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StartseiteInterview"Reserveantibiotika dürfen nicht in Tierhaltung verbrannt werden"16.01.2016

Anton Hofreiter"Reserveantibiotika dürfen nicht in Tierhaltung verbrannt werden"

Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter fordert, den Einsatz von Reserveantibiotika in der Tierhaltung deutlich zu reduzieren. Die Stoffe sollten nur bei Menschen angewendet werden, die von einem multiresistenten Keim befallen sind, sagte er im DLF. Durch die Verwendung in der Tierhaltung würden sie unwirksam gemacht.

Anton Hofreiter im Gespräch mit Mario Dobovisek

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter. (picture alliance / dpa / Sebastian Willnow)
Anton Hofreiter mahnt, es gebe ohnehin nur noch wenige Reserveantibiotika. (picture alliance / dpa / Sebastian Willnow)
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Reserveantibiotika sind in der Therapie von Menschen bedeutsam, wenn herkömmliche Antibiotika nicht mehr helfen. Sie sind das letzte Mittel gegen resistente Keime. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter erklärte: "Reserveantibiotika, die für Menschen lebenswichtig sind, dürfen nicht in der Tierhaltung verbrannt werden und unwirksam gemacht werden." Ohnehin gebe es nur noch wenige Reserveantibiotika.

Anders sieht es Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU). Er hat sich gegen ein Verbot von Reserveantibiotika in der Tierhaltung ausgesprochen. "Das Verbieten, das ist rechtlich und medizinisch nicht möglich", sagte er in der ARD. Schmidt kündigte aber an, ihren Einsatz in der Tierhaltung zu reduzieren. Demnach sollen sie nur noch eingesetzt werden, wenn es der Tierarzt für notwendig hält.


Das Interview in voller Länge:

Mario Dobovisek: Kulinarische Köstlichkeiten aus aller Welt: Die Grüne Woche in Berlin, Traditionsmesse oder, wie die Berliner Großschnauzen auch gern sagen, Fressmesse. Doch sie ist weit mehr als das, die Grüne Woche, sie ist auch Forum für Landwirtschaft, für Innovation in der Lebensmittelindustrie - und da sind wir auch schon beim Stichwort: Industrie, das steht für riesige Erntemaschinen und Pestizide oder Massentierhaltung und Antibiotika. Dagegen steht der kleine Biobauernhof mit weniger Ertrag und höheren Preisen. Gut gegen Böse, könnte man meinen, Klasse gegen Masse. Ein alter Kampf, inzwischen fast so traditionell wie die Grüne Woche selbst. Im Fokus: Der Tierschutz, die artgerechte Haltung. Hören wir, was Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt von der CSU gestern hier im Deutschlandfunk gesagt hat:

Christian Schmidt: Ich will, dass wir Trendsetter werden bei der Frage des Tierwohls. Ich will, dass auch die Verbraucherwünsche und -erwartungen aufgenommen werden, allerdings auch, dass es dann tatsächlich an der Ladenkasse zu einer Honorierung dessen kommt, was man mit mehr Platz, mehr Spiel beziehungsweise auch einer artgerechten Haltung bezeichnet. Wenn gleichzeitig Billigware aus anderen Ländern kommt, in denen andere Tierschutzstandards gelten, nicht die, die wir Stück für Stück nach oben bringen, gemeinsam mit den Landwirten und Erzeugern, sondern die halt einfach kommen, dann doch Abnehmer finden, dann ist das eine Form des Wettbewerbs über den Preis, und nicht über die Qualität. Und das wäre bedauerlich.

Dobovisek: So weit also der Bundeslandwirtschaftsminister. Und am Telefon begrüße ich Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag. Guten Morgen, Herr Hofreiter.

Anton Hofreiter: Guten Morgen!

"Der Tierschutz wird in Teilen an der Supermarktkasse entschieden"

Dobovisek: Trendsetter soll Deutschland also beim Tierwohl werden. Das wird kosten. Drei bis fünf Milliarden Euro, davon geht der wissenschaftliche Beirat im Landwirtschaftsministerium aus. Wird am Ende der Tierschutz an der Supermarktkasse entschieden?

Hofreiter: Der Tierschutz wird in Teilen an der Supermarktkasse entschieden, aber er kann natürlich auch nur an der Supermarktkasse entschieden werden, wenn die Konsumenten es wissen. Und die Menschen sagen ja, wenn entsprechend vernünftige Standards vorhanden wären und sie es wissen, würden sie entsprechend das kaufen. Aber im Moment gibt es nur zwei Möglichkeiten: Man kauft entweder Biofleisch, dann hat man einen guten Standard, oder man kauft konventionelles Fleisch, wo es ja auch Landwirte gibt, die mit ganz unterschiedlichen Standards arbeiten, aber das erfährt man nicht. Und der Bauernverband trägt da auch eher mit zum Gegenteil bei, und auch der Bundeslandwirtschaftsminister, weil nämlich immer gesagt wird, das konventionelle Fleisch hat die gleiche Qualität. Deswegen fordern wir eine klare Kennzeichnung, analog zur Kennzeichnung bei den Eiern.

