:

"Es gibt natürlich schon Theologen, die auch ein bisschen bewusst und boshaft 'alttestamentarisch' sagen. Genau natürlich aus dem Grunde, weil sie auch glauben, dass es keine Gleichwertigkeit zwischen dem Alten und dem Neuen Testament gibt. Das hat in der Theologiegeschichte eine ganz lange und ungute Tradition. Die geht fast bis in das zweite Jahrhundert nach Christus zurück. Und ich hatte immer gedacht, dass dies nach dem Ende des Nationalsozialismus auch kein Thema mehr in der Theologie sein könnte. Da habe ich mich aber getäuscht."

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