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StartseiteMusikjournalVerdis "Nabucco" politisiert 26.06.2017

Arena in VeronaVerdis "Nabucco" politisiert

In der Arena von Verona wird in diesem Jahr eine spannende Inszenierung von Giuseppe Verdis "Nabucco" aufgeführt. Regisseur Arnaud Bernard hat den Opern-Klassiker von jedem biblischen Bezug befreit, modernisiert und zu einer antiösterreichischen Oper gemacht - das hätte auch Verdi gefallen können.

Von Thomas Migge

Blick über den Zuschauerraum der römischen Arena in Verona, in der jährlich unter freiem Himmel die Opernfestspiele stattfinden. (picture-alliance / dpa / Uwe Gerig)
In der Arena in Verona finden jährlich unter freiem Himmel die Opernfestspiele statt. (picture-alliance / dpa / Uwe Gerig)
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Was bitteschön haben Straßenkämpfe von Rebellen in Mailand mit der alttestamentarischen Geschichte der Juden zu tun? Das werden sich in diesem Sommer viele Besucher der Arena in Verona fragen, wenn sie sich Giuseppe Verdis Opernklassiker "Nabucco" anschauen. Vor allem jene, die aufgrund früherer Besuche wissen, dass in Verona moderne oder gewagte Werkinterpretationen eigentlich unerwünscht sind.

Nabucco als Kaiser Franz Joseph

Der französische Regisseur Arnaud Bernard hat Verdis Nabucco von jedem biblischen Bezug befreit. Kein jüdisches Volk, kein jüdischer Hohepriester, kein babylonischer König und kein König von Jerusalem. Aus Zaccaria wird der italienische Befreiungsheld Mazzini, aus Ismael wird ein italienischer Soldat, und aus Fenea, der Tochter Nabuccos, wird eine österreichische Prinzessin. Und Nabucco tritt mit einem auffälligen Backenbart auf, der an den österreichischen Kaiser Franz Joseph erinnert.

Regisseur Arnaud Bernard wagt mit seiner Neuinszenierung des "Nabucco" das schier Undenkbare im eigentlich operntraditionalistischen Italien. Er politisiert einen Verdi-Klassiker. Er modernisiert ihn. Er macht Verdis "Nabucco" zu einer entschieden antiösterreichischen Oper.

Arnaud Bernard thematisiert in seiner Interpretation des "Nabucco" die sogenannten Cinque giornate di Milano, die zu deutsch: fünf Tage von Mailand. Zwischen dem 18. und 22. März 1848 begehrten Italiens Nationalisten in Mailand gegen die Österreicher auf. Dieser Aufstand bedeutete den Anfang vom Ende der österreichischen Besetzung Italiens. Er bedeutete auch den konkreten Beginn des "Risorgimento" - des Versuchs, Italien politisch zu einen und einen Nationalstaat zu schaffen.

Verdi war begeisterter Anhänger der Unabhängigkeitsbewegung

Auch wenn der Aufstand in Mailand ohne Erfolg blieb – am 5. August 1848 folgte die Kapitulation der italienischen Unabhängigkeitskämpfer und die erneute Besetzung Mailands durch Truppen aus Wien – sind diese fünf Tage ins nationale Bewusstsein der Italiener eingegangen. Das gilt auch für Giuseppe Verdi.

Seine Begeisterung für eine italienische Nationalstaatseinigung war so groß und auch so bekannt, dass sein Nachname für einen nationalen Unabhängigkeitsschlachtruf genutzt wurde: Viva Verdi. Wobei das Wort Verdi als Akronym genutzt wurde: Verdi stand für "Vittorio Emanuele Re d’Italia", eine Anspielung auf einen König für das geeinte und befreite Italien. Vor diesem historischen Hintergrund und mit dem Wissen um Verdis Engagement für die nationale Unabhängigkeit, liege es nah, erklärt Regisseur Arnaud Bernard, die Handlung des "Nabucco" vor der originalgetreu nachgebauten Fassade des Mailänder Opernhauses Teatro La Scala stattfinden zu lassen, einem der zentralen Orte der fünf Tage von Mailand:

"Deshalb ist für mich quasi zwingend, hier etwas anderes zu bieten, und nicht eine Aufführung, die sich immer noch und immer wieder auf ein vordergründig biblisches Sujet bezieht. Verdis Beziehung zum Nationalstaatsgedanken schreit ja förmlich nach so einer Regie."

