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Antony Beevor"Arnheim"

Mit der Luftlandeoperation "Market Garden" wollten die Alliierten vor 75 Jahren in Richtung Deutsches Reich vorrücken. Doch der ambitionierte Plan endete in der Katastrophe, weil er schlecht war und ausgeführt wurde von Egoisten, kritisiert der britische Historiker Antony Beevor.

Von Melanie Longerich

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Hintergrundbild: Britischen Truppen in den Straßen von Arnhem, Niederlande, während des Zweiten Weltkriegs (April 1945) Vordergrundbild: Buchcover (AFP / PLANET NEWS)
Antony Beevor rekonstruiert die Operation Market Garden bis ins kleinste Detail (AFP / PLANET NEWS)

"Bald nach dem ersten Morgenlicht dieses Tages, an dem so viel geschehen sollte, starteten insgesamt 84 Mosquito-Jagdbomber, Boston- und Mitchell-Bomber der britischen 2nd Tactical Air Force, um deutsche Kasernen in Nimwegen, Kleve, Arnheim und Ede zu bombardieren."

Am 17. September 1944 starteten die Alliierten ihre riskante Operation – die zu ihrer schwersten Niederlage in Westeuropa während des Zweiten Weltkriegs führen sollte. "Market Garden" war der Deckname. Theoretisch ein guter Plan: Eine Luft-Boden-Operation mit dem Ziel, den deutschen Westwall zu umgehen und so den US-amerikanischen, kanadischen und britischen Truppen sowie einer polnischen Exilbrigade - insbesondere durch die Einnahme der Brücke von Arnheim - einen raschen Vorstoß ins Deutsche Reich, ins Ruhrgebiet, zu ermöglichen.

"Während die Maschinen der Alliierten ihren Zielen zustrebten, standen die amerikanischen und britischen Paratrooper für das Frühstück an. Bei den Amerikanern gab es Pfannkuchen mit Sirup, gebratenes Huhn mit den üblichen Beilagen und Apfelkuchen. Die britischen Paratrooper […] luden sich die Kochgeschirre mit geräuchertem Rotbarsch voll, ‚von dem ein beträchtlicher Teil wieder am Boden der Flugzeugkabinen landen sollte‘, wie ein Sergeant bemerkte."

Theoretisch gut – praktisch ein Desaster

Antony Beevor rekonstruiert die Operation bis ins kleinste Detail. Von den hastigen Planungen, über den Absprung der Fallschirmjäger bis hin zur Evakuierung der Übriggebliebenen acht Tage später. Die Operation Market Garden bestand aus zwei Teilen: Aus der Luftlandeoperation Market und der Operation Garden. In drei aufeinanderfolgenden Wellen sollten erst rund 40.000 Fallschirmjäger hinter den deutschen Linien abgesetzt werden, um die kriegswichtigen Brücken in und um Eindhoven, Nimwegen und eben Arnheim zu besetzen und zu sichern. Bodentruppen sollten ihnen umgehend folgen. Theoretisch gut, praktisch aber ein Desaster, kritisiert Antony Beevor:

"Die ganze Operation hing davon ab, dass alles ideal funktionierte. Es ist jedoch ein ungeschriebenes Gesetz der Kriegsführung, dass kein Plan den Kontakt mit dem Feind überlebt."

Und der Kontakt mit dem Feind kam deutlich heftiger als erwartet: Die alliierten Bodentruppen sollten in drei Tagen zu den Gelandeten aufschließen, 140 Kilometer mussten sie dafür zurücklegen. Doch es gab nur die eine schmale Straße durch die geflutete Polderlandschaft, auf der sie sich vorarbeiten konnten. "Hells Highway" wurde sie genannt. Ein leicht zu attackierendes Ziel. Beevor beschreibt, wie die britischen Fallschirmjäger – völlig auf sich gestellt - schließlich bei Arnheim von Panzerdivisionen der Waffen-SS eingekesselt wurden. Ein letzter Sieg für die Wehrmacht – bei dem rund 12.000 alliierte Soldaten starben, tausende weitere in Kriegsgefangenschaft gerieten. Ganz zu schweigen von dem großen Leid, das die niederländische Zivilbevölkerung erlebte. Denn die deutschen Besatzer übten nach der Operation Vergeltung durch gezieltes Aushungern. Bei seiner Buchvorstellung in Amsterdam erklärte Beevor:

