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StartseiteWirtschaft und GesellschaftHohe Lohndifferenz zwischen Ost und West03.08.2018

Arbeitnehmer-Verdienste in Deutschland Hohe Lohndifferenz zwischen Ost und West

Wieviel ein Arbeitnehmer im Job verdient, hängt stark von seinem Wohnort ab - so das Ergebnis einer Erhebung der Bundesagentur für Arbeit. Und auch fast 30 Jahre nach der Wende verläuft das Gefälle vor allem zwischen Ost und West.

Von Christiane Habermalz

Hand hält eine Lohntüte mit mehreren Geldscheinen (picture-alliance / Frank Hoermann/SVEN SIMON)
Ost- und westdeutsche Gehälter gehen weit auseinander (picture-alliance / Frank Hoermann/SVEN SIMON)
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Am wenigsten erhält ein Vollzeitbeschäftigter in Görlitz für seine Arbeit: Laut den neuesten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit liegt das mittlere Lohnniveau in der Stadt an der polnischen Grenze bei 2.183 Euro - Stand Ende letztes Jahr - , dicht gefolgt vom Erzgebirgskreis, Vorpommern-Rügen und dem Landkreis Elbe-Elster mit nur knapp zehn Euro mehr im Monat. Das höchste Durchschnittseinkommen wird in Ingolstadt verdient, hier bekommt ein Arbeitnehmer mit 4.635 Euro mehr als das Doppelte für seine Arbeit. Nahezu ebenso viel erhalten Beschäftigte in Erlangen, Wolfsburg und Böblingen. Verglichen wurden jeweils die sozialversicherungspflichtigen Bruttoentgelte.

Finanzkräftige Unternehmen prägen das Lohnniveau einer Region

Die Gründe für die enorme Lohndifferenz lägen in der regionalen Wirtschaftsstruktur, erklärte Joachim Ragnitz, stellvertretender Geschäftsführer des Münchner ifo-Instituts gegenüber unserem Hauptstadtstudio.

"Also Ingolstadt ist gekennzeichnet vor allem durch Audi. Also gut verdienender Automobilhersteller, die dann eben auch höhere Löhne zahlen. Und in Görlitz gibt es so was eben nicht. Das sind vor allem sehr kleine, mittelständische Unternehmen, und Automobilbauer zahlen einfach besser als das im Ernährungsgewerbe oder bei Dienstleistungsunternehmen der Fall ist."  

Ebenso verhalte es sich mit Wolfsburg und VW oder Erlangen als Siemens-Standort. Renommierte finanzkräftige Unternehmen würden das Lohnniveau einer ganzen Region prägen, so Ragnitz.

"Arbeitnehmer arbeiten am liebsten da, wo sie gut verdienen. Und das heißt, andere Arbeitgeber in der gleichen Region müssen dann quasi nachziehen. Die müssen einfach, um Arbeitskräfte zu bekommen, auch hohe Löhne bezahlen, und das zieht das Lohnniveau insgesamt nach oben."

Linke fordern höheren Mindestlohn und allgemeinverbindliche Tarifverträge

Die Arbeitsmarktexpertin der Links-Fraktion, Sabine Zimmermann, bezeichnete es als "beschämend",  dass Ostdeutschland immer noch flächendeckend von niedrigen Löhnen gekennzeichnet sei. Aber auch im Westen gebe es abgehängte Regionen. Zimmermann forderte eine Anhebung des Mindestlohns auf 12 Euro und die Abschaffung von Niedriglohnbeschäftigung in Form von Leiharbeit.

Der wirtschaftspolitische Sprecher der Linksfraktion, Klaus Ernst, sieht ein Problem auch in der fehlenden Tarifbindung in Ostdeutschland. Tarifverträge müssten allgemeinverbindlich gelten.

"Wir haben im Osten weniger Menschen, die gewerkschaftlich organisiert sind, als im Westen. Das heißt auch, dass die Löhne aus den Gründen niedriger sind, weil die Menschen sich weniger zusammenschließen und organisieren. Auch teilweise organisieren können, weil die Struktur anders ist. In Kleinbetrieben haben wir in der Regel weniger gewerkschaftlich Organisierte als im Westen."  

Unterschiedliche Lebenshaltungskosten wiegen große Lohndifferenz nicht auf

Allerdings sind auch die Lebenshaltungskosten regional sehr unterschiedlich. Ein Blick allein auf die Nettokaltmieten, die derzeit bei Immobilienportalen im Internet aufgerufen werden, zeigt: Werden in Görlitz pro Quadratmeter Mietpreise von 4,50 Euro bis sechs Euro verlangt, sind das in Ingolstadt zwischen 11 und 15 Euro. In München reicht die Spanne bis zu 22,70 Euro pro Quadratmeter - also fast viermal so viel wie in Görlitz. Allerdings gleiche dies die große Lohndifferenz bei weitem nicht aus, so Wirtschaftsexperte Ragnitz. Schätzungen zufolge liege der Preisunterschied insgesamt zwischen den strukturschwachen und starken Regionen insgesamt nur etwa bei 10 bis 15 Prozent. 

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