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Arztgespräche
Der informierte Patient

Vor einem Arztbesuch recherchieren inzwischen nicht nur junge Patienten über Krankheiten und Therapiemöglichkeiten im Internet. Dennoch versteht laut einer aktuellen Studie jeder zweite Patient seinen Mediziner nicht. Die Medizinische Hochschule Hannover bietet seit 2007 eine Patientenuniversität an.

Von Michael Engel | 21.01.2014

    "Der Nächste bitte!"
    In der Sprechstunde um die Ecke: Viele Patienten haben sich vorab schon mal im Internet informiert. Manche bringen Messkurven über Blutdruck oder Zucker mit, die zum Beispiel mit Hilfe von Apps auf dem Smartphone erstellt wurden. Für die Allgemeinmedizinerin Dr. Cornelia Goesmann aus Hannover ist die "Internetisierung der Patienten" eine gute Entwicklung.
    "Bei jungen Leuten halte ich es eigentlich schon für selbstverständlich, dass sie so agieren. Ich glaube, dass junge Menschen, die mit dem Computer groß geworden sind, sich nur freuen, wenn sie ihre Daten online oder wie auch immer messen können. Aber ganz begeistert bin ich immer über ganz alte Herrschaften, die sich eben noch einen Computer anschaffen, wenn sie schon weit im Rentenalter sind, und dann mit ihren ausgedruckten Listen kommen und da sehr akribisch dokumentieren, das ist richtig toll."
    Eine ähnliche Beobachtung macht auch Marie-Luise Dierks. Die Professorin für Sozialmedizin bietet seit 2007 spezielle Schulungen für Patienten an, damit sie danach kompetenter mit den Ärzten sprechen können. Weit mehr als 3000 Interessierte haben seitdem an der Patientenuniversität der Medizinischen Hochschule Hannover teilgenommen.
    "Leute, die zu uns kommen, von denen sagt mindestens jeder zehnte, ich komme explizit deswegen, weil ich mit meinem Arzt auf Augenhöhe sprechen möchte. Also konkrete Fragen stellen, auch nochmal nachfragen, wenn der Arzt etwas sagt. Und es gibt so Dinge, was heißt denn eigentlich dieses Fremdwort? Da bin ich ja auch schon ein Stück auf Augenhöhe mit diesem Arzt und kann mich auf einer anderen Ebene mit ihm oder mit ihr verständigen."
    Kein Überblick
    Doch nicht alle Patienten können und wollen überhaupt mitreden. Nach einer aktuellen "Studie zur Gesundheitskompetenz" versteht jeder zweite Patient in der Praxis nur Bahnhof. Bildungsgrad und die Fähigkeit, sich neues Wissen anzueignen, sind bei diesen Menschen eher gering, so die Autoren. Aber: Auch Angst und nicht anecken zu wollen spielt eine Rolle, weiß Marie-Luise Dierks. Ein Beispiel:
    "Der Arzt sagt, bitte nehmen Sie das, der andere Arzt sagt, bitte nehmen Sie das. Ein gutgläubiger Patient nimmt das alles. Die besorgten Angehörigen nehmen sich diesen Zettel mit den vielen Medikamenten und fangen an, im Internet zu recherchieren und finden plötzlich, es gibt gravierende Neben- und Wechselwirkungen bei der Einnahme von diesen verschiedenen Medikamenten. Ja, und das ist ein Problem. Die Ärzte haben den Überblick verloren, dieser ältere Patient auch. In so einer Situation braucht ein Patient nicht nur die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können und so etwas verstehen zu können, sondern der braucht auch die Fähigkeit, sich zu trauen."
    Von der Patientenuniversität profitieren vor allem Menschen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen - immerhin 60 Prozent der Teilnehmer. Dabei lernen sie auch die Tücken beim Arztbesuch kennen, wenn die Begegnung mit dem Mediziner nur wenige Minuten dauern darf - leider die Regel hier zu Lande. Ganz aktuell entwickelte die Sozialmedizinerin eine Checkliste für die Praxis.
    Checkliste erstellen und Fragen stellen
    "Der Grund war, dass wir wissen, wenn Menschen zum Arzt gehen oder auch ins Krankenhaus gehen, haben sie viele Fragen. Aber in der Situation im Wartezimmer, aufgeregt und wartend auf den Arzt, dann merkt man, der hat eigentlich gar nicht viel Zeit, da sitzen noch ganz viele andere Leute, dann vergessen ganz viele Menschen ihre Fragen auch zu stellen. Deswegen haben wir so eine Checkliste gemacht und wir sagen: Schau Dir mal vorher an, was Du heute fragen möchtest. Und wenn der Arzt Dir antwortet, schreib‘ Dir auch die Antwort auf, und mit dieser Notiz dann aus dem Gespräch rauszugehen ist ein ganz einfacher, aber wirkungsvoller Tipp."
    Abrufbar ist die Checkliste unter Patienten-Universität.de. Bislang waren es vor allem Pensionäre und Rentner, die zur Patientenuniversität kamen. In diesem Jahr startet nun auch ein Programm für Betriebe - eine Premiere - mit Bildungsangeboten über gesunden Sport und Prävention: Die Patientenuniversität wird flügge.