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StartseiteInterview"Tafeln versuchen, in einem schlechten System Gutes zu tun"23.12.2017

Armut in Deutschland"Tafeln versuchen, in einem schlechten System Gutes zu tun"

Immer mehr Menschen sind in Deutschland auf die Hilfe von Tafeln angewiesen - darunter besonders viele Rentner. Dies zeige, dass die Politik die Verantwortung für ein soziales Problem auf ehrenamtliche Helfer abwälze, sagte Ursula Hudson von Slow Food Deutschland.

Ursula Hudson im Gespräch mit Stephanie Rohde

Tafel in Wiesbaden versorgt Bedürftige (picture alliance/dpa/Boris Roessler)
Die Tafeln könnten in einem reichen Land wie Deutschland nicht zur Dauerlösung werde, sagte Ursula Hudson von Slow Food Deutschland im Dlf (picture alliance/dpa/Boris Roessler)
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Stephanie Rohde: Es ist eine Idee, die vor allem durch ihre Einfachheit besticht: Supermärkte haben oft mehr, als sie verkaufen, Bedürftige haben oft weniger, als sie brauchen. Warum also nicht einfach überflüssige Lebensmittel an die Bedürftigen verteilen? Genau das machen Tafeln in Deutschland, die seit den 90er-Jahren von gemeinnützigen Organisationen und eingetragenen Vereinen betrieben werden. Und inzwischen sind rund 1,5 Millionen Menschen darauf angewiesen, dass sie bei Tafeln etwas zu essen bekommen.

In dieser Woche ist viel darüber berichtet worden, dass fast jeder vierte Gast bei den Tafeln inzwischen ein Rentner oder eine Rentnerin ist. Und bei allem Lob gibt es seit einigen Jahren auch die Kritik an Tafel-Bewegungen, nicht die gemeinnützigen Organisationen, sondern die Politik müsste sich darum kümmern, dass Menschen gar nicht erst in die Armutsfalle geraten.

Darüber möchte ich jetzt sprechen mit Ursula Hudson. Sie ist Vorsitzende von Slow Food Deutschland e.V., das ist ein Netzwerk, das sich intensiv mit Ernährungsfragen beschäftigt. Guten Morgen, Frau Hudson!

Ursula Hudson: Guten Morgen!

"Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland geht immer weiter auseinander"

Rohde: Auch an Weihnachten, in diesen Tagen werden ja viele Menschen auf Tafeln angewiesen sein. Ich habe es gerade schon gesagt, auch viele Rentner inzwischen. Wie erklären Sie sich das?

Hudson: Das hängt mit Sicherheit zusammen, dass wir auf der einen Seite vor allem sehr niedrige Löhne und niedrige Renten haben und sozusagen die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland immer weiter auseinandergeht.

Das hat aber auch damit zu tun, dass die Wertschätzung von Lebensmitteln, dem gesamten Essen- und Ernährungsbereich – also einschließlich der Landwirtschaft, der Weiterverarbeitung – in der Politik nicht sehr hoch angesetzt ist und wir deswegen Lebensmittelverschwendung in Deutschland im Überfluss haben. Da wird zwar von der öffentlichen Seite her viel Aufmerksamkeit gelenkt auf den Endverbraucher, also an uns und unsere Kühlschränke und unsere Essensgewohnheiten, es wird aber nicht die gesamte Kette beleuchtet, in der die Verschwendung stattfindet.

Und die Tafeln sind am Ende diejenigen, die mit unendlichem Einsatz von ehrenamtlichen Menschen versuchen, sozusagen den Überschuss im Lebensmittelsystem herauszuholen und sinnvoll weiterzugeben, und die Weitergabe erfolgt eben an die Bedürftigen, die in unserem sozialen Gefüge sehr weit unten in der Skala angesiedelt sind.

Rohde: Ist das denn tatsächlich noch so oder hat sich das Klientel von Tafeln in den vergangenen Jahren etwas verändert?

Hudson: Ja, es hat sich, wie wir die Woche alle erfahren haben, in Richtung alte Menschen und Altersarmut verschoben. Aber es sind auch immer mehr junge Menschen, die darauf angewiesen sind, weil einfach der Berufseinstieg, Qualifikationen, alles nicht so einfach und rosig ist in Deutschland, wie es sich zum Teil anhört – und eben, wie gesagt, der Bereich des eigentlich ganz Ursprünglich-Menschlichen, Lebendigen, Natur, die uns das Essen liefert, und der Mensch selber doch erstaunlich wenig Wertschätzung erfährt.

"Am System muss die Kritik ansetzen"

 Lebensmittel liegen am Dienstag (13.03.2012) in einer Mülltonne in Frankfurt (Oder) (pa/dpa/Pleul)Ursula Hudson forderte im Dlf die Politik dazu auf, mehr gegen Lebensmittelverschwendung zu tun (pa/dpa/Pleul)

Rohde: Die Tafel-Bewegung bekommt ja sehr viel Lob, aber wurde von Beginn an auch von Kritik begleitet. Tafeln waren mal als Notlösung gedacht. Sind die inzwischen zur Dauerlösung geworden, Ihrer Meinung nach?

