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ArzneimittelforschungIm Auftrag des Klassenfeinds

Westliche Pharmafirmen haben Studien zur Erprobung von Arzneimitteln in der DDR durchführen lassen. Etwa 700 Fälle hat eine Forschungsgruppe der Charité Berlin für den Zeitraum von 1961 bis 1990 ermittelt. Wurden damit Regeln unterlaufen, die westliche Länder für klinische Studien aufgestellt haben?

Von Isabel Fannrich | 17.03.2016

Ein Stethoskop und eine Brille liegen auf einem Arztkittel.
Westliche Pharmafirmen haben Studien zur Erprobung von Arzneimitteln in der DDR durchführen lassen. (dpa / picture-alliance / Arno Burgi)
Klinische Arzneimittelstudien, die westliche Pharmakonzerne in der DDR in Auftrag gaben, waren nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Das ist das Resultat einer Studie, die Forscher der Berliner Charité jetzt abgeschlossen haben. Das DDR-Gesundheitssystem war von Anfang an eng mit dem westlichen medizinischen Markt verflochten, betont der Medizinhistoriker Professor Volker Hess.
"Es fängt an, nach dem Ende des Kriegs mit Gründung der DDR. Das heißt, wir finden Hinweise, dass - wie das auch im Westen üblich war – Pharmavertreter durch die sich gründende DDR gefahren sind und dort in Kliniken mit ihnen bekannten Klinikern gesprochen haben und einzelne Präparate zum Austesten, Probieren überlassen haben."
Das Forschungsprojekt der Berliner Charité, finanziert von Bundesregierung und Stiftung Aufarbeitung, von Ärztekammern und Pharmaindustrie, umfasste die gesamte DDR-Zeit. In den Akten der staatlichen DDR-Betriebe und Krankenhäuser sowie westlicher Pharmaunternehmen fanden die Wissenschaftler Hinweise auf insgesamt 927 Studien und Prüfungen im Auftrag des Westens. Bis 1982 können sie für rund 450 davon den Hersteller und Prüfort, teilweise auch den Indikationsbereich präzise benennen.
Als wichtiges Ergebnis bezeichnet der Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin und Ethik der Medizin an der Charité Volker Hess, "dass die Durchführung dieser Studien regelhaft den zeitgemäßen Standards gefolgt ist und dass, was aus unserer heutigen Sicht fragwürdig erscheint, nicht DDR-spezifisch ist. Das heißt, natürlich kommt uns vieles ethisch merkwürdig, fragwürdig oder sogar verwerflich vor. Aber das ist kein DDR-Spezifikum, sondern wir brauchen zwei Zeigefinger an der Stelle."
Damals wurden zum Beispiel auch Minderjährige, Schwerkranke und Patienten aus der Psychiatrie getestet. Dass Patienten in der DDR systematisch nicht über die Tests aufgeklärt und nicht nach ihrer Einwilligung gefragt wurden, können die Historiker nicht bestätigen. Für Einzelfälle sei dies allerdings nicht auszuschließen. Leider kommt die Perspektive der Betroffenen in dem neuen Band "Testen im Osten" zu kurz, haben sich doch nur wenige auf den wissenschaftlichen Aufruf hin gemeldet.
Die Forschungen zeichnen die Entwicklung der modernen Arzneimittelregulierung nach. 1964, lange vor der Bundesrepublik, erließ die DDR ein Arzneimittelgesetz. Das neue "Beratungsbüro für Arzneimittel" in Ost-Berlin erfasste die klinischen Tests nun zentral, kontrollierte deren Zulassung und die Aufsicht. Allein zwischen 1970 und '84 gingen hier rund 150 verschiedene Pharmahersteller aus 16 Ländern ein und aus.
"Die Übersicht zeigt, dass die Arzneimittelforschung in der DDR keine deutsch-deutsche, sondern eine europäische, wenn nicht sogar globale Angelegenheit war. Die Hersteller aus dem Bundesgebiet sind in etwa in die Hälfte aller Aktivitäten involviert, die andere Hälfte verteilt sich über ein großes Spektrum. An erster Stelle rangierten jeweils Bayer, Merck Sharp and Dohme, Pfizer, Sandoz und Roche, aber auch Schering, Boehringer Mannheim und Hoechst, die sich insbesondere an den Auftragsstudien später in den 1980er-Jahren beteiligten."
