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StartseiteBüchermarktArs Erotica08.07.1998

Ars Erotica

<strong>Heribert Becker (Hrsg.): Das heiße Raubtier Liebe</strong> <strong> Erotik und Surrealismus</strong> <strong>Prestel, 1998, 128 Seiten, mit farbigen Abbildungen, 39,80 Mark </strong>

Wilhelm Schmid

Edward Lucie-Smith: Ars Erotica Aus dem Englischen von Joachim Nagel Heyne, 1998, 192 Seiten, mit farbigen Abbildungen, 68 Mark

Erotik genoß in unserer Gesellschaft, sehr im Unterschied etwa zu Frankreich, lange kein sonderlich hohes Ansehen. Das hat sich gründlich geändert. Nein, nicht so sehr die "sexuelle Befreiung" ist damit gemeint, sondern eher die Zeit danach. Die Fixierung auf bloße Sexualität wird ja von vielen mittlerweile als ermüdend und langweilig empfunden; sie führt keineswegs zur erhofften Befriedigung und fördert statt dessen nur die Vereinsamung. Die Komödie dieser Tragödie inszeniert Woody Allen in allen seinen Filmen. Erotik dagegen ist mehr als Sex, sie läßt sich nicht aufs Geschlecht reduzieren und denunziert nicht die Reflexion. Ihre nachhaltige Selbstbehauptung in der Geschichte der Kulturen erweist ihre Unverzichtbarkeit. Sie ist der wahre Inhalt des Lebens, alles andere ist nur Dekoration.

Dem Ausdruck, der Sublimierung und auch der Verklärung der erotischen Erfahrung dient seit jeher die Kunst. Der Kunsthistoriker und Lyriker Edward Lucie-Smith führt dies in seinem Buch über die "Ars erotica" eindrucksvoll vor Augen, und was das besondere Verhältnis der abendländischen Kultur zur Erotik angeht, so bringt er, 1933 auf Jamaika geboren, den nötigen Blick von Außen mit, um im Vergleich mit anderen Kulturen die Eigentümlichkeiten der westlichen Tradition klarer zu sehen. Kaum kann er sein Erstaunen darüber verbergen, wie schwer man sich in der westlichen Welt mit denjenigen Seiten des Lebens getan hat, die die genießerische Leichtigkeit des Seins ebenso wie die Tiefe seiner Erfahrung vermitteln. So mußte es zum "Kulturschock" für das christlich geprägte Abendland in der Mitte des 18. Jahrhunderts kommen, als das im Jahr 79 n. Chr. verschüttete Pompeji wieder ausgegraben wurde. Denn zahllose erotische Darstellungen kamen dabei zum Vorschein, die nicht mit dem Bild zusammenstimmten, das man sich unter christlichem Einfluss von der Antike gemacht hatte.

Die Entwicklung der westlichen Kunst wird im Buch immer wieder kontrastiert mit den Illustrationen der erotischen Kunst in fernöstlichen Kulturen, die bekanntlich durch große Freizügigkeit bestechen. Überraschenderweise hat sich nach Meinung des Autors heute jedoch eine kuriose Verkehrung der Kulturen vollzogen, da einer grenzenlosen Freizügigkeit in der westlichen Kultur eine unnachsichtige Sittenstrenge in den Kulturen Indiens, Chinas und in islamischen Ländern gegenübersteht, die deren eigenen erotischen Überlieferungen offenkundig widerspricht. Ein markantes Beispiel dafür lieferte jüngst eine Präsentation erotischer Drucke, die der japanische Maler Utamaro im 18. Jahrhundert anfertigte: Bei einer Retrospektive im British Museum in London 1995 wurden sie gezeigt, bei der Übernahme der Ausstellung in Japan blieben sie dem Publikum vorenthalten.

Daß es sich bei den im Laufe der westlichen Moderne zusehends freizügigeren Darstellungen erotischer Sujets in erster Linie um eine männliche Kunst handelt, trifft zum großen Teil zu; dem Befund widersprechen allenfalls im 19. Jahrhundert etwa die weiblichen Akte der Malerin Berthe Morisot. Im 20. Jahrhundert kommt es jedoch in zunehmendem Maße zu einer Aneignung der erotischen Kunst durch Frauen, ein Beispiel unter vielen geben hierfür die Werke der feministischen Künstlerin Judy Chicago. Dies alles ist aus dem Buch über die "Ars erotica" zu erfahren, und wer des Lesens müde ist, kann sich auch allein an den Bildern erfreuen, die im Unterschied zu herkömmlichen Bänden dieser Art nicht etwa nur den weiblichen, sondern auch den männlichen Akt ins rechte Licht rücken. Die berühmte Odaliske von Ingres hat längst ihr maskulines Ebenbild gefunden. Der prachtvolle Band, spielerisch und kontrastreich arrangiert, bietet viele nie gesehene Bilder, mit großer Kennerschaft ausgewählt, durchsetzt mit einschlägiger Lyrik etwa von Erica Jong, die den "langen Tunnel" ihres Begehrens besingt.

Wem aber daran liegt, einen besonders ergiebigen Teil der Geschichte erotischer Kunst gesondert kennenzulernen, der kann zu einem nicht weniger schönen Band über "Erotik und Surrealismus" greifen, komponiert aus Texten und vielen Bildern von André Breton, Louis Aragon, Salvador Dalí, Max Ernst, René Magritte, sowie von hierzulande bisher wenig bekannten tschechischen Künstlern. Die Surrealisten fixierten ihre erotische Aufmerksamkeit nicht, wie die gleichfalls in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entstandene Psychoanalyse Freuds, auf die bloße Sexualität, vielmehr entfalteten sie die ganze Fülle der Sinnlichkeit und des Verlangens zwischen feinsinniger Anspielung und unverhohlener Pornographie, doppelbödiger Alltäglichkeit und absurden Traumvorstellungen – dies alles nur, um keine Langeweile aufkommen zu lassen, die die Menschen auf dumme Gedanken bringt und Gewalt in ihrem Gefolge hat. "Wenn das Leben sich langweilt", schrieb Jacques Prévert, "ist der Tod sein Zeitvertreib". In welchem Maße die Erotik des Daseins, deren Ausdruck die Kunst der Erotik im engeren Sinne ist, für die Surrealisten zum säkularen Gottesdienst geworden ist, schildert Heribert Becker mit der Souveränität des Experten in dem von ihm herausgegebenen opulenten Band. Aber diese Ars erotica ist eigentlich – und so verstanden dies auch die Surrealisten – definitiv nicht mehr nur eine Kunstrichtung, sondern eine Lebenshaltung.

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