Arnaud Bernard ist davon überzeugt, dass Verdi mit der Geschichte der Befreiung des von den Babyloniern gefangen genommen jüdischen Volkes einen, so der Regisseur, politisch-aufrührerischen Wink mit dem Zaunpfahl geben wollte. Das ist sehr gut möglich, denn Verdi war ja ein glühender Anhänger der Idee eines geeinten Italien.

Die Mailänder Scala als Ruine

Bernard bietet in seiner ungewöhnlichen Nabucco-Inszenierung ein Bühnenbild, das bei den traditionsbewussten italienischen Musikliebhabern sicherlich für Erschrecken sorgen wird: Den zentralen Bühnenraum der Arena von Verona nimmt die Fassade des Teatro La Scala ein. Doch die Fassade präsentiert sich als Ruine. Das Gebäude wurde anscheinend, so die Anspielung Bernards, bei den Befreiungskämpfen gegen die Österreicher schwer in Mitleidenschaft gezogen.

Eine spannende Inszenierung erwartet also den Besucher der Arena in Verona. Spannend, weil die alttestamentarische Handlung geschickt, intelligent, vor allem überzeugend modernisiert worden ist. Aus dem Befreiungskampf der unter dem Joch der Babylonier lebenden Juden wird der Kampf der von österreichischen Besatzern unterjochten Italiener. Kurios, dass auf diese eigentlich nahe liegende Interpretation bisher noch kein Regisseur gekommen ist.

Doch auch wenn Bernard Arnaud und mit ihm die meisten Medien Italiens immer wieder von einer direkten Beziehung zwischen Verdis "Nabucco" und den fünf Tagen von Mailand sprechen, besteht diese direkte Beziehung in Wirklichkeit gar nicht. Es existiert nur eine mehr oder weniger indirekte Beziehung - und keine historische, wie man angesichts des Medien-Hypes um diese Inszenierung annehmen könnte: Verdis Opernklassiker wurde 1842 in Mailand uraufgeführt – zu den antiösterreichischen Aufständen kam es erst sechs Jahre später.

Stürmischer Beifall für Regisseur und Sänger

Nicht nur die Regie Bernards erhielt stürmischen Beifall, sondern auch die Protagonisten dieser neuen Inszenierung. Wie immer in der Arena in Verona wurden auch dieses Mal Stimmen engagiert, die es mit dem riesigen Freilichttheater aufnehmen können. Da die Sänger keine Unterstützung durch Mikrofonverstärkung bekommen, müssen sie über ein großes Volumen verfügen. Der international bekannte und Verdi-erfahrene georgische Bariton George Gagnidze ist ein stimmlich und schauspielerisch überzeugender Nabucco. Walter Fraccaro als Ismaele kein Neuling in der Arena, und mit einer Stimme ausgestattet, die bis in die obersten Reihen der Arena zu hören ist. Der Russe Stanislav Trofimov ist sängerisch zwar ein ausgezeichneter Zaccaria, aber mit dem Italienischen hapert es mitunter. Ihr Debüt in der Arena in Verona in der anspruchsvollen Rolle der Fenena hatte die Rumänin Carmen Topciu: ein kräftiger und zugleich ungemein sensibler Mezzosopran, wie geschaffen für große Opernbühnen und Freilichttheater wie in Verona.

Der Gesamteindruck dieser Inszenierung des Nabucco ist in sich stimmig. Die Verlegung der Handlung aus den Zeiten des Alten Testaments ins 19. Jahrhundert in die Zeit der Unabhängigkeitskämpfe der Italiener gegen die Österreicher trifft den Kern der Oper und ist sicherlich auch ganz im Sinn von Giuseppe Verdi.

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