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StartseiteInterview"In der französischen Gesellschaft stimmt etwas nicht mehr"20.02.2019

Antisemitismus"In der französischen Gesellschaft stimmt etwas nicht mehr"

Der Antisemitismus in Frankreich hat nach Ansicht des Literaturwissenschaftlers Jürgen Ritte von der Universität Sorbonne eine beängstigende Qualität erreicht. Er sei ein Symptom für andere gesellschaftliche Missstände, sagte er im Dlf. Das Problem müsse dringend in den Schulen thematisiert werden.

Jürgen Ritte im Gespräch mit Jörg Münchenberg

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Frankreichs Präsident Emmanuel Macron beim Besuch eines jüdischen Friedhofs in Quatzenheim im Elsass, auf dem Grabsteine mit Hakenkreuzen beschmiert worden waren  (AFP/ Frederick Florin)
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron beim Besuch eines jüdischen Friedhofs in Quatzenheim im Elsass, auf dem Grabsteine mit Hakenkreuzen beschmiert worden waren (AFP/ Frederick Florin)
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Jörg Münchenberg: Zehntausende haben gestern in den Straßen von Paris gegen Antisemitismus demonstriert und damit gegen ein seit Jahren wachsendes Problem ein Zeichen setzen wollen. Allein im letzten Jahr wurden 541 antisemitische Übergriffe angezeigt, ein Anstieg von 74 Prozent gegenüber 2017. Das Porträt der Nationalheldin Simone Weil wurde erst jüngst mit einem Hakenkreuz beschmiert, gelbe Sterne an öffentliche Plätze gemalt. Der Antisemitismus breite sich aus wie ein Gift, meinte erst kürzlich der französische Innenminister Christophe Castaner. – Am Telefon ist nun der Literaturprofessor Jürgen Ritte von der Pariser Universität Sorbonne. Herr Ritter, einen schönen guten Morgen!

"Antisemitismus nährt sich aus den verschiedenen Quellen"

Jürgen Ritte: Guten Morgen, Herr Münchenberg.

Münchenberg: Herr Ritte, war das gestern das überfällige Ausrufezeichen, das da mit den Demonstrationen in ganz Frankreich gesetzt worden ist?

Ritte: Ein überfälliges Ausrufezeichen war es, aber es ist eines von den vielen, die im Laufe der letzten Jahre, im Laufe der letzten 20 Jahre gesetzt worden sind. Der Antisemitismus lodert in Frankreich regelmäßig auf und er nährt sich aus den verschiedenen Quellen. Da gibt es jetzt im Moment einen Zusammenfluss dieser verschiedenen Quellen. Das ist die neue, das ist die besonders beängstigende Qualität, die wir jetzt haben. Das ist der islamistische Antisemitismus, auf dessen Konto zehn Todesfälle gehen seit 2011, aber da ist auch der rechtsradikale Antisemitismus, der nicht mehr nur verbal ist, sondern der auch zur Tat schreitet. Wir wissen nicht, wer gestern, in der Nacht von Montag auf Dienstag, die 96 jüdischen Gräber bei Straßburg mit Hakenkreuzen beschmiert hat, aber das können rechtsradikale Antisemiten gewesen sein, wie sie es auch schon 1990 waren in Carpentras und dann auch immer wieder. Und es ist ein Antisemitismus, der angekommen ist mitten in der Bewegung der Gelbwesten. Da haben wir ein ganz großes Problem.

Münchenberg: Darüber reden wir gleich noch mal. Noch mal grundsätzlich die Frage: Es ist ja die Rede von 20.000 Demonstranten gestern. Die Zahl klingt jetzt eigentlich nicht übermäßig viel.

Ritte: Das ist auch nicht sehr viel. Einige haben das auch schon bemerkt und gesagt, 2015 bei den Attentaten auf Charlie Hebdo waren es deutlich mehr. Aber nun muss man bedenken, dass es ein Dienstag war, ein Dienstagnachmittag. Dienstagabend um 19 Uhr, da arbeiten viele Franzosen noch. Das war gestern der symbolische Akt, muss man sagen, der vereinten politischen Kaste, Regierungsmitglieder. Alte Präsidenten wie Sarkozy und Francois Hollande waren zugegen. Das war, glaube ich, der entscheidende Punkt gestern. Selbst Jean-Luc Mélenchon, der nicht immer eine sehr glückliche Figur macht bei der Positionierung gegen antisemitische Akte, war präsent – nicht in Paris, aber er hat an der Demonstration in Marseille teilgenommen.