Dobovisek: Wie könnte die aussehen?

Hofreiter: Die Kennzeichnung könnte so ähnlich ausschauen wie bei den Eiern. Bei den Eiern gab es ja die Kennzeichnung Null - das war ja auch noch nicht so richtig klar. Null bedeutete ökologisch, und drei bedeutete Käfighaltung, und zwei bedeutete wenigstens Bodenhaltung.

Dobovisek: Ist trotzdem ziemlich kryptisch, Herr Hofreiter, geht sicherlich auch einfacher.

Hofreiter: Ja, ziemlich kryptisch, aber trotzdem hat es bewirkt, dass die Leute keine Eier mehr gekauft haben, die aus Käfighaltung wären. Und deswegen, unser Vorschlag wäre eine klare Kennzeichnung, nämlich, dass man drauf schreibt von Öko- bis Massentierhaltung und Freilandhaltung und so weiter. Das muss man natürlich dann jeweils definieren. Aber selbst die kryptische Kennzeichnung, die es bei den Eiern gibt, hat doch bei den Verbrauchern viel bewirkt. Deshalb unser Vorschlag, eine klare, sagen wir mal vierstufige Kennzeichnung oder dreistufige Kennzeichnung für das Fleisch, und dann können die Menschen entscheiden.

"Es muss ja nicht im ersten Schritt sein, dass gleich alle bio kaufen"

Dobovisek: Ist das eine Frage der Politik oder der Industrie?

Hofreiter: Das ist eine Frage der Politik, nämlich diese Kennzeichnung muss auf Bundesebene entsprechend beschlossen, durchgesetzt werden und transparent gemacht werden.

Dobovisek: Schauen wir uns die Preise an. Manche wollen sich keine teuren Lebensmittel leisten, viele können es aber auch schlichtweg einfach nicht. Wie soll das dann in Zukunft funktionieren, dass alle den gleichen Standard haben können?

Hofreiter: Wie gesagt, bei den Eiern war es ja so, dass eben nicht alle den gleichen Standard hatten, sondern dass das entsprechend gekennzeichnet worden ist, und dann haben die Menschen mit ganz großer Mehrheit dafür entschieden, eben keine Käfigeier mehr zu kaufen, obwohl die Nicht-Käfigeier einen kleinen Tick teurer waren. Und es wäre ja schon ein großer Fortschritt, wenn wir im konventionellen Bereich wenigstens eine Kennzeichnung hätten, um bestimmte Mindeststandards. Und wenn man bei den Menschen fragt, dann hat man immer große Mehrheiten, zwischen 80 und 90 Prozent, die bereit wären, für das Einhalten von Mindesttierschutzstandards auch ein wenig mehr dafür zu bezahlen. Es muss ja nicht im ersten Schritt sein, dass gleich alle bio kaufen.

Dobovisek: Was meinen Sie mit "ein wenig mehr"?

Hofreiter: Man geht davon aus, dass die Preissteigerungen für etwas bessere Standards so im ein-, zweistelligen Centbereich liegen würden.

Dobovisek: Zweistelliger Prozentbereich ist ja schon eine ganze Menge. Da sprechen wir dann über zehn, vielleicht bis 20 Prozent.

Hofreiter: Wie gesagt, im ein- bis zweistelligen Centbereich, je nach Fleischsorte. Und es gibt Bereiche, wo es - ja, wie gesagt, wenige Cent. Aber das ist ja gar nicht der entscheidende Punkt. Der erste entscheidende Punkt wäre ja schon mal, dass die Leute es überhaupt entscheiden können, weil sie es wissen. Im Moment kannst du, wie gesagt, bio kaufen oder du kannst konventionell kaufen. Und bei konventionell gibt es keinen Unterschied zwischen einem normalen konventionellen kleinen Bauern oder mittelgroßen Bauern und einem Fleisch, dass aus einer Anlage vom Herrn Straathof kommt, der 10.000 Schweine im Stall hat.

"Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung und beim Menschen voneinander trennen"

Dobovisek: In der Massentierhaltung treten häufig Krankheiten auf, die unter anderem mit Antibiotika bekämpft werden. Es entstehen Resistenzen, und die herkömmlichen Mittel werden unwirksam. Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt will daher auch weiter sogenannte Reserveantibiotika bei Tieren einsetzen lassen. Kaum hatte er es gestern ausgesprochen, haben Sie laut aufgeschrien, Herr Hofreiter. Warum?

