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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Starke Kopplung zwischen der Arktis und unseren Breiten"29.07.2020

Arktische Meereseisschmelze"Starke Kopplung zwischen der Arktis und unseren Breiten"

Der Zustand der Arktis sei ein Frühwarnsystem dafür, wie sich der Klimawandel auch auf unsere Regionen auswirken werde, sagte Marcel Nicolaus vom Alfred-Wegener-Institut im Dlf. Dieses Jahr könnte es einen neuen Negativrekord geben: Im September werde das Meereseis-Minimum erwartet.

Marcel Nicolaus  im Gespräch mit Georg Ehring

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Ein Eisbär klettert in der Arktis von Eis zu Eis. (dpa/Florian Ledoux/ HotSpot Media)
Das Meereseis in der Arktis schmilzt schnell: Das hat zum Beispiel auch direkte Auswirkungen auf Eisbären (dpa/Florian Ledoux/ HotSpot Media)
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Die Erderwärmung läuft ziemlich ungleichmäßig. Besonders stark steigen die Temperaturen in der Arktis: Das Meereis könnte einen historischen Tiefstand erlangen.

Marcel Nicolaus erforscht beim Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven das Meereseis. In Kürze wird er zum Forschungsschiff Polarstern aufbrechen, das sich im Eis des Nordpolarmeeres hat einschließen lassen.

Georg Ehring: Wie weit ist denn bisher die Ausdehnung des Eises zurückgegangen in diesem Jahr?

Marcel Nicolaus: Die Ausdehnung des Meereises liegt vor allem in den Bereichen nördlich von Russland, dem russischen sibirischen Sektor, weiter nördlich als sonst. Wir reden hier von Flächen von 1,7 Millionen Quadratkilometern. Da fehlen uns im Vergleich zu sonst Flächen in der Größe von Spanien zum Beispiel.

Ehring: Vor allem über Sibirien gibt es ja ungewöhnliche Wärme. Das trägt dann zum Schmelzen des Arktis-Eises bei?

Nicolaus: Ja! Das ist vor allem im Sommer ein besonders starker Rückkopplungseffekt, weil diese starke Wärme aus Sibirien, wenn die übers Eis in die Regionen zieht, die sonst mit Eis bedeckt sind, ist natürlich klar, dass Wärme zu besonderem Schmelzen führt. Wir haben jetzt im Sommer den Rückkopplungseffekt. Je stärker ich das Eis schmelze, desto weniger Eis habe ich, desto weniger weiße Fläche, die Energie zurück in die Atmosphäre strahlt, habe ich, und desto mehr Energie wird wieder im Ozean aufgenommen, was das Ganze verstärkt, dieses Schmelzen.

"Arktis ein gewisses Frühwarnsystem"

Ehring: Das heißt, wenn das Eis weniger wird, dann beschleunigt das die Erwärmung für sich und sorgt dafür, dass es dann noch weniger wird?

Nicolaus: Ja, exakt. Das ist das, was wir unter arktischer Verstärkung verstehen. Das ist das, warum wir sehen, dass der Klimawandel in der Arktis besonders schnell voranschreitet. Wir sehen das ja in der Arktis schon seit einigen Zehner-Jahren. Für uns ist die Arktis ein gewisses Frühwarnsystem für das, was wir in anderen Regionen der Erde mit der Zeit auch erleben.

Ehring: Wie viel ist denn von diesem Rückzug des Eises derzeit Klima und wie viel ist einfach Wetter?

Nicolaus: Klima ist auf jeden Fall, dass wir sehen, dass die letzten 15 Jahre alle diejenigen waren, die weniger Eis hatten als davor. Wetter ist dagegen die Frage, ob wir jetzt dieses Jahr einen neuen Rekord, sprich weniger Eis als in 2012 erreichen oder nicht. Das hängt ganz stark vom aktuellen Wind, vom aktuellen Wetter ab. Das kann man jetzt zu diesem Zeitpunkt nicht vorhersagen. Aber wir sehen, dass wir wieder ein neues Jahr mit extrem wenig Meereis haben, und das setzt den Klimatrend fort.

Das auf einer Eisscholle eingefrorene Forschungs-Schiff "Polarstern" drifttet ein Jahr lang durch das Nordpolarmeer. (Copyright Lukas Piotrowski / Alfred-Wegener-Institut ) (Copyright Lukas Piotrowski / Alfred-Wegener-Institut )40 Jahre Alfred-Wegener-Institut - Das Flaggschiff der deutschen Polarforschung
Mit der politischen Zielsetzung, Rohstoffquellen in der Antarktis zu finden, wurde das heute weltweit renommierte Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung gegründet. Die Rohstoffsuche geriet jedoch schnell in den Hintergrund, dafür rückten Umweltforschung und der Klimawandel in den Fokus.