"Es gibt keinen Zusammenhalt mehr"

Münchenberg: Der französische Präsident Emmanuel Macron hat jetzt auch schärfere Gesetze gegen Antisemitismus angekündigt. Wird das helfen?

Ritte: Ich fürchte, nein, und das ist nun auch wieder sehr umstritten. Die Gesetze gegen den Antisemitismus gibt es in Frankreich. Antisemitische Äußerungen stehen unter Strafe, können strafverfolgt werden, werden verurteilt. Jetzt war der Ruf laut geworden, auch etwas gegen Antizionismus zu machen, und da wird es sehr kompliziert. Natürlich ist der Antizionismus inzwischen so etwas wie die Pappnase der Antisemiten geworden, die sehr genau wissen, dass sie nicht "dreckiger Jude" schreien dürfen, sondern sie schreien "dreckiger Zionist". Das haben sie Alain Finkielkraut ins Gesicht gerufen und sie wissen ganz genau, dass sie mit diesem Begriff vielleicht nicht unbedingt gerichtsnotorisch werden. Aber wie gesagt, es ist sehr schwierig, wenn man jetzt ein weiteres Gesetz erlassen will, das den Antizionismus unter Strafe stellt, auch wenn man ganz genau weiß, dass diejenigen, die sich als Antizionisten gebärden, Antisemiten sind. Es gibt da gar keinen Unterschied mehr. Aber wenn Sie mit Historikern reden, werden die Ihnen schon sagen, dass es da einen Unterschied gibt, und das macht die Sache sehr kompliziert.

Münchenberg: Herr Ritte, Sie haben das ja eben auch beschrieben. Das Problem Antisemitismus ist nicht neu in Frankreich, das gibt es seit Jahren. Und da stellt sich schon die Frage: Warum bekommt das die Regierung und die Politik letztlich nicht in den Griff?

Ritte: Wir haben ihn zuerst befeuert gehabt von Jean-Marie Le Pen, dem Vater der jetzigen Anführerin des Rassemblement National, wie die Partei inzwischen heißt, und da ist ein alter Bodensatz, ein antisemitischer Bodensatz, den es in Frankreich seit dem 19. Jahrhundert gibt, der wieder abflaut, der aber doch an den Rändern der Gesellschaft immer wieder unterhalten wird, und ich vermute, dass das in vielen Gesellschaften der Fall ist. Er hat Zuwachs bekommen durch den islamistischen Antisemitismus. Auch das muss man sehen. Und Umfragen haben jetzt auch ergeben, dass ein ganz erschreckendes Ausmaß von Franzosen noch immer an die jüdische Weltverschwörung glauben. 22 Prozent, jeder fünfte Franzose glaubt so etwas. Das sind diese ganzen Verschwörungstheorien, die im Moment allenthalben wieder aufflammen, und ich vermute, das ist auch ein Zeichen dafür, dass in der Tat an der französischen Gesellschaft irgendetwas nicht mehr stimmt. Es gibt keinen Zusammenhalt mehr, es gibt keinen Konsens mehr über das, was Frankreich ist und was französische Identität ist. Das haben wir seit einiger Zeit. Dieser Antisemitismus ist ein Symptom für etwas, das wir noch gar nicht genau bestimmt haben.

"Jetzt radikalisieren sich die Gelbwesten"

Münchenberg: Sie haben die Gelbwesten vorhin auch angesprochen. Auch da gab es antisemitische Ausfälle. Ist das eine neue Qualität, oder aber, das gibt es ja auch, diese Stimmen, die da sagen, da missbrauchen bestimmte Leute einfach die Plattform der Gelbwesten für ihre judenfeindlichen Botschaften?

Ritte: Ich fürchte, dass der Antisemitismus bei den Gelbwesten von Anfang an vorhanden war. Er ist angestachelt worden und ganz eindeutig angestachelt worden von Marine Le Pen im Wahlkampf gegen Emmanuel Macron, indem sie immer wieder das Argument vorgebracht hat, das ist der Bankier, der für Rothschild gearbeitet hat. Macron, Judenlümmel Macron, im Dienste des jüdischen Finanzkapitals und so weiter, das ist seitdem in der Welt und das haben viele Gelbwesten aufgenommen. Von dem haben viele Gelbwesten sich nicht distanziert. Gestern Abend hat man auch nicht sehr viele Gelbwesten auf der Place de la République gesehen und auch sonst nicht. Sie verschwinden. Sie hätten sich da einmal massiver zeigen können. Das wäre ein Zeichen gewesen.

