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StartseiteCorsoPrint your House29.04.2014

ArchitekturPrint your House

Die Revolution der Bauwelt findet in Amsterdam-Nord statt - hinterm Hauptbahnhof, am anderen Ufer des IJ-Gewässers. Dort liegt ein verlassenes Industriegebiet, auf dem ein neues Stadtviertel entsteht: mit dem ersten 3D-gedruckten Haus der Welt.

Von Kerstin Schweighöfer

Ein 3D-Drucker druckt ein gelbes kugelförmiges Gebilde aus. (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)
3D-Drucker erschließen völlig neue Möglichkeiten. (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)
Weiterführende Information

3D-Druck | Manuskript: Revolution aus dem Replikator (Deutschlandfunk, Wissenschaft im Brennpunkt, 02.02.2014)

Am Eingang der Baustelle eine Wand voller Schutzhelme. Wie Relikte aus der Vergangenheit. "Die haben wir zum Scherz aufgehängt. Die brauchen wir nicht mehr", lacht Hedwig Heinsman vom Amsterdamer Architekturbüro DUS.
Denn diese Baustelle im Norden von Amsterdam ist anders: Hier gibt es keine Sandhaufen und Backsteine, keine Kräne und Bagger. Hier wird kein Haus gebaut, sondern gedruckt. In einem vertikalen Container. Zweieinhalb mal zweieinhalb Meter groß und sechs Meter hoch, erzählt Architektin Heinsman beim Öffnen der Tür:

Dahinter befindet sich der erste mobile 3D-Drucker der Welt: Er kann an jedem beliebigen Ort aufgestellt werden. Mit ihm wollen die DUS-Architekten das erste 3-D-gedruckte Haus der Welt bauen – obwohl Bauen in diesen Falle wohl nicht mehr das richtige Wort ist.

Kamermaker heisst der Drucker, Zimmermacher. Denn 13 Zimmer soll dieses revolutionäre Haus bekommen, verteilt über drei Stockwerke. Und einen Treppengiebel. Wie die historischen Grachtenhäuser von Amsterdam.
"Wir wollen uns drei Jahre Zeit lassen, dann soll das Haus stehen. Bislang arbeitet der Drucker noch etwas langsam, das muss schneller werden. Wir sehen das Ganze als Forschungsprojekt, bei dem nach und nach alles besser wird."

Der 3D-Drucker besteht aus einer Leimpistole, auch extruder oder Druckerkopf genannt. Sie ist an einem beweglichen Rahmen befestigt und kann sich in alle Richtungen bewegen: rechts, links, nach hinten oder vorne. Dabei spuckt sie einen schwarzen Faden aus – wie von einer Lakritzschnecke, aber dann endlos, gut drei Millimeter dick.

Unermüdlich schichtet die Pistole einen Lakritzfaden über den anderen und baut auf diese Weise langsam ein rechteckiges Bauelement auf. Mit jeder neuen Lage wächst es um 3 Millimeter. Gespeist wird die Pistole von einem Tank, in dem sich Flüssiggranulat befindet.

Es geht um einen Biokunststoff, den eine deutsche Firma für uns entwickelt hat. Eigentlich ist er farblos. Doch sobald man dem Granulat ein paar Körnchen Farbe beimischt, wird es bunt. Man kann auch Holzspäne beimischen, dann erinnern die gedruckten Bauelemente an mdf-Platten, dann riechen sie auch nach Holz. Dieses Element hier wird schwarz. Weil das erste Zimmer schwarz werden soll."

Die Bauwelt revolutionieren

Die ersten Baukörper sind schon fertig und stehen draussen auf dem Baustellengelände: Der grösste ist ein Eck-Element, zwei mal zwei Meter gross und drei Meter hoch. Mit einer Aussparung da, wo später das Fenster eingebaut werden soll. Und mit Treppenstufen , die an der zukünftigen Innenseite nach oben um die Ecke führen.
180 Kilo wiegt dieser Kunststoffblock. Der Drucker brauchte eine halbe Woche, um ihn herzustellen. Drei weitere Tage muss das Material härten, erklärt die 33j-ährige Architektin:

Das war unser allererster Druck. Sehen Sie, wie unregelmässig alles noch ist. Wie ein Anfänger, der sich im Stricken versucht hat. Sie können es auch mit dem ersten digitalen Foto vergleichen: Das hatte nur 500 Pixel. Schon kurz darauf waren Fotos mit 500.000 Pixel möglich. So ist das auch bei uns: Schauen Sie, dieses zweite Element hier."

Der 3 D-Drucker wird die Bauwelt revolutionieren, prophezeien die jungen Amsterdamer Architekten. Denn Drucken statt Bauen hat viele Vorteile: Die Baustelle ist eine saubere Sache, ganz generell fällt weniger Abfall an. Und weniger Transportkosten. Denn der Drucker ist beweglich und wird an Ort und Stelle aufgebaut, da wo das Haus stehen soll. Lagerräume für Baumaterialien erübrigen sich, und es muss auch nichts mehr weggeworfen werden: Es wird ja nur genausoviel gedruckt, wie auch gebraucht wird. Und, so betont Architektin Heinsman:
"Sobald die Drucker schneller arbeiten, könnten sie auch in Katastrophengebieten eingesetzt werden. Oder in Slums. Um dort schnell für hygienische und qualitativ gute Häuser zu sorgen. Aus lokalen Materialien, zum Beispiel recyceltem Plastik."

Schreiner und Küchenproduzenten könnten das Nachsehen haben. Denn auch die Inneneinrichtung kann aus dem Drucker kommen. Die Traumküche, das Traumbad - massgedruckt. Print your life – druck'dir dein Leben. Unverwechselbar, so wie du es haben willst.

Und am neuen Ort wieder auf. Das Haus ist beim Umzug mit dabei!

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