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StartseiteForschung aktuellRückzug der Allerweltspflanzen14.10.2019

ArtensterbenRückzug der Allerweltspflanzen

Seit Jahrzehnten sterben die Insekten. Um über 70 Prozent sind ihre Bestände in den vergangenen 30 Jahren allein in deutschen Schutzgebieten zurückgegangen. Eine neue Studie zeigt jetzt, dass auch ihre Futterpflanzen dramatisch seltener werden.

Von Volker Mrasek

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Karthäusernelken auf einer Blumenwiese (imago images / CHROMORANGE)
Ehemals häufige Pflanzen wie die Karthäusernelke werden selten (imago images / CHROMORANGE)
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David Eichenberg und seine Fachkollegen haben alles zusammengekratzt, was sie kriegen konnten: sämtliche Aufzeichnungen über die Wuchsorte von rund 2.500 Pflanzenarten in Deutschland seit dem Jahr 1960. Die Daten stammen von Umweltämtern, Naturschutzverbänden, Feldforschern und Hobby-Botanikern. Ein Wust von rund 45 Millionen Einzelprotokollen, so der Biologe aus dem Deutschen Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig:

"Die haben wir komplett ausgewertet, die 60 Jahre. Ganz Deutschland."

Die Ergebnisse präsentierte der Projektkoordinator kürzlich auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Ökologie in Münster. Sie sind bemerkenswert:

"Da ist es tatsächlich so, dass um die 76 Prozent aller Archaeophyten abnehmen in ihrer Vorkommenswahrscheinlichkeit – dass man sie findet an einem Ort."

Die Pflanzen haben also drei Viertel ihrer früheren Lebensräume eingebüßt.

Archaeophyten zählen zwar nicht zur Ur-Flora Deutschlands. Dennoch sind es alteingesessene Arten, die hier schon seit vielen Jahrhunderten vorkommen. Kulturfolger des Menschen, die sich einstellten, als Ackerbau und Viehzucht immer mehr an Bedeutung gewannen, aber lange noch nicht so intensiv betrieben wurden wie heute.

Stärkster Rückgang bei mittelhäufigen Arten

Auch Kartierungen in Mecklenburg-Vorpommern über einen kürzeren Zeitraum zeigen den Verlust dieser Pflanzenarten. Florian Jansen, Professor für Landschaftsökologie an der Universität Rostock:

"Was wir zu meinem Erstaunen gefunden haben, ist, dass nicht die gefährdeten Daten – die, die auf unseren Roten Listen stehen -, am stärksten zurückgegangen sind zwischen 1980 und 2000, sondern die mittelhäufigen Arten. Die Arten, die mehr oder weniger überall vorkamen in der früheren Landschaft."

Man könnte also auch von einem Rückzug der Allerweltsarten sprechen:

"Eine Art, die früher auch jeder kannte, weil es an jeder Ecke rumstand, war das Ruchgras. Das riecht, wenn man’s unten reibt. Die Hirsesegge zum Beispiel, wenn man ‘n bisschen mehr ins Nasse geht. Ein Sauergras. Auch das eine Art, die heute irgendwie tatsächlich gesucht werden muss. Kartäusernelke, mit ‘ner schönen Zeichnung drauf und gefransten Blütenblättern – die findet man eben heute nur noch in ausgewiesenen Naturschutzflächen zum Beispiel, aber eben nicht mehr in der offenen Normallandschaft, wo sie früher häufig war."

Die Lebensräume der Archaeophyten schwinden: Moore, Feuchtwiesen und auch Agrarflächen:

"Die Vielfalt von Ackergesellschaften, die wir früher hatten, ist komplett zurückgegangen. Einen Kalkacker, den gibt’s gar nicht mehr. Einen sauren Acker, den gibt es nicht mehr. Die ganzen Arten, die sich darauf spezialisiert hatten, die gehen uns verloren."

Insekten fehlen die Futterpflanzen

Für die Forscher sind das Alarmzeichen. Die Vegetation sei ein Grundpfeiler der Stoffkreisläufe in der Natur, sagt Florian Jansen. Der Biologe sieht einen Zusammenhang mit dem vielzitierten Insektensterben:

"Der Insektenrückgang hat sicherlich etwas mit der direkten Insektizidbehandlung zu tun. Aber auch damit, dass eben Futterpflanzen nicht mehr vorhanden sind. Das Habitat ist einfach nicht mehr vorhanden, wo das Insekt Nahrung finden könnte. Und das hat ‘was damit zu tun, dass gerade unsere mittelhäufigen Arten zurückgegangen sind. Und das ist das, was den Insekten tatsächlich fehlt und was sicherlich auch einen Großteil des Insektenrückgangs erklären kann."

Aus Sicht des Rostocker Hochschullehrers liefern die Studiendaten neue Argumente, um die Naturschutzpraxis in Deutschland zu überdenken. Kleine Schutzgebiete hier und dort genügten einfach nicht, um den Rückgang von Pflanzen- und Tierarten zu stoppen. Es gehe um grundlegende Veränderungen in der Landnutzung und um eine Abkehr von der Intensiv-Landwirtschaft auf eintönigen, artenarmen Äckern:

"Wir müssen nur die Gelder umverteilen, dass sie eben genau diesen Artenreichtum belohnen und nicht einfach flächenmäßig ausgegeben werden ohne irgendeine Rücksicht darauf, was der Bauer da macht."

Grüne Acker-Inseln für Archaeophyten – so etwas muss man sich hier vorstellen. Laut Jansen lägen die Ertragseinbußen vermutlich bei zehn bis zwanzig Prozent. Das sei verkraftbar:

"Die Landwirtschaft soll erhalten bleiben. Wir wollen da schon noch ‘was ‘runterholen. Aber es muss beides zusammengehen."

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