Hofreiter: Reserveantibiotika sind Antibiotika, die man normalerweise auch beim Menschen nicht einsetzt, sondern nur einsetzt, wenn ein Mensch befallen ist von einem multiresistenten Keim. Und deshalb dürfen wir die wenigen Reserveantibiotika, die wir noch haben, um Menschen zu retten, die von multiresistenten Keimen befallen sind, nicht dadurch unwirksam machen, dass wir sie in der Tierhaltung einsetzen. Wir müssen insgesamt in der Tierhaltung zu einer Antibiotikareduktionsstrategie kommen, und wir müssen den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung und beim Menschen voneinander trennen –

Dobovisek: Was wäre denn, Herr Hofreiter, die Alternative dazu? Dass die Tiere verenden und zuvor massenhaft weitere Tiere anstecken?

Hofreiter: Nein. Die Alternative dazu wäre, dass wir zu einer Reduktionsstrategie insgesamt kommen, und dass wir zu einer Trennung kommen in Antibiotika zwischen Mensch und Tier, und das bedeutet, dass zum Beispiel Reserveantibiotika, die für Menschen benutzt werden, in der Tierhaltung nicht mehr genutzt werden. Das heißt ja nicht, dass nicht im Bereich der Tierhaltung man auch das eine oder andere Antibiotikum zurückhält. Aber unsere Forderung ist, Reserveantibiotika, die für Menschen lebenswichtig sind, dürfen nicht in der Tierhaltung verbrannt werden und müssen unwirksam gemacht werden.

Dobovisek: Für eine Agrarwende gehen Sie heute auch in Berlin auf die Straße, Herr Hofreiter, bei einer großen Demonstration unter dem Motto "Wir haben es satt". Was wollen Sie denn wenden?

Hofreiter: Wir wollen bestimmte Trends wenden, und zwar eine ganze Reihe von Trends. Wir wollen dafür sorgen, dass die Landwirtschaftspolitik so ausgerichtet wird, dass die Pestizidmenge zurückgeht. Wir wollen dafür sorgen, dass die Landwirtschaftspolitik so ausgerichtet wird, dass nicht immer mehr Landwirte aufgeben müssen, nämlich trotz der hohen Subventionen – fünf bis sechs Milliarden Jahr für Jahr – nimmt die Anzahl der Landwirte ständig ab. Im Moment sind die Milchbauern in ganz großen Schwierigkeiten, weil der Preis total am Boden ist. Wir wollen dafür sorgen, dass die Landwirtschaft so umgestaltet wird, dass nicht eine ganze Reihe von Tier- und Pflanzenarten, die in der Agrarlandschaft zuhause sind, weiter vom Aussterben bedroht sind. Und dazu wollen wir, wie gesagt, die Subventionen anders verteilen, nämlich so verteilen, dass sie insbesondere für Tierschutz, für Naturschutz und für Landschaftsschutz genutzt werden –

"Nicht weiter in Richtung Megaställe gehen"

Dobovisek: Ich verstehe aber nur nicht genau, Herr Hofreiter, wen sie damit fördern wollen.

Hofreiter: Wen wir damit fördern wollen? Wir wollen entsprechend bestimmte Strukturen fördern in der Landwirtschaft oder bestimmte Landwirte fördern, die entsprechend höhere Tierschutzstandards einhalten, die entsprechend höhere Naturschutzstandards einhalten, die entsprechend höhere Landschaftsschutzstandards einhalten.

Dobovisek: Also auf Deutsch: die Kleinen.

Hofreiter: Da kann im Prinzip jeder mitmachen. Auch, wenn ein großer Landwirt sich dafür entscheidet, der sehr viel Fläche hat, dass er zum Beispiel sehr viele Blühstreifen einsetzt, dann kann er von der Forderung auch profitieren. Aber wir wollen nach und nach, schrittweise - natürlich, es darf zu keinen Strukturbrüchen kommen - dafür sorgen, dass die Strukturen in der Landwirtschaft nicht weiter in Richtung Megaställe und nicht weiter in Richtung, man nennt das so nett, Strukturwandel, gehen, sondern dass wir die in Teilen noch mittelständische Struktur in der Landwirtschaft erhalten.

Dobovisek: Muss es am Ende aber beides geben, die Großen und die Kleinen?

Hofreiter: Wie gesagt, das weniger Entscheidende ist in Teilen die Größe der Betriebe, sondern die Art und Weise, wie die Tiere gehalten werden, und die Art und Weise, wie das Land bewirtschaftet wird. Aber es ist natürlich oft deutlich einfacher, in kleineren Betrieben bestimmte Standards einzuhalten. Oder, ganz simpel gesagt, in einem Zehntausender Schweinestall haben Sie einfach Probleme, den Tierschutz durchzusetzen, weil nämlich der Stall langsam unübersichtlich ist und eine Größe angenommen hat, wo Sie sich um das einzelne Tier schlichtweg nicht mehr individuell kümmern können.

Dobovisek: Grünenfraktionschef Anton Hofreiter im Interview mit dem Deutschlandfunk um 7:25 Uhr. Ich danke Ihnen, Herr Hofreiter!

Hofreiter: Ich danke Ihnen! Schönen Tag noch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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