Samstag, 24. September 2022

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Antisemitismus-Debatte
"Über Mbembes Thesen muss man reden"

Im Streit um den Historiker Achille Mbembe, dem Kritiker antisemitische Positionen vorwerfen, haben sich 700 afrikanische Intellektuelle zu Wort gemeldet. In einem offenen Brief fordern sie die "uneingeschränkte Verurteilung der falschen und grotesken Anschuldigungen" gegen den Wissenschaftler.

Sonja Zekri im Gespräch mit Anja Reinhardt | 18.05.2020

Achille Mbembe spricht am 25.05.2017 in Hamburg im Thalia Theater.
Umstrittene Thesen: der afrikanische Historiker und Politologe Achille Mbembe (Picture Alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)
Im Kern geht es dabei um die Frage, ob der Holocaust – der Völkermord an den Juden in der Zeit des Nationalsozialismus – mit anderen Verbrechen verglichen werden darf. Und: Ist Mbembe ein Antisemit, wenn er Israels Besatzungspolitik mit dem rassistischen Apartheids-Regime in Südafrika gleichsetzt? Die Einladung an Mbembe, als Redner das – inzwischen abgesagte – Kulturfestival "Ruhrtriennale" zu eröffnen, führte deshalb zu Protesten aus der Politik – und zur Forderung, ihn wieder auszuladen. Diese Position unterstützte unter anderem der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein.
Achille Mbembe, 1957 in Kamerun geboren und zurzeit in Johannesburg lehrend, gilt als einer der wichtigsten Theoretiker des Postkolonialismus. Im August hätte er als Redner das inzwischen wegen der Coronakrise abgesagte Kunstfestival "Ruhrtriennale 2020" eröffnen sollen. Gegen diese Einladung hatte unter anderem der Antisemitimus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, protestiert. Er warf Mbembe gegenüber verschiedenen Medien eine Relativierung des Holocaust vor. Außerdem habe Mbembe in seinen wissenschaftlichen Schriften den Staat Israel mit dem Apartheidsystem in Südafrika gleichgesetzt, was "einem bekannten antisemitischen Muster" entspreche. Andere Kritiker warfen dem Wissenschaftler vor, zum Beispiel durch das Unterzeichnen einer Petition die von Kritikern als antisemitisch angesehene BDS-Bewegung zu unterstützen, die zu "Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen" gegen den Staat aufruft. In einem Beitrag für die Wochenzeitung "Die Zeit" bestritt Mbembe diese Vorwürfe ebenso. In einem E-Mail-Wechsel mit Deutschlandfunk Kultur bekräftigte er auch noch einmal, dass er das Existenzrecht Israels nie infrage gestellt, keine Verbindung zum BDS habe und keiner Interessengruppe oder Organisation angehöre.
Nun haben sich knapp 700 Intellektuelle, Künstlerinnen, Schriftsteller aus Afrika an Bundeskanzlerin Merkel und Bundespräsident Steinmeier gewandt, um Mbembe zu verteidigen und Kleins Rücktritt zu fordern.
Nicht zum Schweigen bringen
"Über seine Thesen muss man reden", sagte im Deutschlandfunk Sonja Zekri, Kulturredakteurin der Süddeutschen Zeitung in München. Sie hatte gerade Gelegenheit, mit Achille Mbembe zu sprechen. Für die Journalistin ist dessen These in Bezug auf die Shoa zentral: Deutsche Schuld sei nicht seine Schuld. Für die daraus abgeleitete These, ein Afrikaner könne bei der Bewertung historischer Ereignisse andere Kriterien als ein Deutscher haben, finde Mbembe große Unterstützung.
Darum geht es bei Streit um Achille Mbembe Der kamerunische Historiker Achille Mbembe steht im Zentrum einer aufgeregten Debatte. Sie dreht sich um die gegen ihn gerichteten Vorwürfe des Antisemitismus und der Relativierung des Holocaust. Außerdem soll Mbmebe das Existenzrecht des Staates Israel infrage stellen. Wer erhebt diese Vorwürfe, aus welchen Gründen? Ein Überblick.
Sie sorge sich darum, so Zekri in "Kultur heute", dass diese prominente Stimme Afrikas durch Ausladungen zum Schweigen gebracht werden könne. Damit würde die Auseinandersetzung mit deutscher Kolonialgeschichte an Gewicht verlieren oder gar nicht mehr gehört werden. Die Gefahr besteht Zekris Einschätzung nach aber nur für die Debatte innerhalb Deutschlands. Global gesehen sei das Interesse an dem kamerunischen Historiker, der in Südafrika lehrt, gestiegen.