Dienstag, 31. Januar 2023

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Mussolini-Biografie
Ein Buch mit Risiken und Nebenwirkungen

Eine neue Form von historischer Didaktik, das hat Antonio Scurati bei seiner monumentalen Mussolini-Reihe im Sinn. Er will weg vom rituellen Antifaschismus, er will die Akteure aus ihrer Zeit heraus erlebbar machen. Die Idee ist gut, aber auch gefährlich.

Von Marco Bertolaso | 10.12.2021

Ein Portrait des Schriftsteller Antonio Scurati und das Buchcover seines Romans "M. Der Mann der Vorsehung"
Als das Jahr 1925 begann, wäre für Benito Mussolini fast alles zu Ende gegangen. Der Führer des Faschismus, gerade einmal 41 Jahre alt, war schwer krank und er gab auf mehr als eine Weise Blut von sich. Blut hatte er auch an den Händen. Das war zwar nichts Außergewöhnliches. Doch die Ermordung des sozialistischen Abgeordneten Giacomo Matteotti im Jahr zuvor hatte in Italien enorme Empörung ausgelöst und das Regime ernsthaft ins Wanken gebracht. Anfang Januar wählte Mussolini dann die Flucht nach vorn, übernahm öffentlich die Verantwortung für diesen Mord und erklärte: „Wenn der Faschismus eine Verbrecherbande gewesen ist, dann bin ich eben der Chef dieser Verbrecherbande.“ Damit kam er durch. Eine Umarmung von König Vittorio Emmanuele liefert die letzte Absolution:
„Benito Mussolini strahlt, wirkt beinahe ergriffen. Nun gibt es keine Sünden mehr, die er bereuen und büßen muss. Als er sich aus der Umarmung des italienischen Königs löst, ist Mussolini ein Sieger, der dem Triumph entgegensieht.“
Bis zum Herbst 1926 wird er auch noch eine Reihe von Anschlägen überleben. Mit der Zeit stellte sich in Italien, aber auch bei einem staunenden Ausland das Gefühl ein, Mussolini sei unantastbar und stehe unter dem Schutz höherer Mächte. Mehr kann sich ein Diktator kaum wünschen. 1929 gelingt ihm mit der Unterzeichnung der Lateranverträge ein weiterer Coup: der Ausgleich zwischen dem italienischen Staat und der Katholischen Kirche.
„Roms Glocken läuten Sturm. (…) Millionen Italiener, die katholisch geboren, nach christlicher Lehre erzogen, von gottesfürchtigen Müttern in herrlichen Kirchen auf der ganzen Halbinsel getauft wurden und das Andenken an ihr einfaches Leben wahren, zergehen vereint in Freudentränen. (…)Zwietracht, Demütigung, Unfriede haben ein Ende. Die Wunde ist verheilt“..
Nach der Einigung bekommt Mussolini den Segen des Papstes. Pius XI nennt den antiklerikalen Ex-Sozialisten und Faschistenführer „einen Mann, den die Vorsehung geschickt hat“.

Geschichte und Geschichten

Gut 90 Jahre später macht Antonio Scurati dieses päpstliche Wort zum Titel des zweiten Bands seiner Mussolini-Biografie, in dem es um die Jahre 1925 bis 1932 geht. Das Webmuster ist das gleiche wie bei Teil eins, dem Welterfolg „M. Der Sohn des Jahrhunderts“: In kurzen, tagebuchartigen, datierten Kapiteln verdichtet er rund um den Protagonisten Geschichte und Geschichten, Politisches und Privates.
Ja, auch andere Figuren bekommen ein Solo. Doch anders als noch im ersten Band tauchen dabei oppositionelle Akteure und Opfer des Faschismus kaum auf. Stattdessen geht es um die internen Auseinandersetzungen verschiedener Strömungen und Führungsfiguren des Regimes und wie nebenbei um die völlige Abschaffung des Parlamentarismus und die Besiegelung einer als ewig geplanten Diktatur.
Schauplätze sind neben Rom vor allem Mailand, die italienische „Hauptstadt der Bewegung“, und Libyen. Von dort, aus Nordafrika, werden die Giftgasangriffe der Kolonialtruppen geschildert und die Konzentrationslager, in denen Deportierte eingepfercht wurden und oft zu Tode kamen. Nach jedem der kurzen Kapitel finden sich zur Bekräftigung des Erzählten Ausschnitte aus historischen Dokumenten. Oft sind es Briefe, mal sind es Protokolle von Sitzungen und immer wieder auch Transkripte von bis in die höchsten Kreise der Macht abgehörten Telefonaten.