Ehring: Wann kann man denn wissen, ob das ein Rekord wird? Wann weiß man das?

Nicolaus: Das Meereis-Minimum erwarten wir jedes Jahr im September und mit der September-Analyse wissen wir dann, ob es einen Rekord gibt. Der Rekord hing zum Beispiel 2012 ganz stark davon ab, dass es eine Zeit lang sehr viele Winde aus Süd gab, die das Eis sehr stark zusammengeschoben haben, und was wir am besten beobachten können zurzeit ist die eisbedeckte Fläche. Das sagt nicht unbedingt was übers Volumen aus, aber die eisbedeckte Fläche hängt zum Beispiel stark vom Wind ab, und das sieht man wirklich dann erst in den Wochen, wenn es soweit ist.

Ehring: Inwieweit sorgt denn die Entwicklung dafür, dass jetzt auch mehr Methan freigesetzt wird? Das ist ja ein besonders starkes Treibhausgas.

Nicolaus: Ja, genau. Das ist natürlich jetzt keine Frage des Meereises in dem Sinne. Wenn wir von Methan sprechen, sprechen wir von den sibirischen Küstenregionen, wo der Permafrost-Boden taut, und da spielen vor allem diese Wärmezellen eine große Rolle, wobei die Mengen der Veränderung beim Methan ich Ihnen jetzt nicht sagen kann. Die müsste ich selbst nachlesen.

Ehring: Wie sieht es denn mit den Perspektiven aus Ende des Jahrhunderts oder in 50 Jahren? Werden wir dann noch arktisches Meereis das ganze Jahr haben?

"Extremwetterlagen werden sich bei uns verstärken"

Nicolaus: Das ist eine sehr gute und sehr umstrittene Frage in der Tat. Und das ist ein Grund, warum wir gerade solche großen Expeditionen wie die mit Polarstern von Mosaic durchführen. Wir müssen dahin kommen, dass unsere Klimamodelle robuster werden, dass sie besser werden, dass wir nicht nur verschiedene Szenarien betrachten können, sondern auch sagen können, mit welchen Wahrscheinlichkeiten einzelne Szenarien eintreffen, so dass das Ganze etwas fundierter und noch glaubhafter wird.

Ehring: Der Eisschwund hat Folgen für die Natur. Vor kurzem ging durch die Medien, Eisbären seien akut vom Aussterben bedroht. Welche beobachten Sie?

Nicolaus: Wir sehen vor allem, dass unsere Modelle uns immer mehr zeigen, dass es eine starke Kopplung zwischen der Arktis und unseren mittleren Breiten gibt. Die Arktis ist natürlich in unserem Kopf irgendwie weit weg, eine weiße Region ganz im Norden, aber die Entfernung von uns zur Polarstern heute sind gut 3.000 Kilometer, so weit wie irgendwo nach Südspanien in den Mittelmeer-Raum. Es ist nicht so weit weg und das führt dazu, dass diese Veränderungen in der Arktis große Luftstromsysteme verändern. Und das führt zum Beispiel dazu, dass Extremwetterlagen sich bei uns verstärken. Extrem heißt nicht nur extrem warm; es kann auch extrem feucht, trocken, lang anhaltender Regenniederschlag sein und so weiter. Diese Veränderungen, die sehen wir. Und die haben sogar was mit dem Klima in der Arktis zu tun.

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Ehring: Freuen Sie sich eigentlich auf die Polarstern und was werden Sie da erforschen?

Nicolaus: Oh ja! Ich freue mich sehr. Ich hatte das Glück, schon ganz am Anfang der Expedition vor einem Jahr an Bord zu sein, und jetzt am Ende wieder. Ich selbst werde mich sehr mit der Wechselwirkung von Atmosphäre, Eis und Ozeanen beschäftigen, wie viel Energie, wie viel Temperatur geht von der Atmosphäre ins Eis in den Ozeanen, wie läuft dieses Gefrieren, was wir nach dem Schmelzen beobachten werden, wie läuft dieses Gefrieren ab, welches Eis gefriert zuerst, das dickere, das dünnere. Das sind Fragen, die wir besser verstehen wollen, damit wir dann in Zukunft bessere Vorhersagen machen können.

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