Wie die Historikerin Laura Hottenrott erzählt, ließen die Pharmakonzerne eine breite Palette von Medikamenten in allen Indikationsbereichen prüfen. Im Laufe der Zeit verschob sich das Interesse von Hormonen und Antibiotika hin zu Bluthochdruckmitteln. Die Charité-Wissenschaftler wählten für ihre Studie beispielhaft zehn Wirkstoffe aus, darunter Antidiabetika und ACE-Hemmer, und nahmen diese unter die Lupe. Die meisten Präparate seien parallel in verschiedenen Ländern durch jeweils mehrere Dutzend Studien getestet worden, ein kleiner Teil davon nur in der DDR.
Hier befanden sich Prüfzentren in allen Bezirken. Getestet wurde überwiegend im Bereich der Hochschulmedizin. Aber auch das öffentliche Gesundheitswesen öffnete seine Bezirks- und Kreiskrankenhäuser für Arzneimittelprüfungen.
Als weiterer Akteur hatte die DDR-Staatssicherheit stets ein Auge auf den direkten Kontakt zwischen Ärzten und Pharmaherstellern – galt es doch, die sogenannte illegale Testung neuer Produkte zu verhindern, bei der staatliche Kontrollinstanzen umgangen wurden. Laura Hottenrott:
"Aber nicht nur zu überwachen, sondern auch zu kanalisieren, eben die Durchführung der Studien. Das hat wiederum mit der Effizienz der Studien zu tun und der Devisen-Erwirtschaftung. Also es ging auch um die Handelsbeziehungen zu den Pharma-Herstellern. Die sollten auch kontrolliert und kanalisiert werden."
Warum ließen westliche Firmen in der DDR testen? Anders als vermutet war das kaum preiswerter. Allerdings habe das zentralistische System dafür gesorgt, dass die Studien – unter Ausschaltung öffentlicher Kritik - leichter zur organisieren sowie einfacher und schneller durchzuführen waren, betont Volker Hess.
"Das was der entscheidende Vorteil aus der Perspektive der pharmazeutischen Unternehmen war, soweit wir das rekonstruieren können, ist eben das zentralistische System, bei dem ein Vertragspartner sicher gestellt hat, dass es genügend ausreichend qualifizierte Prüfzentren gibt, dass genügend Probanden herangeschafft werden, dass die Kommunikation ordentlich erfolgt, dass die Prüfbogen abgegeben werden usw. Die Pharmafirmen haben sich für die leichtere Durchsetzung und Durchführung ihrer Studien der totalitären Strukturen eines diktatorischen Systems tatsächlich zu nutzbar gemacht."
Ein zwiespältiges Ergebnis, stellt der Medizinhistoriker fest. Denn andererseits konnte sich die DDR Schlampigkeit bei den Arzneimitteltests nicht leisten, standen doch die Devisen aus dem Westen auf dem Spiel.
"Diese Studien machen nur Sinn, wenn man sie verwenden kann. Und man kann sie nur verwenden, wenn sie vor den Augen einer Prüfbehörde einigermaßen sauber sind. Was mich richtig überrascht hat, ist diese lange Geschäftsbeziehung, sozusagen, diese enge Verwicklung. Und was sich dann doch herausgestellt hat, was deutlich überrascht hat, in welcher Weise dieses disziplinäre Regime der DDR mit seinen diktatorischen Strukturen die effiziente Durchführung klinischer Studien nach wissenschaftlichem Standard ermöglicht hat."
Das Fazit der Forscher über die westlichen Arzneimitteltests in der DDR lautet: "Ein Skandal, der keiner war". Zugleich räumen sie ein, dass die westlichen Firmen das Gefälle zwischen West und Ost ausnutzten. Bauten sie doch auf den willigen DDR-Patienten, der mitmachte - erstens weil der Arzt es so wollte und zweitens, weil das begehrte Präparat aus dem Westen kam.