Hudson: Die sind in Deutschland und in vielen anderen europäischen Ländern zu einer Dauerlösung geworden, und da müsste die Kritik ansetzen. Denn ich denke nicht, dass es sozusagen sinnvoll und gerecht ist, die Menschen, die bei der Tafeln arbeiten – das sind ja mehrheitlich ehrenamtliche Menschen –, zu kritisieren.

Also am System muss die Kritik ansetzen, und die Tafeln sind sozusagen Teil eines Systems und versuchen, im schlechten System das Gute zu machen. Es ist sehr problematisch, dass die Tafeln eine Dauereinrichtung geworden sind in einem sehr, sehr prosperierenden Land wie Deutschland, wo offensichtlich die Achtung vor den Menschen, auch den Menschen, die in der Skala nicht so weit oben stehen, so weit zurückgeht, dass man diese Menschen den Tafeln überlässt, der Versorgung.

Rohde: Sie sagen, man muss am System etwas ändern. Was genau meinen Sie da? Also wo genau sollte man ansetzen, Ihrer Meinung nach?

Hudson: An der Wertschätzung des Lebendigen, Mensch und Natur, an der Wertschätzung der Lebensmittel. Denn diese Lebensmittel werden ja von dem Lebensmitteleinzelhandel und im System sozusagen als nicht mehr wertvoll betrachtet, das heißt, die werden aussortiert. Das ist das eine, aber das andere ist natürlich, den Konnex von Preis und Löhnen, wenn es um Lebensmittel geht, aber auch Löhne und Renten doch zu untersuchen und mal genau hinzusehen, ob das eigentlich gerechtfertigt ist und ob wir uns das als reiches Land moralisch, ethisch leisten können und leisten wollen.

Rohde: Was sollte die Politik da genau tun, bei diesem Konnex, wie Sie sagen, von Preis und Löhnen?

Hudson: Dafür sorgen, dass Menschen ein lebenswertes Auskommen haben, auch was Löhne angeht, für das, was sie tun und leisten an Arbeit, das sich dann auch in der Rente widerspiegelt, und Lebensmittel wertschätzen und auch darüber reflektieren, ob wir nicht anders mit Lebensmitteln umgehen können und müssen, als wir das im Moment tun.

"Die Grünen sind wirklich die Einzigen, die das mit auf die Agenda nehmen"

Rohde: Lebensmittel wertschätzen, das ist ja so ein Punkt, den die Grünen auch immer wieder haben. Würden Sie dann hier sagen, dass die Grünen sich da nicht ausreichend Gehör verschafft haben und ein bisschen versagt haben?

Hudson: Also die Grünen sind wirklich, wie Sie sagen, die Einzigen, die das so mit auf die Agenda nehmen. Aber die Tatsache, dass wir Menschen ohne Ernährung überhaupt nicht auskommen können, ohne gesunde, vielfältige Lebensmittel nicht auskommen können, dass es da die große Verbindung in die Natur gibt, der Vielfalt … Wir reden vom Artenschwund et cetera, dem Insektenschwund. Dass das Thema Ernährung, das so im Zentrum von uns Menschen steht – wir können gar nicht anders, wir können gar nicht arbeiten, ohne uns gut zu ernähren –, bei den Parteien überhaupt nicht ankommt, dass kein Wahlkampf darüber geführt wird, dass wir eine sinnvolle Ernährungspolitik brauchen, an der alle im Sinne von gut, sauber und fair partizipieren können, das ist doch erstaunlich!

Rohde: Was sollte denn eine mögliche, absehbare Große Koalition ernährungspolitisch leisten, Ihrer Meinung nach?

Hudson: Gute Lebensmittel, die zu einem vernünftigen Preis für den Verbraucher zu erwerben sind, in den Mittelpunkt stellen, aber auch eine Lebensmittelerzeugung und eine Ernährungsproduktion und -weiterverarbeitung, die auch sozusagen fair in ihre Ursprünge hineingeht, nämlich gut zur Natur ist, im Umgang mit der Natur, gut im Umgang mit den Menschen und gut im Umgang mit den Tieren. Und das heißt eigentlich, das ganze Verschwendungssystem, auf das unser System gebaut ist, im Lebensmittelbereich abstellen und ersetzen durch ein faires Lebensmittelsystem, das gute Lebensmittel produziert, für alle.

"Das müssten von ihrem Anspruch her die C-Parteien ganz groß in den Vordergrund stellen"

Rohde: Und was glauben Sie, welche Partei wird das machen? Also wenn wir jetzt SPD, CDU/CSU anschauen?

Hudson: Das müssten von ihrem Anspruch her die C-Parteien ganz groß in den Vordergrund stellen, denn das hat ja auch sozusagen mit Erhalten der Schöpfung zu tun oder eben auch mit Nachhaltigkeit, wie man das nun benennt, mag jeder für sich selber entscheiden, sozusagen der Zukunftsfähigkeit. Aber es sind eigentlich sichtbar bei uns im Wesentlichen die grünen Parteien, die sich um Nachhaltigkeit und nachhaltige Systeme kümmern.

Rohde: Das sagt Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland e.V. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben heute Morgen!

Hudson: Herzlichen Dank, tschüs!

Rohde: Tschüs!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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