Antifaschismus im 21. Jahrhundert

Scurati sieht seine Mussolini-Serie als Beitrag zu einem neuen Antifaschismus, einem Antifaschismus im 21. Jahrhundert: Er will nicht a priori und ex cathedra verurteilen. Er will es einem jüngeren, nachgeborenen Publikum ermöglichen, in die Zeit Mussolinis einzutauchen und dabei sogar die Perspektive des Faschistenführers einzunehmen. Scuratis Hoffnung ist, dass seine Leserinnen und Leser am Ende so in einer Welt neuer populistischer Versuchungen zu einem eigenständigen, nicht aufgezwungenen, zu einem nachhaltigen „Nie wieder“ finden.
Dieser Ansatz ist ungewöhnlich und umstritten: Diskutieren wir nicht in den westlichen Gesellschaften darüber, die Opferperspektiven stärker zu betonen als die der Täter? Wollen wir nicht Namen und Leben extremer Gewalttäter wie des Mörders von Utøya und Oslo dem Vergessen anheimfallen lassen, damit es nicht zu Heldenkult oder gar Nachahmungstaten kommt?
Benito Mussolini ist nicht nur in Teilen Italiens noch heute Gegenstand von Heldenverehrung. Seine Methoden werden studiert und imitiert. Doch bei ihm, dem Miterfinder des Faschismus, dem Rollenmodell moderner Populisten und Diktatoren, einem Mann, der Europa über 20 Jahre mitgeprägt hat, bei ihm ist Totschweigen keine Option. Recht hat Scurati auch damit, dass der klassische Antifaschismus als Staatsräson spätestens mit dem Aussterben der Zeitzeugen etwas Rituelles und Tönernes hat und die Herzen mancher Menschen nicht mehr erreicht.
Das Kalkül der „Abschreckung durch Nähe“ ist im ersten Band gut aufgegangen. Schonungslos wird dort die brutale Gewalt der Faschisten auf dem Weg zur Macht nachgezeichnet. Wir lernen diejenigen kennen, die den Aufstieg des Diktators aus Eigennutz möglich machten. Wir beobachten Sozialisten und Liberale, wie sie die Freiheit verspielen. Dazu wird als Hintergrund ein Italien beschrieben, das durch den ersten Weltkrieg dezimiert wurde, das wirtschaftlich und seelisch schwerste Verletzungen davontrug.

Zuviel Nähe, zu wenig Schrecken

Ganz anders jedoch im neuen Buch, dem „Mann der Vorsehung“. Hier erleben wir einen Regierungschef, der hart arbeitet und Akten frisst, der die Infrastruktur des Landes voranbringt und Währungskrisen beendet. Wir erleben einen Mann, der Sinn für die Künste hat und sich immer wieder kamerabegleitet unter das Volk mischt:
„Im Sommer des Jahres 1927 ist der Duce überall und jeder. Im Juni ist er in (…) der Romagna, wo er gekleidet wie ein Bauernsoldat, am Steuer eines Fiat-Traktors in den Schützengraben der ‚Getreideschlacht‘ steigt. (…) Dann ist er in grauem Anzug in seinem Büro, wo er Bankdirektoren die Maßnahmen zur Senkung der Verbraucherpreise darlegt. (…) Dann steht er in Milizuniform zwischen den Truppensoldaten und kostet (…) von der Ration. Dann schwingt er auf dem Rücken eines Schimmels den Säbel, dann steigt er in Pilotenjacke aus einem Wasserflugzeug, dann schwimmt er, umringt von einer bewundernden Menge, in demselben Gewässer, das er im Film zuvor überflogen hat.“
Wir sehen im „Mann der Vorsehung“ einen Parteichef, der gegen gewalttätige Exzesse und Korruption seiner eigenen Leute in der Provinz vorgeht. Wir bekommen einen Führer präsentiert, der ein Egomane ist, aber eben auch fähiger als sein Umfeld.
Scuratis Prinzip antifaschistischer Didaktik ohne Belehrung funktioniert in diesem Fall nicht gut. Es menschelt zu sehr um Mussolini, der präsidial und halbgottartig über Partei, Staat und Volk schwebt. Es gibt zu viel Nähe und zu wenig Abschreckung. Der Hyperrealismus verdeckt mehr als er zeigt.
Antonio Scurati ist immer noch dabei, der Welt des 21. Jahrhunderts und insbesondere der italienischen Gesellschaft einen großen Dienst zu erweisen. Sicher wird die Fortschreibung der Mussolini-Saga wieder mehr kritischen Nährwert liefern, wenn es in den späteren Jahren um die rassistisch-antisemitische Wende des Faschismus, den brutalen kolonialistischen Überfall auf  Abessinien und den aufziehenden Zweiten Weltkrieg geht, wenn sich die Verhältnisse zwischen dem Duce und seinem Jünger, dem Führer des Nationalsozialismus umdrehen werden.
Daher bleiben Scuratis Mussolini-Bücher eine wichtige Lektüre. Wer nur Zeit für eines der beiden bisher erschienenen Bände hat, der möge sich allerdings auf jeden Fall für den ersten entscheiden.
Antonio Scurati: "M. Der Mann der Vorsehung"
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
Klett-Cotta, Stuttgart. 633 Seiten, 28 Euro.