Jetzt radikalisieren sich die Gelbwesten. Das heißt diejenigen, die noch übrig sind. Es werden ja immer weniger an den Samstagen. Unter denen ist der Antisemitismus meines Erachtens etwas wie gängige Münze. Dort kursiert auch, dass die Regierung die Attentate auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt vom vergangenen Dezember organisiert habe, um von den Gelbwesten abzulenken. Es ist sehr abstrus, aber leider ist in dieser Bewegung all das, was in der französischen Gesellschaft ohnehin an Unappetitlichem vorhanden ist, gleich doppelt vorhanden. Die gleiche Umfrage, die ich eben zitiert habe, geht auch davon aus, dass 50 Prozent der Gelbwesten davon ausgehen, dass es eine jüdische Selbstverschwörung gibt.

Münchenberg: Würden Sie auch sagen, diese Protestwelle driftet jetzt immer mehr nach rechts ab?

Ritte: Ja, wenn sie das nicht von vornherein schon war. Aber jetzt wird sie es in einer Weise, die deutlich radikaler ist.

"Es muss zum Thema in den Schulen werden"

Münchenberg: Der Philosoph Finkielkraut, der ja selbst jetzt Opfer von Pöbeleien am Wochenende geworden ist, hat die Linke auch seit Jahren davor gewarnt, dass sie den neuen Antisemitismus unterschätzt. Ist das auch ein spezifisches Problem gerade für die Linke in Frankreich?

Ritte: Ja, das ist ein spezifisches Problem für die extreme Linke in Frankreich, die sich immer hin- und hergerissen fühlt zwischen ihrem Engagement für Palästina und für die wirklichen Unterdrückten, wie die Linke sagt. Das wären die aus dem arabischen, nordafrikanisch-arabischen Raum stammenden Immigranten in Frankreich, die den Antisemitismus ja mit der Muttermilch eingesogen haben. Sie sind hin- und hergerissen zwischen diesen beiden Versuchen, einen Eiertanz zwischen diesem Engagement und dem anderen. So haben sie auch gestern nicht an der Versammlung auf der Place de la République teilgenommen, sondern etwas weiter im Norden von Paris, und dort gesagt, wir sind die wahren Antirassisten, und haben diese Demonstration dann gleich zu einer Demonstration gegen Rassismus, das heißt gegen Rassismus gegen Araber, gegen Rassismus gegen Juden und so weiter, also gegen den allgemeinen Rassismus umfunktioniert. Sie haben es darin versenkt im Grunde genommen. Sie sind nicht in der Lage, leider, was den Antisemitismus angeht, ein klares Wort zu sagen. Aber da spreche ich von der extremen Linken; das ist nicht die sozialistische Partei, das ist nicht die bürgerliche Linke.

Münchenberg: Noch eine letzte Frage. Sie haben vorhin gesagt, Sie haben jetzt keine große Hoffnung, was schärfere Gesetze gegen Antisemitismus angeht. Was wäre denn aus Ihrer Sicht ein erfolgreiches Mittel im Kampf gegen Antisemitismus?

Ritte: Da rätseln wir alle und wenn wir es hätten, wenn ich es wüsste, hätte ich wahrscheinlich schon einen großen Plan der Regierung vorgelegt. Das eine ist: Es muss zum Thema in den Schulen werden. Das ist es offenbar nicht genug, wenn man weiß, dass diejenigen, bei denen der Antisemitismus am stärksten vertreten ist, diejenigen sind, die sich fast nur noch aus dem Internet nähren, und dass es diejenigen sind, die die geringsten Schulabschlüsse haben. Man muss doch viel stärker, glaube ich, in die Schulen gehen, wie immer. Das ist das eine. Das ist die vorbeugende Maßnahme, versuchen, es wirklich klarzumachen, was das bedeutet, Antisemitismus. Und auf der anderen Seite die Gesetze, die existieren, deutlich schärfer und deutlich konsequenter anwenden und so etwas nicht zum Bagatellfall zu machen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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