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StartseiteDeutschland heuteHartz IV im Harz - gar nicht lustig01.09.2017

Armut in DeutschlandHartz IV im Harz - gar nicht lustig

Schnell wachsende Altersarmut, verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit - monatlich rund 1.800 Menschen kommen in Quedlinburg im Harz zur Tafel, Tendenz steigend. Von der Politik fühlen sie sich schlicht vergessen. Da hilft es nur begrenzt, dass sie sich beim Tafel-Chor regelmäßig zum gemeinsamen Singen treffen.

Von Christoph Richter

Eine Seniorin hält Geld in ihrer Hand. (imago / EPD / Jürgen Blume)
Studien zufolge werde die Zahl der Rentner, die künftig auf staatliche Grundsicherung angewiesen sind, bis 2020 auf fast 30.000 Senioren ansteigen. (imago / EPD / Jürgen Blume)
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Karin - arbeitslos und Hartz IV Empfängerin, sagt sie leise - ist mit Benni, ihrem achtjährigen Sohn, zur Quedlinburger Tafel gekommen.

Kundin: "Bin seit 2011 bei der Tafel."

Reporter: "Wie wichtig ist das für Sie?

Kundin: "Sehr wichtig, weil wir selber nicht so viel Geld haben. Und dadurch, dass der Kleine nur Laktosefreies essen darf, dass ein bisschen teurer als normal ist."

Seit Ende der 90er-Jahre arbeitslos

Den Diätplan könnte sie ohne die Tafel nicht einhalten. Die Essensspenden seien für ihren Sohn überlebenswichtig, sagt die Anfang Dreißigjährige.

"Ist traurig so was," ergänzt Klaus, der direkt daneben steht und seinen Nachnamen nicht nennen will.

Er ist gelernter Maurer. Ende der 90er-Jahre wurde er arbeitslos, dann kam Hartz 4. Klaus ist ebenfalls Stammgast in der Quedlinburger Tafel. Sie befindet sich in einem ehemaligen Gefängnis, vor den Fenstern befinden sich dicke Gitter. Neben der Essensausgabe gibt es noch ein kleines Restaurant, eine Kleiderkammer und ein Möbelmarkt.

"Wir sind schon fast an unserer Grenze. Es gibt schon Tafeln, die keine Kunden mehr aufnehmen können, weil sie ja nur mit der Ware handeln können, die sie haben. Und was nützt es, wenn ich nur für 50 was habe und es kommen 100", erzählt Marlies Röbbeling, während sie sortiert, Essenskisten packt, Lebensmittel verteilt.

Früher war sie Verkäuferin, jetzt ist die Anfang-Sechzigjährige die Leiterin der Tafel in der UNESCO Weltkulturerbe-Stadt Quedlinburg. Großer Reichtum an Baudenkmälern, viel Armut unter Hartz 4 Empfängern, sagt Marlies Röbbeling fast ein bisschen sarkastisch. Bei ihr geht es zu wie im Taubenschlag. Jeder will was von ihr, jeder hat eine Frage.

Fast wie am Dorfbrunnen

"Mutter Theresa. Naja, es gibt auch viele Notpakete, wenn jemand kommt. Ich würde niemals jemand wegschicken."

Die Tafel in der Quedlinburger Weberstraße ist aber keine reine Essensverteilstation, sondern im Laufe der Zeit zu einem stadtbekannten Treffpunkt, zu einem Ort der Begegnung geworden. Fast wie am Dorfbrunnen früher. Das Credo: Niemand muss alleine sein. Auch Silvester und Weihnachten feiert man hier zusammen.

"Ja, wir haben auch so was wie einen Tafel-Chor."

Erzählt Kai-Gerrit Bädje. Sozialwissenschaftler und Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt im Harz, die die Tafel am nördlichen Harzrand 1997 ins Leben gerufen hat.

"Also es gibt Leute, die Tafelkunden sind, sich mal zusammengefunden haben, und jetzt gemeinsam singen. Das ist eine richtig gute Gemeinschaft geworden."

Heute nehmen die Quedlinburger Tafel monatlich 1.800 Menschen in Anspruch. Das sei schon eine hohe Konzentration von Armut, sagt Bädje. Und ergänzt, dass im Harz mehr als die Hälfte aller Hartz IV-Empfänger vier Jahre oder länger von staatlichen Hilfen leben.

"Insofern verdichtet sich, verhärtet sich der Teil der Langzeitarbeitslosen, die keinen Zugang zum Arbeitsmarkt mehr haben."

Viele fühlen sich von der Politik, den Verantwortlichen, schlicht vergessen. Und klagen, dass alle großen Unternehmen einen großen Bogen um den Harz machen. Und wenn, dann würden sie nur kommen, um Fördergelder abzugreifen, um nach kurzer Zeit wieder zu verschwinden.

Schnell wachsende Altersarmut aufgrund niedriger DDR-Löhne

Großes Kopfzerbrechen bereitet Tafel-Organisatorin Marlies Röbbeling die schnell wachsende Altersarmut. Knapp ein Drittel der Hartz-IV-Langzeitbezieher ist älter als 55.

"Was hat eine DDR-Frau verdient, Verkäuferin im Büro - das kenne ich ja selber von meiner Gehaltsgruppe 400, 450 Mark. Und dann können sie sich ausrechnen, wie die Rente aussieht. "

Studien zufolge werde die Zahl der Rentner, die künftig auf staatliche Grundsicherung angewiesen sind, bis 2020 auf fast 30.000 Senioren ansteigen. Also mehr um das Vierfache. Einer der Gründe, warum das Wortspiel Hartz IV im Harz gar nicht lustig sei, sagt Tafel-Organisatorin Marlies Röbbeling. Viel Zeit zum Reden hat sie nicht, ständig wird sie gebraucht. Packt an, organisiert, erklärt.

Um Menschen aus der verfestigten Langzeitarbeitslosigkeit zu holen, seien neben Qualifizierungen, sozialpsychologische Beratungen notwendig. Keine kurzfristig angelegten Programme, mit der die Politik ihre Arbeitslosenstatistik nur aufpolieren wolle.

Viel mehr als bisher müsse das Selbstbewusstsein, die Wertschätzung der Arbeitslosen gestärkt werden. Damit sich die Menschen – auch wenn sie lange arbeitslos waren - wieder was trauen, so der in Magdeburg lehrende Sozialforscher Jürgen Wolf.

"Wichtig ist, zu zeigen, dass Menschen einen Wert haben. Dass sie anerkannt sind, dass sie eine produktive Rolle in der Gemeinschaft spielen."

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