"Die Operation Market Garden hätte nie durchgeführt werden dürfen. Die Fallschirmjäger wurden viel zu weit weg von den Brücken abgesetzt, so dass der ganze Überraschungseffekt schon verpufft war, bevor sie überhaupt gelandet waren. Außerdem hatten Feldmarschall Montgomery und der Kommandeur der 1. Alliierten Luftlandearmee, General ‚Boy‘ Browning, die Reaktionsstärke der Wehrmacht fatal unterschätzt."

Britische Fehlentscheidungen im Fokus

Vieles davon ist schon bekannt, die Operation gilt als gut aufgearbeitet. Und doch hat es Beevor gereizt, sie neu zu interpretieren. Bis heute wird die Schlacht um Arnheim in Großbritannien vor allem als haarscharfe und heldenhafte Niederlage verklärt. Die Grundlage für dieses Narrativ bietet die Erzählung des irischen Schriftstellers Cornelius Ryan "A bridge too far", die 1977 auch von Richard Attenborough mit viel Prominenz verfilmt wurde.

Ryan hatte sein Buch geschrieben, als die beteiligten Protagonisten noch lebten – für ihren heldenhaften Einsatz mit Orden hochdekoriert. Heute will Antony Beevor aufräumen mit alten Legenden und stellt stattdessen den Fokus auf die britischen Fehlentscheidungen und die unausgegorenen Alleingänge von Feldmarschall Bernard Montgomery, dem Oberkommandierenden der britisch-kanadischen 21st Army Group. Der habe mit der Operation vor allem sein Ego stärken wollen, als derjenige, der die Alliierten ins Herz des Deutschen Reiches führte:

"Montgomery zeigte nicht das geringste Interesse an den praktischen Problemen von Luftlandeoperationen. Er hatte sich nicht die Zeit genommen, die zumeist chaotischen Erfahrungen von Nordafrika, Sizilien und dem Absprung über der Halbinsel Cotentin in der Normandie zu studieren."

Wettstreit der Eitelkeiten

Zum mangelnden Interesse Montgomerys kam der planerische Dilettantismus seines Generals Frederick Browning. Der Kommandeur der 1. Alliierten Luftlandearmee war von Montgomery mit dem Truppentransport beauftragt worden. Beevor belegt dank seiner Funde in US-amerikanischen Archiven, wie dessen Pläne kurz vor Operationsstart von den beteiligten Offizieren in der Luft zerrissen wurden.

"Browning hätte eigentlich zu Montgomery gehen müssen, um ihn zu bitten, das Ganze nochmals zu überdenken – oder ganz abzubrechen."

Doch er tat es nicht. Auch hier, so Beevor, ging es vor allem um Eitelkeiten:

"Browning wollte unbedingt einen solchen Einsatz der alliierten Luftlandestreitkräfte kommandieren, bevor der Krieg zu Ende ging."

Mit "Arnheim" legt Beevor nach, wofür ihn seine Leser seit seinem Buch "Stalingrad" feiern: Er erzählt die Operation dicht und lebendig anhand einer schier unendlichen Fülle unterschiedlichster Quellen. Dabei wechselt er gekonnt die Perspektiven. Nicht nur die Befehlshaber beider Seiten kommen zu Wort, sondern auch niederländische Widerstandskämpfer, einfache Wehrmachtsoldaten, britische, amerikanische und polnische Fallschirmjäger und und und. Wer noch nicht drin ist im Thema, wird sich gelegentlich erschlagen fühlen, ob der großen Materialfülle, aus der Beevor - manchmal etwas atemlos schöpft. Kenner der Materie wird wohl gerade das beglücken.

Antony Beevor: "Arnheim. Der Kampf um die Brücken über den Rhein 1944",
aus dem Englischen von Helmut Ettinger, Verlag C. Bertelsmann, 544 Seiten, 28 Euro.

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